Bundesliga:Geisterspiele als bessere Option

Borussia-Park zwei Tage vor Nachholspiel gegen 1. FC Köln

Die Ticketschalter am Gladbacher Stadion könnten schon am Mittwoch geschlossen bleiben.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)
  • Am liebsten würde der deutsche Fußball einfach mit Publikum weiterspielen, trotz des Coronavirus.
  • Doch bald dürften erste Partien vor leeren Rängen stattfinden. Entscheiden sollen lokale Behörden.

Von Johannes Aumüller, Claudio Catuogno und Philipp Selldorf

Wenn Borussia Dortmund an diesem Mittwoch sein Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League bei Paris Saint-Germain bestreitet, wird das Spiel in ungewohnt stiller Atmosphäre stattfinden. Nach einem Beschluss der Polizeipräfektur in Paris wird die Partie wegen der Verbreitung des Coronavirus als sogenanntes Geisterspiel ausgetragen. Ohne Zuschauer. Nur die Aktiven, dazu Betreuer, Stadionpersonal sowie Balljungen und -mädchen sind noch zugelassen. Und Berichterstatter, wobei auch die nach dem Abpfiff obligatorische "Mixed-Zone" von Spielern und Journalisten gestrichen wird.

Fußball ohne Stadionpublikum, die Fanblocks leer, die Stimmung: gespenstisch. Dieses Szenario steht nun auch in der Fußball-Bundesliga bevor. Bei wie vielen Partien genau, ist noch unklar. Einen grundsätzlichen Beschluss für Geisterspiele gibt es nicht. Doch nach einer Präsidiumssitzung der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Montag deutet vieles darauf hin. Man würde schon gerne "den nächsten Spieltag mit Zuschauern spielen", aber dies sei "leider nicht realistisch", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert der Bild. Spiele, "die aufgrund von Entscheidungen örtlicher Behörden zum Beispiel nur mit einer bestimmten Anzahl an Personen im Stadion stattfinden dürfen", würden "am 26. Spieltag unter Umsetzung der jeweiligen Verordnungen ausgetragen", teilte die DFL dann etwas kompliziert mit. Soll heißen: Wenn die lokalen Gesundheitsbehörden Geisterspiele anordnen, werde man das befolgen.

Am Montagabend einigte sich die Regierung in Bayern darauf, Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern zunächst zu untersagen. Für den FC Bayern bedeutet dies, dass das Champions-League-Rückspiel gegen den FC Chelsea am 18. März wohl ohne Publikum stattfindet. Am kommenden Wochenende spielt der FC Bayern beim FC Union Berlin, dort stehen Entscheidungen noch aus.

Bundesweit gesehen, ist davon auszugehen, dass es weiter reguläre Spiele geben kann, trotz der Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Großveranstaltungen mit mehr als tausend Personen abzusagen. So wurde etwa in Stuttgart entschieden, dass die für Montagabend angesetzte Zweitligapartie des VfB gegen Bielefeld (1:1) wie geplant stattfand - als Massenereignis. Dies habe "vor allem sicherheitsrelevante Aspekte", erklärten die Stadt und das Landesministerium.

Auch findet in Leipzig, wo kürzlich die Buchmesse abgesagt wurde, am Dienstag das Champions-League-Spiel zwischen RB und Tottenham Hotspur in der vollen Arena statt. Dies liege daran, dass die Tickets personalisiert seien und Großbritannien kein Risikogebiet sei, hieß es. Die Partie in Leipzig wird, neben Liverpool gegen Atlético Madrid, diese Woche das einzige Champions-League-Spiel vor Publikum. Valencia spielt gegen Bergamo im leeren Stadion, wie auch Paris gegen Dortmund. Wolfsburgs Europa-League-Spiel gegen Donezk wiederum soll normal ausgetragen werden, der FC Basel hingegen teilte mit, dass das Rückspiel gegen Eintracht Frankfurt kommende Woche vorerst abgesagt ist; man sucht nach einem Ausweichort. Selbst ohne Zuschauer sei das Ereignis der "Sanität Basel" nicht zuzumuten. So unterschiedlich ist die Risikobewertung, aber wohl auch der Stellenwert des Fußballs in verschiedenen Ländern.

Das erste Bundesligaspiel, das vom Zuschauer-Ausschluss betroffen sein könnte, ist das Derby zwischen Mönchengladbach und Köln, das kürzlich wegen einer Sturmwarnung abgesagt worden war und an diesem Mittwoch um 18.30 Uhr nachgeholt werden soll. Beide Parteien sinnierten am Montag noch darüber, wie sie sich auf die neue Lage vorbereiten sollen. Kölns Manager Horst Heldt hat schon mal ein amtlich verordnetes Geisterspiel aus der Nähe miterlebt: ein Champions-League-Playoff mit Schalke in Saloniki. "Total beschissen" sei's gewesen, obwohl Schalke - sechseinhalb Jahre ist es her - 3:2 gewann: "Man hört jedes Wort, das ist für alle ungewohnt und schwierig und für keinen der Beteiligten ein Vorteil."

Woran sich Heldt noch erinnert: dass sich vor dem Stadion in der nordgriechischen Stadt viele Fans versammelt hatten, um zumindest in der Nähe des Geschehens zu sein. Das veranlasst ihn nun zu Überlegungen, wie es wohl am Mittwoch im Borussia-Park und am Wochenende vor anderen Stadiontüren zugehen könnte: "Bleiben die Menschen alle zu Hause? Was passiert da vor den Stadien? Ich glaube, das ist alles nicht zu Ende gedacht." Der Manager äußerte Zweifel am Krisenmanagement von Politik und Behörden: "Ich finde es konsequent inkonsequent, was geschieht", sagte er. In Stuttgart und Leipzig werde vor Zuschauern gespielt, in Paris nicht. "Ich würde mir wünschen, dass jemand eine klare Ansage macht - das tut aber keiner", monierte er, räumte jedoch ein: "Wahrscheinlich, weil's nicht so einfach ist."

Der Fußball übertragt die Verantwortung an die lokalen Behörden

Für die Bundesliga jedenfalls hat es oberste Priorität, den Wettbewerb bis zum geplanten Saisonende durchzubringen. "Die laufende Saison muss wie vorgesehen bis zum Sommer 2020 zu Ende gespielt werden, um Auf- und Absteiger sowie die Teilnehmer für die internationalen Wettbewerbe zu ermitteln", schrieb die DFL. Muss. Nur so erhielten die Klubs "Planungssicherheit" - ein Zustand übrigens, den in der aktuellen Situation sicher auch andere Beteiligte gerne hätten.

All das bedeutet: Geisterspiele sind für die DFL im Zweifel die bessere Option als eine komplette Verschiebung von Spieltagen, weil es aufgrund des engen Terminkalenders kaum Ausweich-Möglichkeiten gibt. Die DFL selbst kann und will formal aber nicht alle Spiele zu Geisterspielen erklären. Veranstalter ist der jeweilige Heimverein. Und einen gemeinsamen Beschluss gibt es nicht. Der Fußball überträgt die Verantwortung nun an die lokalen Behörden.

Insbesondere in Nordrhein-Westfalen deutet vieles darauf hin, dass es zu Ausschlüssen kommt. Schon am Sonntagabend hatte der NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann in der ARD gesagt, dass das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland der Empfehlung Spahns folgen wolle - und eine Empfehlung sei dann "in Wahrheit (...) wie eine Anordnung" für die Behörden. Das hieße also für die Bundesliga: keine Zuschauer am Mittwoch bei Gladbach gegen Köln, keine Zuschauer am Wochenende bei Düsseldorf gegen Paderborn und Köln gegen Mainz. Und auch nicht beim großen Derby zwischen Dortmund und Schalke.

Allerdings hatte Laumann auch gesagt: "Ob sie ohne Publikum spielen oder ob sie gar nicht spielen, das muss schon der Verein entscheiden, nicht ich." Da lag der Ball also bei den Klubs, nicht bei den Behörden. Und es war am Montag bemerkenswert, dass trotz der klaren Worte des Gesundheitsministers noch keine Behörde Konkretes verkündete. Die Verantwortlichen vor Ort wehren sich teils auch gegen die Haltung des Fußballs. "Die Eigenverantwortung von Veranstaltern kann man hier nicht mal eben wegdiskutieren", sagte etwa eine Sprecherin der Stadt Köln.

Mit dem Thema Geisterspiele stellen sich weitere Fragen. Etwa die nach der Integrität des Wettbewerbs. Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann etwa forderte, "dass es fair bleiben muss", also: "nicht unterscheiden zwischen Bundesländern mit vielen oder wenigen Infizierten". Und das andere ist die wirtschaftliche Situation. "Das wird spannend für die Lizenzerteilung an die Bundesligisten für die kommende Saison, ich bin gespannt, was sich die DFL da einfallen lässt", sagt Kölns Manager Heldt. Die Einnahmeverluste brächten den meisten Profiklubs Probleme. Es könnten keine Tages-Tickets verkauft werden, Dauerkarteninhaber müssten möglicherweise entschädigt werden.

Die konkreten finanziellen Folgen würden sich für die einzelnen Klubs sehr unterschiedlich ausgestalten. Denn der Anteil der Zuschauereinnahmen im Vergleich etwa zu Medien- oder den Sponsoreneinnahmen variiert stark. Im Schnitt beträgt der Etat-Anteil eines Profiklubs aus den Spielen zirka 13 Prozent (Bundesliga) bzw. 17 Prozent (zweite Bundesliga). Gerade bei manchen kleineren Zweitligisten geht es dieser Tage auch um die Liquidität, die sie rund um die Beantragung der neuen Lizenz nachweisen müssen. Aber auch für größere Klubs hat es Folgen, weil ein volles Stadion schnell 1,5 Millionen Euro einbringen kann. Die DFL teilte schon mit, sie prüfe Möglichkeiten, das Lizenzverfahren und "die "Auszahlungszeitpunkte von zentral generierten Einnahmen" anzupassen.

© SZ vom 10.03.2020/tbr/cat
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