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Corona und Dietmar Hopp:Es steckt viel Ironie in dieser Geschichte

1899 Hoffenheim - Bayern München

Kürzlich in Hoffenheim: Die Bayern-Fans sorgen fast für einen Spielabbruch, auf dem Platz solidarisieren sich die Münchner Angestellten mit Dietmar Hopp (links).

(Foto: dpa)

Wegen Anti-Hopp-Protesten standen Bundesliga-Spiele zuletzt vor dem Abbruch. Jetzt liegt es an Visionären wie Hopp, die nach Impfstoffen forschen lassen, ob überhaupt wieder gespielt werden kann.

Zwei Meldungen aus dem Fußballkosmos waren es, die am Montagmittag die ganze Absurdität dieser Zeit dokumentierten. Was vor wenigen Tagen noch galt, das gilt nicht mehr, ist eine Realität von vorgestern. Die eine Meldung betraf Kai Havertz, 20, die andere Dietmar Hopp, 79. Beide kontrastierten die Tatsache, dass sich ungefähr zur selben Zeit, als die Nachrichten über den Ticker liefen, in Frankfurt die 36 Repräsentanten der Erst- und Zweitligisten zum Krisengipfel trafen, um Notfallpläne und schlimmstenfalls Überlebensstrategien zu beraten. Beide Meldungen kamen vom Sport-Informations-Dienst (sid), in Meldung 1 nahm die Kölner Agentur ein Zitat von Leverkusens Trainer Peter Bosz noch einmal auf. "Das wird ein Transfer von 100 Millionen sein, was sage ich, von mehr als 100 Millionen", hatte der Niederländer am Wochenende dem Algemeen Dagblad verraten. "Jeder in Deutschland sieht ihn als Wunderkind", sagte Bosz über Havertz - was zumindest anzuzweifeln wäre. Nicht aber, was im Nachgang folgte: "Ein netter Junge, mit dem man arbeiten kann. Er spielt auch Klavier."

Selten wohl hat der Mikrokosmos Fußball so deutlich gemacht, dass alles mit allem zusammenhängt. Denn dass die Bosz-These von der Realität weggespült wurde, bevor sie veröffentlicht war, das wird auch dem - überaus netten - Herrn Bosz spätestens beim Montagscrash der Börsen klar geworden sein. Die Transferwerte für Fußballprofis, selbst für die Stars der Szene, werden sich den Finanzmärkten anpassen müssen, nicht umgekehrt.

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Noch ist der Weg des Leverkusener Wunderknaben mit dem linken Zauberfuß und der leicht melancholischen Attitüde ein Geheimnis. Doch da die Märkte auf 50-Prozent-Verluste zustürzen, wird Havertz (sieben Länderspiele, ein Tor) aller Voraussicht nach nicht mehr im dreistelligen Millionenbereich aufgewogen, sondern womöglich noch für die Hälfte. Außer: Der Transfer, der Havertz im Sommer nach München oder Madrid, Liverpool oder Manchester führen dürfte, wäre bereits fest fixiert. Und eine Corona-Notfallklausel dabei vergessen worden.

Hopp ist jener Mann, den die Ultras verteufeln

Die Ablösesummen sind irreal, aber sie entziehen sich nicht der Realität. Sie werden generell fallen; wo der Boden ist, hängt von der Corona-Bekämpfung ab. Und deshalb hängt Meldung 1 so unmittelbar mit Meldung 2 zusammen. In dieser heißt es, dass der Unternehmer Dietmar Hopp davon ausgehe, dass bis zum Herbst ein Impfstoff gegen das Virus gefunden sei und sogar zur Verfügung stehe. Hopp? Ja, Hopp, der einst Gründer des größten deutschen Computerkonzerns SAP war. Der seine Anteile verkaufte und mit einem Teil des Erlöses sportive Regionalförderung in seiner Heimat betrieb: aus Adler Mannheim (Eishockey) und den Rhein-Neckar Löwen (Handball) wurden deutsche Meister, die TSG Hoffenheim stieg 2008 in die Fußball-Bundesliga auf und wurde 2017 Dritter.

Ähnlich wie Bill Gates widmet sich Hopp aber auch Zukunftsfragen. So ist er Mehrheitseigner der Tübinger Firma Curevac, die mit einem gewissen Donald Trump im Streit liegt. Die Regierung Trump versucht gerade, der Hopp-Firma die Exklusivrechte an einem Corona-Impfstoff abzukaufen, an dem Curevac schon länger forscht. Hopp stellt sich quer und sagt: Nein! Die nüchterne Wechselwirkung von Meldung 1 (Havertz) und Meldung 2 (Hopp) dürfte jedem klar sein: Je schneller ein Impfstoff gefunden ist, desto näher kommt der Havertz-Transfer wieder an die 100-Millionen-Marke.

Hopp ist übrigens jener Mann, wegen dem nicht wenige Fans am 29. Februar fürchteten, die Bundesliga befinde sich kurz vor der Selbstauflösung. Das Duell des FC Bayern bei der TSG Hoffenheim, ein 6:0, stand nach Anti-Hopp-Protesten von Münchner Ultra-Gruppen vor dem Abbruch. In anderen Arenen wurde Hopps Konterfei im Fadenkreuz gezeigt. Der Ursprung des Konflikts erscheint heute vergleichsweise banal: Hopp hat sich mit der TSG Hoffenheim seinen Kindheitstraum erfüllt, es ist der Klub, in dem er einst selbst spielte. 2015 dann erteilten die Verbände endgültig die Sondergenehmigung, wonach der Privatier weit mehr als 50 Prozent der Klubanteile halten darf. Anderswo ist das verboten. Schon vorher war Hopp der Kapitalist, das Feindbild schlechthin in den Kurven. Seine eigene Kommunikation war auch nicht die beste, Hopp wollte für sein Lebenswerk respektiert werden, was ihm im Schwarz-Weiß-Gefüge des Fußballs misslang. In der Eskalation ging es jüngst darum, dass komplette Fankurven gesperrt werden sollten. Nun sind alle Stadien gesperrt.

Wann die Tore wieder öffnen, zunächst wohl für Spiele ohne Ultras, ohne Publikum, hängt an Visionären wie Hopp, die nach Wundermitteln forschen lassen, in Tübingen und anderswo. Es ist ziemlich viel Ironie in dieser Geschichte.

© SZ vom 17.03.2020/ebc
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