Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Mit Malen auf Meisterkurs

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Noch zu Beginn des Jahres saß der introvertierte niederländische Stürmer bisweilen 90 Minuten mit versteinerter Miene auf der Bank. Nun sind ihm sechs Tore in fünf Spielen geglückt - rechtzeitig zum Bundesliga-Endspurt.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Fußballer-Psychen wären auch mal ein Thema für ein gutes, dickes Sachbuch. Warum mentale Knoten plötzlich platzen? Und warum Männer in tiefe Depressionen fallen, weil sie häufiger als erwartet den Ball neben das Tor geschossen haben? Man weiß es nicht. Donyell Malen, Stürmer von Borussia Dortmund, könnte sich da für aktuellste Fallstudien aufdrängen: mehr als eineinhalb Jahre lang in einem Dauertief, ein vermeintlicher Fehleinkauf zum Preis von 30 Millionen Euro Ablöse, mit dauerhaft hängenden Mundwinkeln und traurigen Augen. Und dann auf einmal: sechs Tore in fünf Spielen. Dortmund liegt durch Malen-Tore auf Meisterkurs, und der Niederländer ist mit einem Mal ein Torjäger, ein Hoffnungsträger, von dem sein Sportdirektor Sebastian Kehl sagt, er habe "unglaubliche Fähigkeiten".

Selbst wenn er für die meisten anderen Beobachter noch nicht wie ein Fabelwesen daherkommt: Donyell "Donny" Malen scheint für den Augenblick genau die Position endlich zu besetzen, die bei der Borussia seit dem Abgang eines gewissen Erling Haaland im Sommer 2022 verwaist wirkte. Einer, der den Abschluss sucht, der ohne Kompromisse den Ball ins Tor befördern will. Also eine Aufgabe, für die eigentlich Sebastien Haller, von Ajax Amsterdam geholt, vorgesehen war. Die Geschichte von Haller ist bekannt: Noch vor Saisonstart wurde bei ihm Hodenkrebs diagnostiziert. Es folgten Chemotherapien, OPs, Bestrahlungen. Auch wenn Haller seit Wochen wieder mitmachen kann: Von seiner Rolle als Goalgetter ist er nach den Strapazen seiner Krebs-Therapien vorerst noch ein wenig entfernt.

Mit den Toren fünf und sechs in seiner Serie, beide am vorigen Samstag gegen Eintracht Frankfurt geschossen, ist der 24-jährige Malen nun aber anscheinend in eine prominente Rolle gewechselt. Noch zu Beginn des Kalenderjahres saß Malen bisweilen 90 Minuten tatenlos und mit versteinerter Miene auf der Bank. Eine schnelle Rückkehr zu seinem vorherigen Klub PSV Eindhoven wurde schon heiß diskutiert, wenn auch nur auf Leihbasis. Und an sich blieb Malen wohl nur, weil der BVB zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, ob Haller, Jungnationalspieler Youssoufa Moukoko oder gar Anthony Modeste in der Rückrunde noch mal in Schwung kommen. Als Backup.

Und jetzt? "Sein bisher bestes Spiel im schwarzgelben Trikot" attestierte BVB-Trainer Edin Terzic am Samstag, und Kehl sekundierte: "Donny hat unglaubliches Selbstbewusstsein getankt. Seine Dynamik, die Abschlussstärke, seine Vorbereiterfähigkeiten. Alles bereichernd für uns." Vom Chancentod ist Malen in fünf Spielen zum Torjäger aufgestiegen. Hält das in den letzten fünf Saisonspielen so an, beginnend an diesem Freitagabend mit dem Besuch des BVB beim direkten Nachbarn VfL Bochum, es könnte etwas werden mit dem Meistertitel.

Was für eine Wende. Dabei hatten sie sich beim BVB im Sommer 2021 ungefähr das von Malen erwartet, was er jetzt seit einem Monat zeigt. Damals sollte er Dribbelkünstler Jadon Sancho ersetzen, der zu Manchester United gegangen war. Sanchos Tore und Assists blieben aber unerreichbar. Auch wenn Sancho in Manchester inzwischen völlig im Abseits gelandet ist und dem Vernehmen nach lieber heute als morgen, als Leihgabe, zum BVB zurückkehren würde.

Bei Ajax Amsterdam lernte er von Dennis Bergkamp, bei Arsenal von Thierry Henry

In Eindhoven, bei seinem letzten Klub, hatte Malen 40 Tore in 81 Spielen abgeliefert, dazu 14 Tore in 28 Europa-League-Partien des PSV. Auch davor lag seine Quote zuverlässig bei rund 0,5 Toren pro Spiel. Das hat ihn in die niederländische Nationalmannschaft befördert. Bis dann Dortmund kam, und ihn zunächst so zurück warf, dass er aus dem WM-Kader des Oranje-Teams gestrichen wurde. Nicht gerade das, was man einen Stimmungsaufheller nennt.

Von Malen selbst hören sogar Mannschaftskameraden nur wenige Worte. Er gilt als so introvertiert, wie der Kollege Jude Bellingham als extrovertiert gilt. Mama Mariska, Taxifahrerin, und sein Vater Robert, ehemaliger Fußballprofi, der aus Surinam stammt, hatten ihn früher immer "absolut im Mittelpunkt jedes Spiels" erlebt. Und so landete Klein-Donny schnell bei Ajax Amsterdam, wo Stürmer-Legende Dennis Bergkamp ihm erste Tricks beibrachte. Mit 15 kam der Wechsel in die Jugendakademie beim FC Arsenal - noch mehr Training mit Stürmerlegende Thierry Henry. Gleichzeitig handelte Malen sich damals schon das Image eines schludrigen Talents ein. Nach drei Jahren spielte er dann in Eindhoven, unter anderem mit dem Trainer Mark van Bommel.

Malen erinnert in seiner Spielweise in den vergangenen Wochen endlich an Arjen Robben, dessen Repertoire an Dribbling-Tricks auch limitiert war. Nur: Auch Robben war schwer am Torschuss zu hindern, auch wenn man ihn noch so gut studiert hatte. Malen ist ebenfalls sehr schnell (gemessene 35,1 km/h im Spiel), und er kreuzt gerne von Rechtsaußen in den Raum vor dem Tor und feuert dann Flachschüsse ab, die entweder an Schienbeinen abprallen - oder ziemlich unhaltbar einschlagen.

"Es fehlte ihm oft die Überzeugung im Abschluss", glaubt Trainer Terzic, "jetzt sieht man seine eigentlichen Fähigkeiten." Und so kann Malen, der freundliche Außenseiter, den man bisher so gut wie nie lächeln, geschweige denn lachen gesehen hat, endlich über die rechte Außenseite angreifen, im steten Wechsel mit Karim Adeyemi, seinem noch schnelleren Pendant. Seltsam, wie irgendetwas wohl plötzlich Klick gemacht haben muss. Vielleicht war es ein einzelnes Tor oder ein schöner Traum oder ein Wink des Schicksals. Sollte der BVB jedenfalls Meister werden, steht sein Name in ziemlich großen Buchstaben auf der Ehrentafel. So kann's gehen im Reich der Psychologie.

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