Bundesliga Die Niederlage der Bayern ist vor allem eins: folgerichtig

Sichtlich bedient: Bayerns Robert Lewandowski.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Der FC Bayern München offenbart bei seiner 1:3-Niederlage gegen Bayer Leverkusen elementare Schwächen.
  • Es gelingt dem Team erneut nicht, seine anfängliche Überlegenheit zu nutzen.
  • Dass die Münchner ihre Dominanz nicht über 90 Minuten zeigen können, ist zum Muster der Saison geworden - allmählich hat man sich daran gewöhnt.
Von Philipp Selldorf, Leverkusen

Vor dem Spiel hatte man, wie ein Teilnehmer von Seiten der Hausherren berichtete, "sehr nett zu Mittag gegessen", doch nach dem Spiel kannten die Gäste ihre Gastgeber nicht mehr. Der Präsident Uli Hoeneß und der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bewegten sich in geschlossener Formation nicht eilends, aber doch recht zielstrebig auf den Ausgang zu, und der Leverkusener Funktionär, der ihnen eine gute Heimreise wünschte und die Hand zum sportlichen Abschiedsgruß reichte, wurde ebenso ignoriert wie die Berichterstatter, die um einen Kommentar zur 1:3-Niederlage des FC Bayern bei Bayer 04 ersuchten. Zumindest der Mann aus Leverkusen war aber keineswegs beleidigt, dass ihm Hoeneß und Rummenigge den angebotenen Handschlag vorenthalten hatten. Niederlagen seien nun mal beim FC Bayern nicht vorgesehen, befand er verständnisvoll.

Wenn die Bayern verlieren, dann erfreut sich das Siegerlager üblicherweise an einer Stimmung, als ob im ewigen Klassenkampf ein historisches Stündchen geschlagen hätte. Prompt sangen die Leute in Leverkusen die revolutionären, romantischen Lieder, die schon ihre Vorväter und Großmütter gesungen hatten: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" und "So ein Tag so wunderschön wie heute" - Melodien aus dem Vorvorgestern des 20. Jahrhunderts. Hoeneß und Rummenigge gaben das passende Bild dazu ab: Adlige Zelebritäten, die der um sich greifenden Schadenfreude des gemeinen Volkes schnell zu entfliehen suchten. Dass es bereits die vierte Niederlage in dieser Saison war, machte die Sache am Wochenende naturgemäß nicht besser, die Mienen der hohen Herren zeugten von verschärftem Missmut.

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Diese Niederlage dürfte den auffallend sprachlosen Ober-Bayern besonders missfallen haben, denn sie ließ sich nicht durch die durchaus vorhandenen Launen des Spielgeschehens abtun, sie folgte stattdessen grundsätzlichen Mustern und war aus zwei Gründen folgerichtig: Weil die Bayern einerseits gegen einen gefährlichen Gegner elementare Schwächen offenbart hatten, und weil sie andererseits die Vorteile ihrer Überlegenheit nicht zu nutzen wussten. Als die Münchner zur Halbzeit 1:0 führten, dürfte es trotz des engen Spielstands nicht vielen Augenzeugen in der BayArena eingefallen sein, eine Wendung dieser Partie zu prophezeien. Euphorisch hatten die Leverkusener losgelegt, aber es lag dann nicht an ihnen, sondern an der konzertierten Präsenz des Gegners aus München, dass sie das Versprechen des stürmischen Beginns nicht einhalten konnten.

"Sie waren stark, aber sie sind uns nicht um die Ohren gelaufen", drückte es Thomas Müller später aus, "wir waren nicht unzufrieden mit der ersten Halbzeit."

Leon Goretzkas Führungstor zum 1:0 (41. Minute) war das Ergebnis der steten Belagerung, die speziell das Trio David Alaba, Kingsley Coman und James Rodríguez auf dem linken Flügel inszenierte. Mitchell Weiser und - in dessen Gefolge - Jonathan Tah erwiesen sich als die schadhafte Stelle in der Leverkusener Deckung, dem Tempo und der Technik ihrer Gegner hielten sie nicht allzu lange stand. Goretzka fügte beim Führungstor eine Pionierleistung hinzu: Erst stoppte er am eigenen Strafraum einen Konter, dann sprintete er über das komplette Feld in die Spitze, um im zweiten Anlauf den Gegenangriff zu vollenden.

Kurz darauf schien der Fall schon klar zu sein, doch Robert Lewandowskis geradezu logisch anmutendes 2:0 nahmen die Videoschiedsrichter nach Besichtigung der Szene wieder zurück.

Ungeordnete, brüchige Zusammenhänge der Münchner Formation

Niko Kovac räsonierte später über den knappen Entscheid der Aufseher am Bildschirm im Kölner Keller: "Wie legt man das Lot?", fragte der Münchner Trainer in die Runde, "wahrscheinlich ist ein Zentimetermaß rausgeholt worden. Das war jetzt Abseits. Wenn das Tor zählt, steht es 2:0, und dann passiert nichts mehr, weil Leverkusen in der ersten Halbzeit überhaupt nicht stattgefunden hat. Jetzt legt man das Lot an die Schulter an. Das ist schon hart." Sein Hadern war menschlich verständlich, aber natürlich, was auch Kovac wusste, sinnlos.

Darüber hinaus hat es Kovac auch nicht versäumt, auf die Dinge hinzuweisen, die ihn sicherlich mehr beunruhigen als die neuen technischen Hilfsmittel, die am wissenschaftlich nicht bewiesenen, aber nach herrschender Meinung traditionell geltenden Bayern-Bonus kratzen. "Du kannst es dir nicht erlauben, drei Gegentreffer zu kassieren und dann noch den Anspruch zu haben, in Leverkusen zu gewinnen. Nach vorne hat unsere Mannschaft sehr große Qualitäten, aber wir müssen nach hinten den Laden zumachen. Jeder weiß, dass die Meisterschaft hinten entschieden wird. Vorne werden nur die Spiele gewonnen", stellte der Bayern-Trainer fest.

Der erfreulichen Klarheit seiner Diagnose steht die Erkenntnis gegenüber, dass man sich allmählich an die Fehlbarkeit der Bayern gewöhnt hat. Schon bei den vorigen Spielen in Hoffenheim und gegen Stuttgart gab es immer wieder diese dunklen Momente, die fast alles zunichte gemacht hätten, sie sind zum Merkmal dieser Bayern-Saison geworden. Man sei "nicht souverän genug", resümierte Joshua Kimmich, "wir schaffen es nicht wie in den vergangenen Jahren, dominant zu bleiben".

Instabilitäten ergaben sich auch in Leverkusen immer wieder aus den ungeordneten, brüchigen Zusammenhängen der Münchner Formation. Mats Hummels vertrat die aktuellen Gegensätze besonders auffallend: mit faszinierenden Steilpässen wie mit schlimmen Ballverlusten und Positionsmängeln. Kimmichs gelegentlich gefährlicher Übereifer, James' überschaubare Deckungsarbeit, Müllers Außenseiterrolle, Lewandowskis defensive Lustlosigkeit - es kam einiges zusammen an diesem Samstag, oder wie Kovac grundlegend anmerkte: "Um kompakt zu stehen, müssen wir vorne anfangen und hinten aufhören."

So lag beim 1:2 durch Kevin Volland durchaus ein Fall von systembedingtem Kollektivversagen vor. Ein Missgeschick, das außer sieben Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund auch ein paar bange Aussichten hervorruft: Wenn schon Bayer Leverkusen solche Einladungen anzunehmen weiß, dann darf man das dem FC Liverpool in der Champions League sicherlich auch zutrauen.

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