Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Bayern-Sieg in der 90. und 91. Minute

Hermann Gerland hat einen schönen Spruch gesagt und Thomas Müller hat ihn geprägt: "Immer Glück ist Können", eine schöne Aussage in Zeiten, in denen es gut läuft. Die Frage ist, was das im Umkehrschluss bedeutet. Müller hat nämlich in jüngster Vergangenheit oft Pech. Diesmal hatte er die größte Chance der Bayern kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit. Er tunnelte Ingolstadt Torhüter Martin Hansen, der Ball bewegte sich unaufhaltsam auf das leere Tor zu - und wurde dann noch um Grashalmesbreite von Florent Hadergjonaj weggeschlagen.

Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit war Thomas Müller immer noch auf dem Platz und wieder am Ball. Er flankte. Auf Arturo Vidal. Der hielt den Fuß hin und traf. Ein paar Sekunden später kam Arjen Robben an den Ball. Der spielte einen Doppelpass mit Douglas Costa und schoss ein. Auf dem Spielberichtsbogen stand dann: 2:0 für Bayern. Tore in der 90. Minute und in der 91. Minute. Nach dem Sieg in Freiburg, wo Robert Lewandowski kurz vor Ladenschluss traf, ist das der zweite späte Sieg gegen einen Außenseiter. Ist das nun Glück oder schon Können?

Der FC Bayern verzweifelte sehr lange am FC Ingolstadt, der in diesem Stadion RB Leipzig schlug und gegen Borussia Dortmund ein Remis erkämpfte. Und die Oberbayern entschieden sich wieder für ihre Piesack-Taktik gegen starke Teams. Viele Verteidiger und vor allem (im Gegensatz zu Wolfsburg im DFB-Pokal) auch viele Verteidiger, die jeden Zweikampf zu einem Kleinkrieg verwandeln. Morales ging nach acht Minuten mit gestrecktem Bein gegen Lewandowski vor, der wich aus, streifte mit seinen Stollen aber Morales' Unterschenkel. Das Ergebnis: Erst einmal eine Minute lang Diskussionen. Schiedsrichter Zwayer schlichtete die Situation ohne Karte schlichtete.

Das ist die Philosophie dieses Klubs: Zwar sind sie Vorletzter, haben sich aber quasi als Markenkern erarbeitet, gegen Teams wie den FC Bayern aufzutreten, als seien sie Sand im Unterhemd. Klassische Nervensägen eben. Nach 20 Minuten hätte diese Quälerei schon fast vorbei sein können, nach einem Pass von Xabi Alonso lupfte Robert Lewandowski den Ball über Ingolstadts Torhüter Martin Hansen, doch Marvin Matip grätschte die Kugel 50 Grashalme vor der Linie noch weg.

Ansonsten schaffte es das Team von Maik Walpurgis weitgehend, den Ball vom Polen fern zu halten. Thiago schoss in der 37. und in der 39. Minute erst kunstvoll und dann scharf aufs Tor, aber das fiel nur deswegen auf, weil der FC Bayern zuvor eher wenig bis gar nicht zu Chancen kam. Darum war eher interessant, was ein gewisser Max Eberl auf anderen Sportplätzen zu sagen hatte. "Es war mein Herzenswunsch, Sportdirektor zu werden. Ich bin gerade Sportdirektor bei einem wirklich großartigen Club. Ich bin stolz, dass ich hier arbeiten darf und ich bin stolz, etwas aufgebaut zu haben. Eine Ausstiegsklausel für den FC Bayern habe ich nicht", sagte Eberl am Rande des Gastspiels von Borussia Mönchengladbach bei Werder Bremen dem TV-Sender Sky.

Philipp Lahm muss was tun

Und schließlich war da auch noch Philipp Lahm, der - man konnte das unter der Woche gerne vergessen - ja tatsächlich noch aktiv Fußball spielt. Er tat das auf seiner angestammten Rechtsverteidiger-Position und agierte wie Abseits des Platzes recht offensiv. Mehrfach tauchte er erstmals im Ingolstädter Strafraum auf. Er musste das tun, weil der FC Bayern komplett ohne Flügelspieler auf das Spielfeld in Ingolstadt lief. Kein Franck Ribéry (verletzt), kein Douglas Costa, kein Kingsley Coman, kein Arjen Robben. Die saßen alle auf der Bank.

"Die erste Hälfte war sehr schwierig, wir haben keinen Platz gefunden. Ingolstadt war defensiv richtig stark. Wir mussten alles geben", sagte Bayern-Trainer Carlo Ancelotti nach dem Spiel. Kollege Maik Walpurigs sah das ähnlich: "Die Mannschaft hat sehr gut gegen den Ball gearbeitet und sehr gut verteidigt. Nach vorne haben wir nicht unseren besten Fußball gezeigt. Wir waren zu fahrig, aber aufgrund der Leidenschaft wäre ein Punkt verdient gewesen."

Nach der Pause bugsierte Mathew Leckie den Ball nach einem Eckball aus kurzer Distanz aber auch aus Abseits-Position über das Tor von Manuel Neuer und erinnerte den FC Bayern daran, dass sie hier gut und gerne verlieren könnten. Kurz darauf ließ Manuel Neuer Dario Lezcano mit einer Körperdrehung aussteigen. Das war stark, änderte aber auch nichts am Spielstand.

Kurz darauf wurde es Philipp Lahm zu viel. Die Münchner hatten Probleme im Mittelfeld, Lewandowski ließ sich zurückfallen, fehlte dann aber in der Sturmspitze. Lahm dribbelte dann tatsächlich drei Gegner aus, scheiterte dann aber am vierten Ingolstädter.

In der 67. Minute versuchte Lewandwoski dann auch einen Alleingang - mit dem gleichen Ergebnis. Drei ließ er aussteigen, am Vierten blieb er hängen. Es war symptomatisch für das Spiel: München brauchte Einzelaktionen. Ingolstadt spielte weiter nach Plan A. Roman Bregerie trat Kimmich rüde um, Lewandowski schubste ihn weg, beide bekamen Gelb und die Uhr lief weiter runter.

17 Minuten vor Schluss kam dann der Mann für Einzelaktionen: Arjen Robben. Der belebte das Spiel, half Lewandowski ganz vorne und der Pole knallte einen Schuss in der 83. Minute an die Latte - der 16. Aluminiumtreffer der Bayern in dieser Saison.

Es sah für kurze Zeit so aus, als würde der FC Bayern die Tabellenführung mit zwei Unentschieden ausbauen. Aber dann kamen Vidal und Robben.

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