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Fußball und Corona:Die Liga als pures Fernsehspiel

Auch Fußball-Revierderby Dortmund gegen Schalke ohne Publikum

Die Bundesliga hat sich an leere Tribünen ohne Fans fast schon gewöhnt.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Klar, die Fans fehlen dem Fußball - aber wie sehr fehlt der Fußball eigentlich den Fans? Man kann den düster argumentierenden Fanforschern glauben - oder den Zahlen.

Von Philipp Selldorf

Am vorigen Samstag empfing der SC Fortuna Köln zum Punktspiel in der Regionalliga West keinen geringeren Gast als den SV Rödinghausen. Der Vorjahresmeister forderte die Hausherren bis zum Äußersten, und in den letzten Minuten wurde ein, wenn auch kurzes, Kapitel kurioser Fußballgeschichte geschrieben. Eben noch hatte Mike Owusu in der 87. Spielminute das 3:2 für die Fortuna geschossen, da wechselte der Rechtsaußen die Seiten: aus dem Sturm ins Tor, nachdem Torwart Kevin Rauhut lädiert den Platz hatte verlassen müssen.

Hoch ging's noch mal her, doch Owusu hielt den Kasten sauber. Diese packenden Begebenheiten hätte man anschließend gern bei ein paar Kölsch in der Klubgaststätte "Bacchus" besprochen, einem gesegneten Ort, an dem einst der Vereinspatron Jean Löring Siegesfeiern veranstaltete, die dem Weingott gefallen hätten - doch das "Bacchus" gibt es nicht mehr, und wenn es noch existierte, dann wäre es jetzt geschlossen.

An Augenzeugen für den Austausch über das Spiel hat es am Samstag nicht gemangelt. Eine Handvoll Fortuna-Fans verfolgte die Partie, auf mitgebrachten Leitern stehend, am Stadiontor. Der Ordner in der gelben Weste jenseits des Tores ließ sie gewähren, die Zuschauer befanden sich ja auf einem Terrain außerhalb seiner Zuständigkeit. Vielleicht wollte er aber auch dieses rührende Bild von den Zaungästen nicht zerstören, das erfreuliche menschliche Regungen vereinte: Treue, Hingabe, Sehnsucht. Die Fortuna-Freunde hätten zwar auch bequem im Wohnzimmer sitzen und die Partie für 2,99 Euro im Internet-Fernsehen sehen können, doch sie suchten die Nähe zum wahren Leben. Die Spieler kamen später vorbei und applaudierten für ihre Gegenwart.

Dortmunds Oberhaupt befürchtet eine "Ent-Emotionalisierung" der Gemeinde

Auch die Profis des SV Darmstadt 98 erinnerten sich nach dem Pokalspiel am Dienstagabend in Dresden ihrer Anhänger, als sie ein Transparent mit der Aufschrift "Wir vermissen Euch" durchs menschenleere Stadion trugen. Grußbotschaften ans Publikum gehörten in den vorigen Jahren zu den weihnachtlichen Ritualen der Fußball-Branche, nicht selten wirkte es aber so, als hätte der Marketing-Manager die Geste angeordnet. Diesmal schien die Würdigung aus dem Herzen zu kommen, hier verzehrte sich der eine Partner nach dem anderen Partner.

Ob allerdings die Sehnsucht der Darmstädter Spieler von den "Lilien"-Fans erwidert wird, das weiß man nicht - das ist eine dieser Grundsatzfragen, die das ehedem luxuriöse Dasein des Profifußballs im Jahr 2020 sehr, sehr ungemütlich gemacht haben.

Nicht nur Borussia Dortmunds Oberhaupt Joachim Watzke befürchtet eine "Ent-Emotionalisierung" der Gemeinde durch den klinischen Corona-Spielbetrieb. Sorgt der erzwungene Abstand der Fans für deren dauerhafte Entfernung? An resoluten Weissagungen über das Ende des Booms in den Stadien und der Herrschaft des Fußballs fehlt es im öffentlichen Diskurs nicht, mancher Nischen-Experte ist darüber nahezu berühmt geworden.

Was den Talkmastern ihr Karl Lauterbach, das ist den Sportmedien exemplarisch der Sportwissenschaftler Harald Lange: eine zuverlässige Quelle starker Meinungen und finsterer Prophezeiungen - und damit ein beliebter Gesprächspartner. Lange, 52, Lehrstuhlinhaber an der Universität Würzburg und sogenannter Fan-Forscher, hat seit dem Frühjahr in unzähligen Interviews Ansichten vertreten, die geeignet waren, den Managern Angst zu machen.

"Die Stimmung kippt gegen den Fußball", trug er im Mai in der Mainpost zur Debatte über den Neustart der Liga bei. Sein Indiz: kritische Politikerstimmen. Der Fußball als Opium der Massen sei "entzaubert", sagte er dem Wiener Kurier im Sommer, derweil er in der Deutschen Welle erklärte, der proklamierte Reformwille von DFB und DFL sei "nur Folklore". Im Herbst sah er die Fans "immer weiter" von ihrer Passion abrücken, er las dies in "der Kommunikation in den sozialen Netzwerken: Die Kommentare klingen genervt und resigniert". Im Dezember rief er im MDR quasi das Ende der Bewegung aus: "Die Fans werden sich millionenfach abwenden." Gunter A. Pilz, 76, ein anderer bewährter "Fanforscher", verspricht hingegen volle Stadien, "sobald es wieder Bier und Bratwurst gibt". Aha. Und was sagt die Sprecherin der Fan-Vereinigung "Unsere Kurve"?

Auch Helen Breit aus Freiburg ist ja mittlerweile eine aus Presse, Funk und Fernsehen bekannte Persönlichkeit. Wenn das "Sportstudio" sie zuschaltet, damit sie ihre These über die "Entfremdung" der Fans vom modernen Fußball erläutert, dann wähnt man sich in den "Tagesthemen" beim Politiker-Interview. Die 33-Jährige argumentiert klug und professionell , wenn sie den Fußball davor warnt, ihm würden die Gläubigen davonrennen. Aber wo endet der zulässige Verdacht, und wo beginnt die selektive Wahrnehmung, die sich innerhalb der Interessengruppe bildet?

Die Bundesliga ist die erfolgreichste Seifenoper der Republik

Auf der jüngsten Vollversammlung erfuhren die Vertreter der 36 Profiklubs, dass sich das Interesse der Deutschen am Fußball in diesem bizarren Jahr wie an der Börse im Wellengang bewegte. Gemäß den Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts Kantar (ehedem Emnid) im Auftrag der DFL nahmen bis zum Beginn der Corona-Krise durchschnittlich 53 Prozent der Befragten Anteil an der Liga, im Sommer sackte der Wert auf 35 Prozent, inzwischen ist er wieder bei 54.

Die DFL konnte den verunsicherten Klubs noch eine gute Mitteilung machen: Die mediale Bundesliga-Nachfrage ist höher denn je. Die Live-Partner Sky und Dazn verzeichnen Rekordzahlen an Abo-Verkäufen und Marktanteilen, Dazn, das prinzipiell keine Zahlen nennt, kommt angeblich auf zwei Millionen Kunden. Auch die "Sportschau" behauptet sich mit steigenden Zuschauerzahlen, nachdem im Juni bei der Rückkehr des Fußballs ein bis zwei Millionen Zuschauer gefehlt hatten. Inzwischen gelten die Werte, die vor Corona üblich waren.

Woran liegt das? Einerseits an der sedierenden Wirkung des grünen Bildschirms und gewiss auch daran, dass irgendwann niemand mehr Karl Lauterbachs neuen Verbotsphantasien zuhören möchte. Andererseits daran, dass zwar die Atmosphäre in den Stadien anders ist, die Themen aber die gleichen bleiben: Wann hört Lucien Favre auf, den BVB zu limitieren? Wann steigt der Hamburger SV endlich auf und welche Intrigen spinnen die Aufsichtsräte? Ist Leroy Sané womöglich ein Fehleinkauf, der das sagenhafte Festgeld-Konto der Bayern schröpft? Die Bundesliga ist die erfolgreichste Seifenoper der Bundesrepublik.

Nun sieht man ihre Spuren nicht mehr in den Vor- und Innenstädten, in Zügen und auf Fernstraßen, stattdessen hat die Liga als pures Fernsehspiel von den deutschen Wohnzimmern Besitz ergriffen. Während das Land in weiten Teilen stillliegt, rollt ja der Ball in den entvölkerten Stadien im Dauerbetrieb weiter. Der Fußball arbeitet hyperaktiv sein Programm ab, um all seine Terminpflichten einhalten zu können und den Zeitraum in die nächste Periode zu überbrücken.

Vorschläge, wie diese aussehen sollte, nachdem zuletzt unsympathische Wuchersummen auf dem Transfermarkt und Phänomene der Dekadenz überhandgenommen hatten, gibt es genug: "Der Fußball hat in den vergangenen Jahren auf Teufel komm raus den Profit gesucht - es wird Zeit, dass er sich auf die Basis besinnt und nicht immer nur ans Geld denkt." Diesen Satz hat nicht der ehemalige Klub- und DFL-Manager Andreas Rettig gesagt, der inzwischen als Mahner und Warner durch die Medien zieht, sondern: Karl-Heinz Rummenigge. Allerdings hat er ihn vor zwanzig Jahren geäußert, als es darum ging, die Sünden der Neunziger aufzuarbeiten - die laut Rummenigge "von der Geldbeschaffung geprägt" waren.

Schon im Jahr 2001 stand der Chef des FC Bayern nicht im Verdacht, Sozialist zu sein. Man darf aber auch als Kapitalist Kritik am eigenen System üben, wie damals, als eine Reform der Europacups anstand. Die Direktoren der Profiklubs werden jetzt nicht so einfältig sein, zu glauben, Bier und Bratwurst genügten, um wieder Nähe zum Publikum und den alten Status Quo herzustellen. Ein Anfang wäre zum Beispiel gemacht, wenn der 1. FC Köln im Sommer nicht zur Missionierung nach China reisen, sondern beim lieben Nachbarn Fortuna im Südstadion vorbeigucken würde.

© SZ/cca
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