Wenn Fußballtrainer aufs Wertungssystem im Eiskunstlaufen hinweisen, kann man stets von einem Arbeits- oder einem Duselsieg ausgehen. Jedenfalls von einer Kür, die zwar keinem so richtig gefallen hatte, aber bei der jede Landung beim Salchow oder Rittberger halbwegs saß. Borussia Dortmunds Trainer Niko Kovac stellte also fest, was er in dieser Saison nach fast jedem BVB-Auftritt sagen könnte: „Es geht in erster Linie immer um die A-Note. Die B-Note kommt on top. Da können wir besser werden.“
Auf blanke Zahlen zu verweisen, hilft Borussia Dortmund: 3:0 endete das Bundesliga-Heimspiel gegen Werder Bremen, obwohl zeitweilig von beiderseitigen Fehlpassorgien begleitet – und sogar von Pfiffen beim Halbzeitgang in die Kabinen. Niko Kovac jedoch konnte zum wiederholten Male betonen: „Wir haben in dieser ersten Halbserie der Saison nur ein Spiel verloren, gegen die Bayern.“ Ergänzen könnte man noch: Neun Spiele gingen „zu null“ aus, ohne Gegentor, und Dortmund hat 36 Punkte – im Vorjahr waren es unter dem glücklosen Trainer Nuri Sahin nur 25, was dann bald zu dessen Ablösung durch Kovac führte. Würde man die von Kovac geleiteten Spiele aus der vergangenen Saison noch hinzuzählen, käme der BVB inzwischen auf 24 Ligaspiele ohne Niederlage – bis auf jene eine gegen die offenbar konkurrenzlosen Münchner.

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Wenn da bloß die B-Note nicht wäre, die für den künstlerischen Eindruck, bei der jeder Betrachter zu recht unterschiedlichen Erkenntnissen kommen darf. Gegen Bremen gelang Nico Schlotterbeck, dieses Mal wieder als Ersatzkapitän auf dem Platz, wie im Training das frühe 1:0: Julian Ryerson hatte eine fein temperierte Ecke hereingebracht, und Schlotterbeck stand so allein, dass das Tor fast eine Formsache war. Dass Schlotterbeck anschließend in seiner typischen Jubelpose den Zuschauern auf der Osttribüne ausgiebig seinen Bizeps vorzeigte, konnte man dem von Abschiedsgerüchten umwobenen Nationalverteidiger als Verbrüderungsgeste mit dem Dortmunder Volk auslegen.
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Danach allerdings ging es mit dem künstlerischen Wert des Spiels steil bergab. Werder Bremen spielte taktisch ganz interessant und kam zwei-, dreimal zu Kontern, mit denen die zuletzt so viel besungene BVB-Defensive überfordert wirkte. Bremens Justin Nijnmah, der bereits nach vier Spielminuten die beste Chance vergeben hatte, tauchte in der 18. Minute erneut allein vor BVB-Torwart Gregor Kobel auf, zwischendurch verpasste er einen Querpass auf den allein vor dem Tor stehenden Jens Stage. Man weiß nicht, was aus der A-Note geworden wäre, wenn die Bremer hier kaltblütiger gewesen wären.
Danach gelang es Dortmund, die Bremer zumindest an ihren Konter-Überfällen zu hindern. Dafür musste das Publikum lange Stafetten von Fehlpässen mit ansehen. Beim BVB, dem Tabellenzweiten mit den beeindruckenden Zahlen, kam kaum einmal ein Spielaufbau mit mehr als zwei Pässen in den eigenen Reihen zustande. Bei Werder war das ähnlich. Die Gäste waren offenkundig zu sehr damit beschäftigt, die Gastgeber mit erstaunlich hohem Pressing zu bekämpfen. Die Dortmunder wirkten ihrerseits fahrig, unpräzise, uninspiriert.
Niko Kovac hatte sich – wie fast immer – für mehrere Wechsel in der Startelf entschieden, nach dem 3:3 zuletzt bei Eintracht Frankfurt, das zwar ein Spektakel mit spannender Torfolge geboten, aber sich eher wie eine Niederlage angefühlt hatte. Die auffälligste Umstellung war, dass der BVB-Trainer auf seinen seit Monaten durchhängenden Strafraumstürmer Serhou Guirassy verzichtete und stattdessen Fabio Silva eine Chance gab. Guirassy kam, wie auch Jobe Bellingham, erst nach rund 70 Minuten aufs Feld. Der Mittelstürmer hatte davor in elf Spielen nur ein einziges Mal getroffen und beim 3:3 in Frankfurt auch noch hinten einen Elfmeter verursacht.
Aber siehe da: Als die Bremer sich müde gepresst hatten und Marcel Sabitzer einen der wenigen BVB-Geistesblitze zu einem sehr ansehnlichen Dropkick-Tor zum 2:0 verwandelt hatte, kam auch der Moment für Guirassy. Der frühere Dortmunder Amos Pieper legte, gestört durch Bellingham, dem glücklosen Stürmer das 3:0 passgenau vor die Füße. Und bei diesem Geschenk musste Guirassy einfach zugreifen. Alle Dortmunder freuten sich für ihn, Guirassy hat nun sechs Saisontore erzielt. Sein Stürmerkollege Silva, der meist nur kurz eingesetzt wird, hat noch gar nicht getroffen.
Kann sein, dass die 70 Silva-Minuten insbesondere eines belegen konnten: dass Mittelstürmer im BVB-System kaum verwertbare Zuspiele bekommen. Das wiederum könnte mit der B-Note zusammenhängen, denn die merkwürdig unattraktive Spielweise hängt eben sehr damit zusammen, dass sich der Kovac-BVB im künstlerischen Bereich schwertut. Kunst im Fußball ist meist die Kunst, den Gegner so auszuspielen, dass es Torchancen gibt. Defensiv rühmt sich der BVB übrigens gerne der eigenen Stabilität, mit bisher nur 15 Gegentoren in 17 Ligaspielen. Gegen Bremen half das Glück, und bisweilen hilft hinten auch Torwart Kobel.
Vor und nach dem Spiel machte eine Meldung des Senders Sky die Runde, dass Dortmunds Sportdirektor Sebastian Kehl vom Aufsichtsrat des Hamburger SV als Kandidat für den vakanten Job des Sportvorstands favorisiert werde. Dieselbe Position hatte Kehl in Dortmund 2024 verpasst, Lars Ricken war damals in der internen Hierarchie überraschend an ihm vorbeigezogen. Als Kehls Chef äußerte sich Ricken am Dienstagabend inhaltlich nicht zu den Gerüchten aus Hamburg. Er wies darauf hin, dass Kehl gerade mitten in den Transferarbeiten für die neue Saison stecke und man andere Themen habe.
Kehl verschwand fast wortlos aus dem Stadion, er wollte sich weder zum Spiel noch zu anderen Themen äußern.

