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Bayern-Sieg gegen den BVB:Der Mut zur Schwachstelle wird belohnt

Münchner Freude nach Robert Lewandowskis Treffer zum zwischenzeitlichen 2:1.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Immer mehr Gegner stellen sich besser auf den FC Bayern ein - doch Hansi Flick kann sich nach dem 3:2 in Dortmund in seiner Taktik bestätigt fühlen. Nur die Verletzung von Joshua Kimmich könnte auf die Stimmung drücken.

Von Martin Schneider

Mats Hummels hat eine natürliche München-Kompetenz. Er besuchte das Gymnasium Neubiberg vor den südlichen Toren der Stadt, er hat in München geheiratet, Frau und Kind leben dort noch immer, zwischen 2016 und 2019 spielte er beim FC Bayern und außerdem versteht er etwas von Fußball. Man kann Mats Hummels immer sehr gut zuhören, wenn er spricht und analysiert, er ist redegewandt und mittlerweile auch Podcaster. "Bayern ist derzeit offensiv extrem stark, steht aber defensiv sehr offen", sagte Hummels nun am Sky-Mikrofon. "Es war also fast klar, dass es so ein Spiel werden würde und es über die Effektivität entschieden wird." Er haderte dann noch ein bisschen mit Glück und Pech, über abgefälschte Schüsse, was sein gutes Recht war, aber am Ende "gehen wir mit null Punkten aus dem Spiel".

Vorne stark, hinten offen und am Ende hat der Gegner null Punkte - das ist tatsächlich eine ziemlich exakte Zwischenanalyse dieser Bayern-Saison, die mit dem Spitzenspiel gegen Dortmund die erste größere Wegmarke erreicht hat. Die Bayern führen nach dem 3:2-Sieg beim BVB die Bundesligatabelle an, haben dabei nach sieben Spielen erschreckende 27 Tore geschossen - aber mit elf Gegentoren auf dem Papier eine wackligere Abwehr als Augsburg, Stuttgart oder Bremen. Für eine Mannschaft, die die Champions League gewonnen hat und gegen die ein Sieg in der Branche mittlerweile als "schwerste Aufgabe im Weltfußball" bezeichnet wird, ein doch erstaunlicher Fakt.

"Wir hatten viele Torchancen, die wir nicht genutzt haben - das ist unglaublich", sagte BVB-Trainer Lucien Favre nach dem Spiel. Bayern-Trainer Hansi Flick führte diese Dortmunder Chancen auf die eigenen Fehler zurück, aber das stimmt im Fußball eigentlich immer. "Wir müssen geduldiger spielen", mahnte er an.

Bereits in den vergangenen Partien fiel auf, dass sich immer mehr Gegner besser auf die Bayern eingestellt haben - auch der BVB fand die Schwachstelle im bayerischen Todesstern. Hansi Flick lässt seine Mannschaft sehr hoch verteidigen, das sorgt für einen enormen Druck auf den Ball. Doch wenn man die erste Verteidigungslinie der Bayern überwindet, stehen sie offen und sind anfällig. Der BVB und vor allem Hummels persönlich schickten Erling Haaland bei einem Ballgewinn schnell steil, sodass die Bayern nicht in das von Thomas Müller eingeleitete Pressing kamen. Haaland rannte mehrmals auf Manuel Neuer zu und gegen jeden anderen Torhüter hätte er vermutlich auch öfter als einmal (beim 2:3-Anschlusstreffer) getroffen.

Salzburg wählte in der Champions League ein ähnliches Mittel, sogar beim 1. FC Köln oder Arminia Bielefeld sah man Ansätze dieses Gegengifts gegen die bayerische Medizin. Aber, wie von Hummels angesprochen, zum Schluss endeten diese Spiele 6:2, 2:1, 4:1 und eben 3:2 für Bayern.

Flick geht absichtlich ins Risiko

Trainer sprechen nie gern über die eigene Taktik, aber wer Flick bei verschiedenen Pressekonferenzen zuhörte, der weiß, dass er sich dieser Schwachstelle selbst sehr bewusst ist, das Risiko aber absichtlich eingeht, um mehr Power in der Offensive zu haben. Das klappte auch gegen Dortmund. Zu den drei erzielten Toren durch David Alaba, Robert Lewandowski und Leroy Sané kamen noch ein Pfostenknaller von Kingsley Coman und zwei wegen Abseits aberkannte Lewandowski-Treffer. Wenn das Spiel unentschieden ausgegangen wäre, hätten auch die Bayern mit ihrer Chancenverwertung gehadert.

Nichts deutet darauf hin, dass die Münchner ihren Stil ändern werden, in den kommenden Spielen können es die Gegner also weiterhin genau so probieren. Nach der Länderspielpause geht es weiter mit Heimspielen gegen Bremen und Salzburg und nach einem Auswärtsspiel in Stuttgart kommen mit den Partien bei Atlético und gegen Leipzig die beiden letzten verbleibenden größeren Prüfungen in diesem Jahr.

Mitentscheidend für die allgemeine Stimmung beim Rekordmeister wird natürlich sein, welche Diagnose Joshua Kimmich bekommt. Der Mittelfeldspieler musste unter Schmerzen das Feld verlassen, nachdem er sich rettend in Erling Haaland hineingeworfen hatte, Verdacht auf Knieverletzung. Am Sonntag wurde die Sache laut DAZN, kicker und der Münchner tz als Meniskusverletzung spezifiziert, die Rede war gar von einer mehrwöchigen Pause bis in den Januar. Kimmich wäre einer der wenigen langfristigen Ausfälle, die die Münchner nicht so einfach verkraften würden, seine Kraft und Ballsicherheit im Zentrum sind elementar für den Spielstil, von seinen Führungsspielerqualitäten mal abgesehen.

"Wir warten jetzt ab. Es gibt keinen Grund, Wasserstandsmeldungen zu geben. Er ist ein Schlüsselspieler und ein Ausfall wäre für uns nicht ganz so einfach wegzustecken", meinte auch Flick. "Ich glaube, dass er das Knie ein bisschen überstreckt hat. Jo hat stabile Bänder und gutes Heilfleisch, deswegen hoffen wir das Beste", meinte Leon Goretzka. Würde Kimmich tatsächlich länger ausfallen, wäre er es, der die Chefrolle im Zentrum übernehmen müsste.

© SZ.de/chge
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