Es herrscht Panik im Borussia-Park. Null Punkte und 3:12 Tore nach drei Spieltagen, der Trainer Eugen Polanski wurde entlassen, die Zukunft ist ungewiss. Dabei geht alles noch schlimmer: Dreimal sind Bundesligisten sogar mit sechs Niederlagen in die Saison gestartet: 1991 Fortuna Düsseldorf, 2020 der 1. FSV Mainz 05 und 2022 der VfL Bochum. Um diese historischen Apokalypsen zu toppen, müsste Borussia Mönchengladbach also noch viermal verlieren. Mit sieben Niederlagen ist noch nie ein Bundesligist gestartet.
Alle drei Trainer damals, Josef Hickersberger in Düsseldorf, Achim Beierlorzer in Mainz und Thomas Reis in Bochum, wurden früh gefeuert. Auch in Mönchengladbach hat Sportchef Rouven Schröder am Samstag mit dem Segen der Gremien den fälligen Cut vollzogen. Dass man mit Polanski nach der vergangenen Saison überhaupt weitergemacht hat, wird in der Klubführung mittlerweile als „Fehleinschätzung“ eingestanden. Bevor frühestens ab nächster Woche zu Beginn der dreiwöchigen Länderspielpause ein neuer Trainer die Rettungsmission starten soll, übernimmt im Heimspiel am Samstag gegen Mainz ein Interimscoach die Verantwortung: der Co-Trainer Jan-Moritz Lichte.
Lichte hat keine Aussicht, sich als Cheftrainer zu beweisen, denn er soll unabhängig vom Ergebnis in seine Rolle als Co-Trainer zurückkehren. Obwohl er seit dem Sommer zum Trainerteam gehört und obwohl er in die zweite Reihe zurückkehren muss, hat er den klaren Auftrag, in der Mannschaft kurzerhand ein Feuer zu entfachen: Feuer in einem Team, das in den ersten drei Saisonspielen drei, vier und fünf Gegentore kassiert und das beim 0:5 in Freiburg keinen Funken Begeisterung mehr versprüht hat. Wie soll da ein Co-Trainer in so kurzer Zeit für Begeisterung sorgen?
Dazu gibt es im Verein klare Vorstellungen: Als vorübergehender Chef soll Lichte eine veränderte und damit inspirierende Ansprache kultivieren, er soll einen neuen Konkurrenzkampf entfachen, keine Rücksicht auf bisherige Gepflogenheiten nehmen und sich überhaupt erlauben, Eingefahrenes aufzubrechen und neuen Schwung reinzubringen. Das darf ruhig auch Personal und Taktik betreffen. Für diese Woche wurde öffentliches Training gestrichen, niemand darf zuschauen. Gegen Mainz soll ein gewisser Überraschungseffekt zünden.
Lichte war einst bester Absolvent des Fußballlehrer-Lehrgangs 2011
Dem Heimspiel am Samstag wird im Klub wegweisende Bedeutung zugeordnet, es wird wie ein Pokalspiel bewertet und als „Reset-Spiel“ bezeichnet. Der Auftritt der Mannschaft sei wichtig für die Grundstimmung im ganzen Verein. Nach der 3:4-Heimniederlage gegen Elversberg gab es Pfiffe, nach dem 0:5 in Freiburg ernteten die Spieler nach dem Schlusspfiff vor dem Gästeblock garstige Gesten von den mitgereisten Ultras. Die Mannschaft muss gegen Mainz nicht nur die Niederlagenserie stoppen, sondern auch die Fans zurückgewinnen. Das ist ein Druck, der die Situation nicht gerade erleichtert.
Der Trainer, dem diese Mission Impossible gelingen soll, ist übrigens genau jener, der im Herbst 2020 auch in Mainz vom erfolglosen Coach Beierlorzer übernahm. Damals wurde Beierlorzer nach zwei Spielen entlassen und durch seinen Co-Trainer Jan-Moritz Lichte ersetzt, und der Mainzer Sportvorstand, der diese Rochade seinerzeit initiierte, hieß Rouven Schröder.
Damals in Mainz gelang Lichte die ersehnte Intervention nicht. Die nächsten vier Spiele unter seiner Leitung gingen verloren. Von elf Bundesligaspielen mit ihm als Trainer verlor Mainz sieben, spielte dreimal unentschieden und gewann nur eines. Am 13. Spieltag war Mainz mit sechs Punkten Vorletzter, anschließend übernahm der neue Cheftrainer Bo Svensson und führte Mainz noch zum Klassenerhalt. Der Sportchef Schröder war da schon nicht mehr an Bord, er verließ den Klub bereits Ende 2020.

Nun versucht Schröder ein zweites Mal, mit Lichte einen Turnaround zu schaffen: diesmal in Gladbach. Lichte war einst bester Absolvent des Fußballlehrer-Lehrgangs 2011, hat sich aber trotzdem für eine Karriere als Co-Trainer entschieden. Der 46-Jährige war Assistent bei André Schubert (SC Paderborn und FC St. Pauli), Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä (Bayer Leverkusen), Michael Frontzeck (Hannover 96), Sandro Schwarz (Mainz 05), Achim Beierlorzer (Mainz 05), Stefan Kuntz (türkische Nationalmannschaft) und bei Polanski. Zuletzt war er zwei Jahre Nachwuchs-Cheftrainer bei Manchester City. Weil Lichte aber zurück zur Familie nach Deutschland wollte, holte Schröder ihn nach Mönchengladbach.
Elf Spiele wie vor sechs Jahren in Mainz bekommt Lichte diesmal nicht. Am liebsten schon nächste Woche, spätestens aber bis zum Derby in Köln am 11. Oktober will Schröder einen neuen Cheftrainer gefunden haben. Bewerbungskriterien sind breite Schultern, um den Druck beim Traditionsverein auszuhalten, viel Energie, um die manchmal mutlose Mannschaft zu motivieren, sowie genügend Berufserfahrung, um im Abstiegskampf voranzugehen. Das deutet nicht gerade auf ein junges Trainertalent hin. Diese Trainersuche wird für den Sportchef Schröder in Gladbach zur ultimativen Bewährungsprobe.


