Bundesliga Der wieder mal erfolgreiche Mainzer Weg

Keine Angst vor nackten Ultras: Mainz-Trainer Sandro Schwarz feiert den Klassenerhalt auf dem Zaun im Dortmunder Stadion.

(Foto: Gladys Chai von der Laage/imago)
  • Ausgerechnet mit Siegen gegen die Spitzenteams aus Leipzig und Dortmund sichert sich Mainz 05 den Klassenverbleib in der Bundesliga.
  • Der Klub hielt auch in sportlichen Krisen an Trainer Sandro Schwarz fest - und wird dafür belohnt.
  • In den beiden Spielen trifft der 20-jährige Bote Baku - der seit der E-Jugend in Mainz kickt.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Kurz nach dem glücklichsten Moment in der jüngeren Geschichte des Mainzer Fußballs wurde der Trainer Sandro Schwarz im Medienraum des Dortmunder Stadions gefragt, ob er seine Jungs nun nach Mallorca fliegen lässt. Schwarz runzelte die Stirn. "Äh, wie jetzt, diese Woche?"

Die ernst gemeinte Journalistenfrage hatte nicht einmal allzu albern geklungen. Nach dem 2:1-Sieg bei Borussia Dortmund haben die Fußballer vom FSV Mainz 05 auf der Tribüne ein Bad in der Menge genommen, Schwarz hing mit einem Megaphon im Zaun, Niko Bungert rasierte Daniel Brosinski in der Kabine den Bart, auf der zweieinhalbstündigen Heimfahrt wurden Dortmunder Bierspezialitäten verkostet, und bei der Ankunft des Busses am Bruchweg gegen 23 Uhr warteten Hunderte von Fans, um den Klassenerhalt zu feiern. Von dort zogen die Fußballer in ein Hotel, um die Nacht durchzufeiern. Was hätte also dagegen gesprochen, am Sonntagmittag direkt nach Mallorca zu fliegen, um unter spanischer Sonne zu feiern, dass der FSV in der kommenden Saison im zehnten Jahr nacheinander in der Bundesliga mitspielen darf? Schwarz nannte einen Grund: "Auch wenn es für beide Klubs um nichts mehr geht, wollen wir am kommenden Samstag schon erst noch das letzte Saisonspiel gegen Werder Bremen bestreiten."

Nach acht ununterbrochenen Jahren Bundesliga, vornehmlich unter den Trainern Thomas Tuchel und Martin Schmidt, war diese neunte Saison unter dem neuen Coach Schwarz die nervenaufreibendste seit langem, in der Mainz erst zum zweiten Mal in der Bundesliga an keinem Spieltag über den zehnten Platz hinausgekommen ist. Mitte März war die Lage nach einer 0:3-Niederlage in Frankfurt auf dem drittletzten Tabellenplatz so dramatisch geworden, dass der Verein die Länderspielpause nutzte, um sich in der Mannschaft und bei einem Fantreffen mit den Anhängern auf einen emotionalen Endspurt einzuschwören und sich zugleich zu versichern, dass man diesen Weg gemeinsam gehe - also auf Gedeih und Verderb auch mit Schwarz.

Aus den darauffolgenden sechs Spielen holten die Mainzer elf Punkte, zuletzt gewannen sie 3:0 gegen Leipzig und am Samstag 2:1 in Dortmund. Der FSV agierte dabei so diszipliniert, leidenschaftlich und taktisch präzise, dass man sich fragte, wo in der Tabelle diese Mannschaft heute stehe könnte, hätte sie in dieser Saison nur häufiger so gespielt. Dortmunds zerknirschter Trainer Peter Stöger sagte: "Die Mainzer haben uns gezeigt, wie man spielt, wenn man ein großes Ziel vor Augen hat." Bei den Dortmundern hatte die Ambition Champions League keine auch nur annähernd so energetische Leistung provoziert.

Und während die Dortmunder Fans ihre Spieler rüde auspfiffen, ging es in der Mainzer Kabine "emotional" zu. So beschrieb Schwarz eine Gefühlslage, die nicht nur fröhlich, sondern offenbar auch wehmütig war, "denn wir hatten in dieser Saison viele schwierige und auch frustrierende Momente". So war es nicht nur fußballerisch eine gute Entscheidung, wie schon beim 3:0 gegen Leipzig den 20-jährigen Angreifer Bote Baku aus der U23 in die Startelf zu berufen. Der Sohn kongolesischer Eltern nennt sich neuerdings offiziell "Ridle", das ist seit langem sein Spitzname vom Vater und wohl tatsächlich eine Hommage an jenen Karl-Heinz Riedle, der zwischen 1993 und 1997 zu einem der besten Stürmer in der BVB-Historie avancierte. Ausgerechnet Ridle Baku nun brachte seine Mainzer am Samstag mit dem 1:0 in der 4. Minute auf den Weg zum ersten FSV-Sieg in Dortmund. "Er grinst eigentlich immer", sagte Schwarz hinterher anerkennend über den jungen Baku - kein schlechter Charakterzug zur Verstärkung einer Mannschaft, die Aufmunterung in jeglicher Form gut gebrauchen konnte.

"Mit dem ersten Sieg in Dortmund haben wir jedenfalls auf den richtigen Moment gewartet", sagte Schwarz. "Unfassbar", nannte er das Gefühl, mit einem 2:1 im größten deutschen Stadion bereits einen Spieltag vor dem Ende einer "schwierigen Saison" den Klassenerhalt gesichert zu haben. Den wehmütigen Trainer wiederum lobte Rouven Schröder ausdrücklich: "Ich bin stolz auf Sandro Schwarz", sagte der Sportchef, selbst heilfroh, dass sich die Treue zum Trainer vor wenigen Wochen als richtige Entscheidung erwiesen hatte. Denn Schröder und Schwarz hatten lange Zeit daran zu knacken, dass sie als Nachfolger so beliebter wie erfolgreicher Mainzer Würdenträger wie Christian Heidel, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel zum Erfolg geradezu verdammt waren. Querelen im Vorstand hatten die Aufgabe nicht erleichtert, und so sah es übel aus, als die Mannschaft von Anfang Februar bis Anfang April durchgängig auf dem Relegationsplatz 16 gefangen schien und sich einfach nicht lösen konnte. Ein 2:0 gegen Freiburg, ausgerechnet in dem bei den Fans so verhassten Montagsspiel am 16. April, löste dann die mentalen Fesseln, drei Siege binnen vier Spielen sicherten den Klassenverbleib. "Der Schlüssel zum Erfolg war für mich, dass wir nach der 0:3-Niederlage in Frankfurt mit offenem Visier in diese von uns so ausgerufene End-Runde gegangen sind", sagt Schwarz. Manchmal sind sogar die schmerzhaftesten Derby-Blamagen für etwas gut.

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