bedeckt München

Zweite Coronawelle:Der Fußball braucht Disziplin und Demut

Über 10 000 Zuschauer waren in Dortmund mal zugelassen - gegen Schalke waren es noch 300.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Die Infektionszahlen gehen nach oben und stellen die Bundesliga vor eine harte Prüfung. Im Herbst zeigt sich, wie belastbar das Hygienekonzept wirklich ist.

Kommentar von Martin Schneider

Ein für die Bundesliga bedenklicher Satz versteckt sich tief in einem PDF des Robert-Koch-Instituts (RKI). Einmal pro Woche, immer mittwochs, geht die Behörde in ihrem sogenannten Situationsbericht auf die Testkapazitäten und die Laborsituation ein, und in der jüngsten Ausgabe war da folgende Stelle zu lesen: "Das RKI erreichen in den letzten Wochen zunehmend Berichte von Laboren, die sich stark an den Grenzen ihrer Auslastung befinden."

Da müssten in der Zentrale der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ein paar Alarmglocken bimmeln, denn der Fußball hat immer betont, dass er zwar Testkapazitäten beansprucht, aber sie niemandem wegnimmt. Man werde "selbstverständlich zurücktreten und aufhören, zu testen und zu spielen", wenn es zu Engpässen käme. Das waren die Worte von DFL-Chef Christian Seifert Ende April, als der Fußball um die Wiederaufnahme des Spielbetriebs kämpfte.

Damals gelang das Vorhaben, wobei ein massiver Faktor dabei das insgesamt abnehmende Infektionsgeschehen war. Als die Bundesliga Mitte Mai wieder startete, vermeldete das RKI weniger als 1000 Neuinfektionen pro Tag. Nun stehen die Zahlen bei über 14 000 positiven Fällen täglich, Tendenz stark steigend.

Der Fußball hat sich, das kann man so sagen, ein wenig Vertrauen erarbeitet, er steht aktuell nicht im epidemiologischen Fokus, was man unter anderem daran merkt, dass Max Kruse in Berlin fröhlich und ungeschützt Karten spielen kann und dies keine bundesweite Empörung mehr nach sich zieht, wie das Facebook-Video von Salomon Kalou oder der Zahnpasta-Kauf von Heiko Herrlich. Zudem kann die Bundesliga darauf verweisen, dass in anderen Ländern trotz deutlich höhere Corona-Zahlen ebenfalls gekickt wird, und auch das RKI moniert bei den knapper werdenden Testkapazitäten eher die Entscheidung der Politik zum Beherbergungsverbot als die vergleichsweise wenigen Tests, die die DFL beansprucht.

Die Zahl der Positiv-Tests unter Fußballern nimmt zu

Doch die Lage kann sich schnell ändern, sobald weitreichende Einschränkungen wieder notwendig werden oder die Labore nicht mehr genug Tests zur Verfügung stellen können. Nur mal angenommen, ein lokaler Lockdown wie in Berchtesgaden würde an einem Bundesligastandort notwendig - wie sähe da ein Fußballspiel aus?

Aber auch unter diesen Eskalationsstufen lauern Gefahren. Die Zahl der Positiv-Tests unter Fußballern nimmt zu. Bisher sah kein Gesundheitsamt die Notwendigkeit, eine ganze Bundesliga-Mannschaft in Quarantäne zu schicken - in der zweiten und dritten Liga wurden einzelne Spiele dagegen schon verlegt. Aber was passiert, wenn das mal unumgänglich sein sollte? Und wenn es nicht nur eine, sondern mehrere Mannschaften sind? Was, wenn das nicht nur aus Vorsicht passiert, sondern weil wirklich mehrere Spieler erkranken? Wie ist es dann mit der Akzeptanz? Zumal mögliche Nachholtermine in einem engen Spielplan rar sind.

Um diese Szenarien zu verhindern, kommt es jetzt umso mehr auf die konsequente Umsetzung des Hygienekonzepts an. Nun zeigt sich, ob es auch unter schwierigen Bedingungen tragfähig ist. Disziplin und Demut sind die besten Ratgeber des Fußballs, um eine zweite Spielpause zu verhindern. Die Angst davor ist längst da. "Ein nochmaliger Lockdown wäre für den Fußball ein Drama", sagt Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge, BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sieht die Gefahr, dass dann bei einigen Vereinen "die Lichter ausgehen." Verantwortliche aus Mainz und Stuttgart äußern sich ähnlich.

Daran kann man erkennen, wohin die Argumentation gehen wird, falls es richtig hart wird. Am besten wäre es aber natürlich, wenn Profis und Vereine alles dafür tun, dass es gar nicht soweit kommt.

© SZ/sonn/bkl
Zur SZ-Startseite

SZ PlusCoronavirus und Sportmachen
:"Profis verfügen über antrainierte Reserven"

Auch unter Spitzenathleten kursiert Sars-CoV-2. Doch mancher Infizierter übt schnell wieder seinen Sport aus. Woran liegt das? Und was gilt für Freizeitsportler?

Von Werner Bartens

Lesen Sie mehr zum Thema