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Bundesliga:Es schlägt die Stunde der Trainings-Weltmeister

Die Stille nach dem Tor: Der Dortmunder Thorgan Hazard feiert vor den leeren Rängen.

(Foto: Martin Meissner/AFP)

Fußballer können sich ohne Resonanz von der Tribüne nur noch am eigenen Spiel berauschen - das könnte das Spiel nun verändern. Sogar zum Guten.

Wenn man der Statistik glauben darf, was immer so eine Sache ist, dann hat sich in den vergangenen Wochen die Häufigkeit von Waldspaziergängen um 140 Prozent erhöht. Das Leben ist langsamer geworden. Man kann es sich leisten, wieder mehr zu Fuß zu gehen, einfach nur so. Vor allem Paare und Familien gehen zusammen spazieren, bevorzugt im deutschen Wald.

Ganz so beschaulich ging es bei den ersten neun Geisterspielen der Bundesliga nicht zu. Aber der Ausschluss der Öffentlichkeit, also der lautstarken, einpeitschenden, fordernden Zuschauerkulisse im Stadion, verändert auch das Treiben auf dem Rasen. Das darf man als ersten Eindruck aus diesem ersten Spieltag mitnehmen. Kein Spieler läuft langsamer oder weniger, aber die Entschleunigung des emotionalen Rahmens bleibt nicht ohne Folgen. Diesen Extra-Adrenalinkick, der manche Spieler mit mehr als nur der allerletzten Entschlossenheit agieren und bisweilen Grenzen der Fairness überschreiten lässt, den gibt es nicht. Der viel zitierte zwölfte Mann bleibt zu Hause.

Dass antreibende Fans fehlen, hilft den stärkeren Teams - und den Trainingsweltmeistern

Vorläufige These deshalb: Der Heimvorteil wird deutlich geringer, die spielerisch, technisch und individualtaktisch bessere Mannschaft hat ab sofort Vorteile gegenüber einem Gegner, der auf Kampf und Leidenschaft angewiesen ist, um fußballerische Defizite zu kompensieren. Offenbar lässt sich dieser Faktor der Motivation nicht oder nur begrenzt simulieren. Spielerisch und individuell überlegene Teams, das war bei Bayern München, Dortmund, Leverkusen und Mönchengladbach gut zu beobachten, brauchen nicht zwingend Publikum, um zu performen. Je besser eine Mannschaft besetzt ist, desto mehr genügen die Spieler sich selbst. Fußballer berauschen sich am besten am eigenen Zusammenspiel - wenn sie gut genug dafür sind. Zuschauer können dann sogar eher stören.

Wenn sich dieser Trend in den nächsten Wochen bestätigt, bedeutet der reine, pure Fußball, dass das Spiel weniger hitzig und weniger durch Zweikämpfe geprägt sein wird. Kampfgeist bleibt sicher ein wichtiger Erfolgsfaktor, aber die paar Prozent extra, die ein eigentlich unterlegener Gegner durch die aufputschende Wirkung von den Tribünen zusätzlich bekommt, fallen im leeren Stadion weg.

Fünf Auswärtssiege und nur ein einziger Heimsieg am ersten Geister-Spieltag, das 4:0 von Borussia Dortmund gegen Schalke, sprechen dafür, dass sich der oft zitierte Heimvorteil derzeit relativiert.

Der Dortmunder Abwehrveteran Mats Hummels berichtete nach dem Revierderby, dass seine Anweisungen an Mitspieler zum ersten Mal wirklich über den ganzen Platz zu hören gewesen seien. Gegen den Phonsturm von 80 000 Zuschauern im Stadion anzubrüllen, das kann Hummels sich normalerweise sparen. Auch Spieler, die sich durch die heimische Anfeuerung mehr unter Druck gesetzt als zusätzlich motiviert fühlen, werden jetzt aufblühen. "Trainings-Weltmeister", seit eh und je ein bekannter Begriff unter Fußballern, leiden unter dem Druck der Ränge eher, als dass er sie beflügeln würde. Ihre Stunde schlägt jetzt.

Man hat in den neun Spielen auch wesentlich weniger Unterbrechungen gesehen. Langes Lamentieren, erhitzte Rudelbildung, theatralische Gesten, unnötig harte Grätschen, alles eher für die Galerie gedacht, gab es am vergangenen Wochenende kaum. Fußballprofis haben sich über die Jahre einen subtilen Dialog mit ihren Fans angewöhnt, um über deren Emotionen, sozusagen über Bande, den Schiedsrichter, den Gegner und sich selbst zu beeinflussen. Wenn nur noch der Schiedsrichter und ein paar ziemlich beschäftigte Kameraleute zuschauen, ergeben all diese Showeinlagen und Mätzchen keinen Sinn mehr. Es wird also nicht so bleiben. Schade eigentlich.

© SZ vom 20.05.2020
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