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Bundesliga: Claudio Pizarro:Treffsicherer Pistenkönig

Der als Lebemann geltende Bremer Stürmer Claudio Pizarro will Giovane Elber überholen - mit einem Tor-Rekord, der womöglich für die Ewigkeit taugt.

Die freundliche junge Dame aus der Pressestelle von Werder Bremen, die Claudio Pizarro pünktlich zum Interview im Vip-Bereich des Weserstadions abliefert, hat rasch noch zwei dringende Anliegen an den gefragten Fußballer. Zum einen möchte die ARD eine Stellungnahme von ihm zu einem Bundesligator aus der Saison 2000/2001. "Aha", sagt Claudio Pizarro, und weiter? Dann müsste er noch sein Einverständnis geben, ob ein Bremer Stadtmagazin sein Konterfei als Maske zum Ausschneiden verwenden darf, fürs Pokalfinale. Pizarro nickt. "Ist also okay?", fragt sie. "Das zweite ja, das erste nicht", antwortet er.

An besagtes Tor vom 3. März 2001 hat Claudio Pizarro so gut wie keine Erinnerung mehr, "was soll ich dazu dann auch sagen". Dem Treffer, es war das zwischenzeitliche 3:0 beim 3:1 gegen Freiburg, wurde neun Jahre später die zweifelhafte Ehre zuteil, so kontrovers diskutiert zu werden, als hätte er gestern die Meisterschaft entschieden. Denn die Differenz in der ewigen Torjäger-Statistik, die Pizarro mal mit 131, mal mit 132 Toren führt, rührt von jenem Tor her, das die Deutsche Fußball-Liga damals Freiburgs Kobiaschwili zuschrieb - als Eigentor. Obwohl Pizarro, wenn er etwas nachdenkt, doch zu wissen glaubt, dass "der Ball auch ohne ihn reingegangen wäre".

Offiziell also sind es 131 Tore, die der Angreifer von Werder Bremen in der Bundesliga bisher geschossen hat, 71 davon für Bayern München. Drei fehlen ihm noch, um den Brasilianer Giovane Elber als erfolgreichsten ausländischen Torjäger der Bundesliga-Geschichte abzulösen. Einen Preis gibt es dafür nicht, und nicht wenige halten solche Rankings für die digitale Erbsenzählerei des Computer-Zeitalters. Doch in diesem Fall scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, dass Pizarro bester Torjäger-Legionär auf Lebenszeit bleiben könnte: In der ewigen Bestenliste der Bundesliga-Torschützen ist der Bremer Stürmer als 19. der einzige noch in der Bundesliga aktive Ausländer in den Top 100. Und an ein Erstliga-Comeback von Roy Makaay (78 Tore/Rotterdam) oder Ailton (106/KFC Uerdingen) glaubt höchstens noch Ailton.

Der Staatsanwalt ermittelt noch

"Für mein Land wäre es eine große Sache", sagt Claudio Pizarro, "wenn jemand aus Peru so etwas schaffen würde." Er redet jetzt wieder öfter und immer gut über seine Heimat, in der zuletzt nicht alles zum besten stand für den prominentesten Anden-Kicker. In der Nationalmannschaft spielte er seit 2007 nicht mehr, weil er sich mit dem Trainer überworfen hatte. Pizarro stand im Verdacht, an einer sehr ausschweifenden Feier maßgeblichen Anteil gehabt zu haben - was er stets dementierte. Und die Geschichte um die Beteiligung des Profis an der Firma seines Freundes und Beraters Carlos Delgado, die sogar den Fortgang seiner Karriere bedrohte, ist zwar nicht mehr Gegenstand beim Weltverband Fifa. Die peruanischen Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aber nicht eingestellt. "Noch nicht", sagt Pizarro.

Ein letztes Mal würde er nun gerne versuchen, Peru zu einer WM zu bringen, 2014 nach Brasilien: "Wenn ich berufen werde, spiele ich gerne wieder für Peru." Er brauche Ziele, und in seinem deutsch-peruanischen Singsang klingt Ziele wie "Seele". Dabei ist Ehrgeiz nicht die erste Eigenschaft, die man dem stets gut gelaunten Profi zusprechen würde. Er gehört zu den beneidenswerten Menschen, die ständig Spaß an ihrer Arbeit zu haben scheinen und nur lachend aus dem Haus gehen. Sein Ruf als Pistenkönig der Nacht ist legendär, gerade zu Münchner Zeiten gab es größere Disziplinfanatiker als ihn. Die Erklärung dafür? "Ich bin ein fröhlicher Mann", sagt Pizarro.

Das steckt an, sogar die Bremer. Sie verehren ihn. Pizarro galt schon in seiner frühen Periode an der Weser, 1999 bis 2001, im Duett mit dem pummeligen Ailton als kommender Weltstar. Mitspieler wie Marco Bode glaubten, nie mit einem torgefährlicheren Fußballer zusammengespielt zu haben als mit Pizarro. Der schoss zwar auch später, in fünf Jahren beim FC Bayern, beständig seine Tore, zu einer Weltkarriere aber reichte es nicht. Das Engagement beim FC Chelsea verunglückte. "Es war Pech, dass Trainer Mourinho nach drei Monaten weg war", sagt Pizarro, "der hatte mich geholt."

Für Werder war es ein Glück. Sportchef Klaus Allofs hat von der Ersatzbank schon einige wertvolle Spieler verpflichtet, den Franzosen Johan Micoud damals aus Parma oder Diego vom FC Porto. Zunächst sah es bei Pizarro aus wie ein Zweckbündnis, hier der Spieler ohne Einsätze, dort der Klub ohne Torjäger.

Liebe, ein großes Wort

Inzwischen ist aus dem Peruaner auf Durchreise ein sesshafter Werderaner geworden. "Als ich das erste Mal hier war", sagt Claudio Pizarro, "habe ich gar nicht gemerkt, wie sehr die Leute mich mögen." Andere Kultur, andere Prioritäten. Doch seit seiner Rückkehr spüre er, "wie mich die Menschen lieben".

Liebe, ein großes Wort. Sichtbar wird sie an der Zahl der Pizarro-Masken werden, mit denen sich die Werder-Fans beim Pokalfinale am 15. Mai verkleiden. Nur die Sache mit dem antiken Freiburg-Tor wird sich nicht mehr ändern lassen. Das aber sei eh' egal, sagt Werders Trainer Thomas Schaaf: "Claudio bricht den Rekord sowieso."