Es war ein langer, anstrengender und sehr teurer Kampf um Deniz Undav, aber am Ende hat der VfB Stuttgart ihn gewonnen. Für eine Fixsumme jenseits der 25 Millionen Euro haben sie Undav bei Brighton & Hove Albion ausgelöst und damit nicht nur Undav, sondern auch dem zweiten Sturmzugang, Ermedin Demirovic, eine enorme Freude bereitet. Zwar muss Demirovic weiterhin mit der Bürde stürmen, den unersetzbaren Serhou Guirassy ersetzen müssen; die Bürde „teuerster Transfer der Vereinsgeschichte“ hat ihm Undav aber kollegial abgenommen.
Angesichts dieser turbulenten Transfer-Vorgeschichten hätte das eine rasend kitschige Story werden können, die der VfB Stuttgart am ersten Spieltag der neuen Saison in nahtloser Fortsetzung der kitschigen vergangenen Saison zu schreiben begann. Es dauerte nicht mal zwei Minuten, bis Demirovic ein artistisches Tor erzielte, für das sich auch in den Best-of-Sequenzen von Guirassy ein angemessener Platz finden ließe – und das alles, ausgerechnet, beim SC Freiburg, für den Demirovic unter dem Trainer Christian Streich mal zwei Jahre gespielt hatte. Der Verdacht, dass es hier vielleicht doch nicht mit romantischen Dingen zugeht, beschlich die Kritiker aber im Angesicht eines herrlichen Undav-Tores in der 54. Spielminute. Nach einer scharfen Hereingabe von außen strampelte der Torschütze den Ball rutschend und krabbelnd über die Linie, ein Sitzfußballtor im allerbesten Undav-Style.
Problem: Es war der Freiburger Ritsu Doan, der diesen Treffer erzielte. Der echte Undav sah nur aus der Ferne zu und wurde zehn Minuten später ausgewechselt - nach einem sehr unproduktiven Arbeitstag, dem man den Substanzverlust der Transferwochen noch ansah. Im Niemandsland zwischen zwei Vereinen hatte Undav allein vor sich hintrainiert, was zu der im Grunde ja beruhigenden Erkenntnis führte, dass selbst ein Original wie Undav sich den Gesetzmäßigkeiten der Sportart nicht entziehen kann. Auch ein Fußballer, dessen Spiel auf unerwarteten Geistesblitzen aufbaut, braucht zur Ausübung dieser Geistesblitze seinen Körper. Mehr als einmal erwischte man Undav in diesem Spiel dabei, wie er versuchte, Undav-Dinge zu machen, aber er kam einen Viertelschritt zu spät oder dachte eine Zehntelsekunde zu langsam. Darin war er seinen Mitspielern Enzo Millot oder Chris Führich nicht unähnlich, die nach dem Olympiaturnier etwas müde wirkten (Millot) oder nach der EM noch nicht im Vollbetrieb liefen – wie Führich oder Maximilian Mittelstädt.
Dass manche im Team überspielt und andere unterspielt waren, wäre eine gnädige Begründung für den irritierenden Auftritt des Meisterschaftszweiten und die sehr verdiente 1:3-Niederlage beim SC Freiburg. In dieses Argumentationsmuster würde auch der Umstand passen, dass von der spektakulären Vierer-Abwehrkette der Vorsaison kein Spieler mehr auf dem Platz stand (Waldemar Anton und Hiroki Ito haben den Verein verlassen, Mittelstädt saß angeschlagen auf der Bank, Josha Vagnoma verletzt auf der Tribüne), auch drei weitere seriöse Defensivvertreter waren mit unterschiedlichen Blessuren vom Sport befreit (Zagadou, Rouault, Stergiou). Sieben auf einen Streich, das war dann doch zu viel, zumal als Kollateralpersonalschaden der defensive Mittelfeldspieler Angelo Stiller seine beste Position räumen und in die Abwehr rücken musste, worauf der offensive Mittelfeldspieler Millot seine beste Postion räumen und ins defensive Mittelfeld rücken musste. Kann man alles erklären, so gesehen. Und dennoch hatte Trainer Sebastian Hoeneß Anlass, sich Sorgen zu machen – anders als sein Gegenüber, Julian Schuster vom SC Freiburg.
„Widerstandsfähigkeit“ war das Wort, das VfB-Trainer Hoeneß nach dem Spiel am häufigsten benutzte
Das war ja die große Frage vor diesem Spiel gewesen: Wer von den beiden Landesrivalen würde den Neuanfang besser hinbekommen? Neu in Stuttgart ist, dass der VfB trotz einschneidender Spielerverluste plötzlich als Spitzenteam gesehen wird, von den Gegnern und ein wenig auch von sich selbst; neu ist Freiburg ist, dass zum ersten Mal seit der Vereinsgründung der Trainer nicht mehr Volker Finke oder Christian Streich heißt. Nimmt man das Auftaktspiel zum Maßstab, findet Streichs Nachfolger Schuster, 39, eine Menge Gründe für ordentlichen Optimismus: Anfangs noch vom VfB dominiert, straffte sich seine Elf nach einer Trinkpause und fand, von Schuster während der Wasseraufnahme darauf hingewiesen, die rechtsseitigen Lücken in Stuttgarts Notdefensive. Die Haltung des Teams ist weiterhin aufrecht, der Kader gut und breit genug, um sich keinesfalls solche Sorgen zu machen, wie Streich sie sich natürlich trotzdem gemacht hätte.
Auch Hoeneß verfügt zwar weiterhin über einen ambitionierten Kader, dem in den nächsten Stunden noch ein neuer Innenverteidiger hinzugefügt werden soll. Allerdings ist Fußball, siehe Undav, nicht nur ein Spiel, das einen intakten Körper braucht, sondern auch einen gesunden Geist. Unübersehbar war in Freiburg, dass beim VfB nicht nur die fußballerischen Fähigkeiten von Guirassy, Anton und Ito vermisst werden, sondern auch die Führungskraft der Ersten beiden. Guirassy ist gerne auf den Torjäger reduziert worden, tatsächlich hat er für die Funktionstüchtigkeit des Teams einen fast so hohen Stellenwert besessen wie der Kapitän Anton. Manchmal, wenn die Burschen hinter ihm ein wenig zu viel gepasst und gekreiselt haben, hat er vorn einen soliden Wutanfall erlitten und einen Jetzt-aber-mal-alle-Bälle-zu-mir-Befehl erlassen. Das Spiel ist dann sofort wieder direkt und gerade geworden, auch wegen der sehr direkten und gerade Pässe, die Anton und Ito von hinten heraus versendet haben.
„Widerstandsfähigkeit“ war das Wort, das Hoeneß nach dem Spiel am häufigsten benutzte. Meist benutzter Satz: „Wir müssen lernen, besser mit schwierigen Phasen im Spiel umzugehen.“ Erstaunlich führungslos wirkte seine Elf nach den Toren von Lukas Kübler (27., 61.) und Doan (54.), auf dem Feld fand sich niemand, der den Widerstand organisierte. Noch wirkt die Elf etwas hin- und hergerissen, sie weiß noch nicht so recht, ob sie jetzt ein cooles Spitzenteam ist oder weiterhin eine aufstrebende Gruppe, in der jeder für jeden rennt.
Am Dienstagabend steht schon das Pokalspiel in Münster an, die nächste Gelegenheit für Hoeneß, seiner Elf die Richtung zu weisen. Für grundsätzliche Zweifel ist es dem Trainer deutlich zu früh – zumal davon auszugehen ist, dass die Spieler bald wieder ihren Körper dabeihaben werden.


