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Datenanalyse zum Titelkampf:Warum die Meisterschaft längst entschieden sein müsste

Teaserbild expected goals

Dank der unwahrscheinlich guten Chancenverwertung des BVB ist der Titelkampf noch offen.

(Foto: dpa)

Ein statistisches Modell zeigt, wie Borussia Dortmund lange über seinen Möglichkeiten spielte - und der FC Bayern sich in der zweiten Saisonhälfte erheblich steigerte.

"Ich habe das Gefühl, dass wir vor großen Dingen stehen. Ich kann es auch nicht erklären." So wolkig verteidigte jüngst BVB-Boss Hans-Joachim Watzke seinen Glauben daran, dass Dortmund den FC Bayern im Titelkampf noch abfangen wird - obwohl er wohl weiß, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist. Dortmund muss in Gladbach gewinnen, die Bayern gleichzeitig gegen Eintracht Frankfurt verlieren. Andererseits: Beim BVB ist in dieser Saison schon sehr viel Unwahrscheinliches passiert. Denn glaubt man dem Statistikmodell "Expected Goals", dann dürfte Dortmund längst nicht mehr auf die Meisterschaft hoffen.

Die "zu erwartenden Tore" ("Expected Goals") lassen sich in einem Modell errechnen - abgekürzt xG. Die Idee dahinter: Jeder Torschuss hat eine durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein. Je höher der Wert, desto höher ist die Qualität der Chance - und die Wahrscheinlichkeit, dass aus der Chance auch ein Tor resultiert. Im besten Fall ist der Wert 1. Am einfachsten ist dies beim Elfmeter zu bestimmen, ein Torschuss quasi unter Laborbedingungen. Von 100 Elfmetern werden durchschnittlich 76 verwandelt, der xG-Wert entspricht also 0.76.

Borussia Dortmund v FC Augsburg - Bundesliga; Alcacer
(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Mit dem Modell lässt sich einschätzen, ob eine Mannschaft unabhängig von den erzielten Toren gut spielt - weil sie mehr Schüsse mit hohem xG-Wert kreiert. Und der BVB profitiert demnach immer noch davon, dass er in der ersten Saisonhälfte weit über seinen Verhältnissen spielte. Häufig war es Stürmer Paco Alcácer, dem scheinbar alles gelang, auch unwahrscheinliche Tore. Wie gegen Augsburg: Der Spanier kommt von der Bank, trifft zweimal und legt sich in der Nachspielzeit den Ball zum Freistoß zurecht, 23 Meter vom Tor entfernt. Er schießt - und trifft zum 4:3.

Ein solcher direkter Freistoß hat eigentlich nur eine geringe Erfolgsaussicht, nur fünf von 100 Versuchen werden aus dieser Position verwandelt. Der Treffer gegen den FCA hatte einen xG-Wert von 0,05. Die Position war schlecht, viele Spieler standen in der Mauer. Das Tor: unwahrscheinlich.

Beim BVB war vor allem in der ersten Saisonhälfte die Zahl der erzielten Tore viel höher, als man es erwarten durfte - die BVB-Spieler nutzten ihre Chancen häufiger, als das Modell vorhersagt. Beim 7:0 gegen Nürnberg hätte das Modell nur zwei Tore vorhergesehen.

Die Dortmunder waren laut Statistik auch bei der Verwertung ihrer Großchancen sehr effizient, wie zum Beispiel im ersten direkten Duell gegen die Bayern am 11. Spieltag. Das Tor zum 3:2, als Alcácer nur noch Manuel Neuer vor sich hatte, war eine vergleichbar leichte Aufgabe: in 100 Versuchen treffen Spieler aus dieser Position fast 60 Mal ins Tor, ein Wert von 0.57 - fast wie ein Elfmeter.

Alcácer hat nach Lewandowski die meisten Tore erzielt - sogar sieben Tore mehr als mit xG-Messung als wahrscheinlich errechnet. Bayerns Angreifer führt die Torjägerliste mit 22 Toren an, hätte aber - gemessen an seinen Chancen - 32 Tore erzielen sollen.

Die Bayern legten bei den Expected Goals in der zweiten Saisonhälfte zu. Von durchschnittlich 2,28 xG pro Spiel vor der Winterpause kommen sie aktuell auf 3,13 xG nach der Winterpause. Eine extreme Steigerung.

In der gleichen Zeit ist Dortmund von 1,91 xG auf 1,88 xG nur minimal gesunken. Dortmund ist demnach also nicht eingebrochen in der zweiten Hälfte der Saison - sondern hat zu Beginn unerwartet viele Tore erzielt und damit viele Punkte geholt. In der zweiten Saisonhälfte haben sie die Leistung abgeliefert, die man nach dem Modell erwarten konnte.

Die Dortmunder messen sich dabei in dieser Saison mit einer Münchner Mannschaft, die aus der Sicht des Expected-Goals-Modells solide spielt - und tendenziell ein wenig unterhalb der erwarteten Punkte liegt. Nach dem xG-Modell wäre schon am 29. Spieltag, Mitte April, der FC Bayern uneinholbar vor Dortmund gewesen und hätte mit 17 Punkten Vorsprung die Meisterschaft feiern können.

Sollte Dortmund am Samstag gegen alle Wahrscheinlichkeit noch Meister werden, dann hat das also auch damit zu tun, dass Paco Alcácer ein Tor gegen Augsburg schoss, das ausgesprochen unwahrscheinlich war. Aber davon wusste er ja nichts.

Methode der "expected Goals"

Das Expected Goals-Modell ist ein relativ einfaches statistisches Verfahren, um den Faktor Zufall im Fußball rechnerisch zu minimieren. Für die Berechnung der Expected Goals werden zunächst die Parameter von hunderttausend Schüssen verglichen: die Position auf dem Spielfeld, die Art des Schusses, der Winkel zum Tor, gibt es Aktionen von Torhüter oder Gegenspielern, ist es ein Kopfball oder ein Fallrückzieher? Und vor allem: Führte der Schuss zu einem Tor? Am Ende kann das Modell einen Wert berechnen, der aussagt, wie wahrscheinlich ein Schuss mit bestimmten Voraussetzungen zu einem Tor führt. Und daraus lässt sich ableiten, wie ein Spiel enden sollte, wenn die Chancen und Tore fair verteilt wären. Der Expected Goals-Wert liegt immer zwischen 0 und 1 - und kann daher als Prozentangabe gelesen werden.