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Schwache Dortmunder:"Das hat schon ein Geschmäckle"

Borussia Dortmund - FSV Mainz 05 17.06.2020. Fussball, 1. Bundesliga, Saison 19/20, 32. Spieltag. Borussia Dortmund - F

Bügelte mit rustikalen Grätschen so manche Lustlosigkeit seiner Mitspieler aus: Dortmunds Verteidiger Mats Hummels beim Versuch, den Mainzer Jean-Philippe Mateta in seinem Elan zu bremsen.

(Foto: Elmar Kremser/Sven Simon)

Die Abstiegs-Konkurrenz reagiert sauer auf den lethargischen Auftritt der Dortmunder gegen Mainz. BVB-Trainer Favre geht durch eine Phase, die seinem Ruf schaden dürfte.

Mats Hummels war sauer, Michael Zorc war sauer, im Grunde war die ganze Bundesliga sauer, sogar ein alter Bekannter wie Willi Lemke, langjähriger Manager von Werder Bremen, der schon eine Weile gar nicht mehr so richtig dazu gehört. Borussia Dortmunds Kapitän war allerdings der Erste, der seinen Frust über das kollektive Versagen auf dem Rasen raus brüllte: "Wenn wir so pressen, ist das nur Alibi!" Sekunden vorher hatte Hummels die gelbe Karte kassiert, als er mit einer rustikalen Grätsche wieder mal die Lustlosigkeit seiner Mitspieler ausbügeln wollte. Verwarnungen bekommt Hummels nicht oft. Aber beim 0:2 der Dortmunder gegen Mainz 05 war er nicht der Einzige, der einen Wutanfall bekam. Nur dass man Hummels, dank der leeren Ränge, im ganzen Stadion hören konnte.

Schon am Samstag war Dortmund mit Minimalst-Aufwand beim Abstiegskandidaten Fortuna Düsseldorf aufgefallen. Ein Tor zum 1:0-Sieg in der Nachspielzeit durch Erling Haaland überlagerte das über weite Strecken lahme BVB-Gekicke. Die ebenfalls abstiegsbedrohten Mainzer aber deckten den Alibi-Fußball energisch auf. "Einige bei uns haben gespielt, als wären sie mit den Gedanken schon im Urlaub", konstatierte Sportdirektor Zorc. Neun Kilometer weniger als die Mainzer sei die Borussia gelaufen, hatte Zorc schnell parat, "das ist ungefähr so, als hätten wir mit einem Mann weniger gespielt, was das Laufen angeht". Sonst gehört der BVB meist zu den laufstärksten Teams der Liga.

Kein Wunder, dass Trainer Lucien Favre in der, wie derzeit üblich, virtuellen Pressekonferenz lauter Fragen beantworten sollte, ob seine Spieler nach der bereits perfekt gemachten Champions-League-Qualifikation schlicht keinen Bock mehr hätten, die letzten Saisonspiele anständig zu Ende zu bringen. "Wir haben Mainz wohl unterschätzt", räumte Favre konsterniert ein, aber den Ball seines Sportchefs Zorc, dass etliche, vielleicht die meisten seiner Spieler die Saison innerlich abgehakt hätten, wollte er nicht weiterspielen. Er könne sich nicht vorstellen, dass seine Mannschaft nach der Faustregel funktioniert: Meisterschaft verpasst, Minimalziel Champions League erreicht - auf Wiedersehen! Dass die Mannschaft mit ihrer Passivität jetzt den Abstiegskampf beeinflusst, wurde aber augenscheinlich in der Mannschaftssitzung nicht ausreichend thematisiert.

Bei den Borussen baut sich Frust über die eigene Schwäche auf

Die Mainzer jubelten ausgelassen über ihren Coup. Umgesetzt durch einen wunderschönen Kopfballtreffer des 19 Jahre alten Jonathan Burkhardt (33.), der an diesem Abend locker Dortmunds 19 Jahre altes Wunderkind Erling Haaland ausstach, und durch einen cool verwandelten Strafstoß von Jean-Philippe Mateta (49.). Vor allem aber investierten die Mainzer alles, was man für ein Bundesligaspiel braucht: Herz, Entschlossenheit, draufgängerisches Kontern. Gegen die kaum fokussierten Dortmunder reichte das. Dass sich bei den Borussen mit der Zeit Frust über die eigene Schwäche aufbaute, ließ sich an sechs gelben Karten ablesen, von denen eine auch rot hätte sein können, für Emre Can, der Burkhardt übel von den Beinen holte.

Nachvollziehbar ist, dass die Abstiegs-konkurrenz sauer reagierte. Die Lethargie der Dortmunder erlaubte Mainz - wie übrigens schon vor zwei Jahren bei einem 2:1-Erfolg in Dortmund - den Sprung fast schon aus der Krisenzone. Vorausgesetzt, es gibt am Samstag im Heimspiel gegen den SV Werder Bremen kein Desaster. Dessen früherer Manager Willi Lemke klagte im NDR: "Das hat schon ein Geschmäckle. Das hat es auch früher schon gegeben, aber für uns ist das sehr bitter." Dortmund spielt noch gegen Leipzig, das um einen Champions-League-Platz kämpft, und gegen Hoffenheim, das in die Europa League will. Wieder zwei Saison-Entscheidungen.

Für Trainer Favre konzentrierte sich das Problem auf rein fußball-technische Aspekte - wie es seiner Mentalität wohl entspricht. Man habe "nicht gut gemeinsam verteidigt". Andere in Dortmund dagegen fühlten sich bestätigt, dass Favre weder in Topspielen an seine Profis herankommt und sie mental einstimmen kann, noch in einer Situation wie jetzt, wo man als Profi weiterhin hundert Prozent geben müsste. Favre aber wirkt zögerlich. Dortmund wehrt derzeit jede Diskussion um ihn ab. Schließlich fehlt die klare Alternative. Aber der Schweizer geht durch eine Phase, die seinem Ruf schaden dürfte.

Dortmunds erklärter Rivale FC Bayern bestreitet seit Jahren das Saisonfinale in der Gewissheit, bereits Meister zu sein. Und lässt sich trotzdem so gut wie nie hängen. Wenn eine begabte Elf wie die des BVB nicht mal mehr ihr Laufpensum abliefert, fällt das zwangsläufig auch auf den Trainer zurück, zu dessen Aufgaben es gehört, Mentalität vorzugeben und durchzusetzen. Favre muss sich daran messen lassen, ob er aus seinen Profis herausholen kann, was drin steckt. Jedenfalls mehr als so einen Alibi-Kick.

© SZ vom 19.06.2020/tbr
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