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Dortmund in Stuttgart:Der BVB demonstriert seinen Willen

VfB Stuttgart v Borussia Dortmund - Bundesliga

Ansgar Knauff schießt das erlösende 3:2, Erling Haaland ist als Erster da zum herzen.

(Foto: Getty Images)

Borussia Dortmund wahrt dank eines 3:2 in Stuttgart die leise Hoffnung auf einen Erfolg in der Champions League. Vor allem die Reaktion auf Rückschläge macht dem Klub Mut.

Von Christoph Ruf, Stuttgart

Edin Terzic scheint wie auch die meisten Psychologen kein Freund der Verdrängung zu sein, wenn es um die Bewältigung eines Traumas geht. Stattdessen hatte der Trainer von Borussia Dortmund seine Fußballer bei der Vorbereitung auf die Partie in Stuttgart noch mal an die Schmach aus dem Hinspiel erinnert, um "eine Portion Wut" zu provozieren.

Mitte Dezember waren die Borussen im eigenen Stadion vom VfB mit 1:5 gedemütigt worden. Den damaligen BVB-Trainer Lucien Favre kostete dieses Ergebnis den Job und die Dortmunder nach Ansicht vieler Beobachter endgültig den Glauben, in dieser Spielzeit doch noch einigermaßen den eigenen Champions-League-Ambitionen hinterherjagen zu können.

Nach dem Rückspiel in Stuttgart kann man sagen: Die Dortmunder haben die Schmach zumindest ein bisschen aufgearbeitet - wenn auch spektakulär knapp. 3:2 (0:1) gewannen die Westfalen am Samstagabend. Es war ein Sieg, der den Männern in den schwarz-gelben Trikots einiges an Willenskraft abverlangte. 0:1 lagen sie zunächst gegen den aufmüpfigen Aufsteiger zurück, das 2:2 fiel in der 78. Minute. Doch - und das dürfte ein gewichtiger Punkt in einer Saison voller Höhen und Tiefen sein - der BVB richtete sich nach jedem Rückschlag wieder auf. Dieser Umstand dürfte Mut für den Saison-Endspurt machen.

Die Stuttgarter hatten einen anderen Blick auf die knappe Niederlage. Sportdirektor Sven Mislintat und seine Spieler befanden unisono, ein 3:3 wäre das gerechtere Ergebnis gewesen. Eine Schlussfolgerung, der man angesichts der Vielzahl an (wenn auch oft schlecht zu Ende gespielten) Kontergelegenheiten des VfB durchaus folgen konnte. Insgesamt regte der Dortmunder Auftritt aber durchaus dazu an, das Krisen-Vokabular bis zum Champions-League-Rückspiel am Mittwoch gegen Manchester City erst einmal einzumotten.

Dortmunds beherzter Auftritt wäre fast wieder durch fatale Unkonzentriertheiten getrübt worden

Die von Terzic beschworene Wut wurde womöglich noch vom Umstand befeuert, dass am Nachmittag der Tabellenvierte Eintracht Frankfurt mit einem 4:3 gegen Wolfsburg im Champions-League-Rennen vorgelegt hatte - Dortmund war gegen den VfB also unter Zugzwang, um den sowieso schon gewaltigen Rückstand von sieben Punkten nicht noch größer werden zu lassen. Man merkte den Dortmundern jedenfalls nicht nur in der starken Anfangsphase an, dass sie gewinnen wollten. Grantig trugen sie ihre Angriffe vor.

Der beherzte Auftritt wäre allerdings fast wieder durch fatale Unkonzentriertheiten in der Abwehr getrübt worden. Beim 0:1 durch Stuttgarts Saśa Kalajdzič verhielt die Defensive sich so, als habe sie noch nie etwas vom dem Zwei-Meter-Mann gehört. Zunächst ließ sie dessen bevorzugten Vorlagengeber Borna Sosa in aller Ruhe flanken, um dann auch noch den großen Österreicher in der Mitte fast unbehelligt den Luftraum für sich beanspruchen zu lassen (17.). Dass Stuttgart danach keine weitere große Chance mehr hatte, sprach allerdings für den BVB, den Mislintat "immer noch zu den Top-Zwei-Teams der Liga" zählt, "auch wenn sie da im Moment nicht stehen".

Stuttgart bestätigt einen guten Ruf

Nicht, dass der BVB durchgehend brilliert hätte, das nun wirklich nicht, aber er suchte immer wieder den Abschluss und dominierte optisch. Dass der zweite Durchgang dann eher nach dem Gusto der Dortmunder Verantwortlichen begann, kam nicht von ungefähr. "In der zweiten Halbzeit waren wir deutlich mutiger in Ballbesitz und haben sehr schöne Tore erzielt", fand Terzic. Die beiden Treffer von Jude Bellingham (47. Minute) und Marco Reus (52.) fielen kurz nach Wiederanpfiff und nötigten wiederum Mislintat zu einem drastischen Statement: "Die ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit haben uns gekillt."

Nun ja, zumindest brachten die Stuttgarter den BVB zwischenzeitlich noch an den Rande der Verzweiflung, nachdem Daniel Didavi (78.) einen Konter zum 2:2 verwandelte. Die Europapokal-Jagd schien in Stuttgart endgültig ihr Ende zu finden. Doch BVB-Trainer Terzic bewies ein glückliches Händchen bei der Einwechslung von Ansgar Knauff, der den angeschlagenen Reus ersetzte. Nur zwei Minuten nach dem Ausgleich dribbelte der 19-Jährige Richtung Tor und traf von der Strafraumgrenze zum 3:2-Endstand. "Ansgar Knauff hat es hervorragend gemacht", lobte Terzic. Und auch die Reaktion seiner Elf nach dem 2:2 gefiel ihm: "Wie die Mannschaft dann noch einmal zurückgekommen ist, ist sehr gut."

Die Heimniederlage dürfte den VfB schmerzen, aber kein Trauma verursachen. Der Verdacht, dass im Schwäbischen in dieser Spielzeit ein außergewöhnlicher Aufsteiger seine Kreise zieht, bestätigte sich am Samstagabend schließlich erneut. Nicht, weil der BVB schwach gewesen wäre. Sondern weil der VfB über weite Phasen der Partie genauso gut war.

© SZ/tbr/and
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