Es ist auffällig, dass sich im Gesicht von Lars Ricken ein Alterungsprozess kaum widerspiegelt. Nicht mal im Ansatz schimmert beim Geschäftsführer von Borussia Dortmund eine Sorgenfalte durch, was auch daran liegen könnte, dass der Bundesliga-Alltag inzwischen wie Face Yoga wirkt. Wenn man seit mehr als sechs Monaten in der Bundesliga unbesiegt sei, das vierte Male in Serie zu null gewinne und mehr als drei Tore im Schnitt schieße, sagte Ricken, „ist das keine Momentaufnahme. Sondern eine ganz starke Entwicklung zu Konstanz und Stabilität.“
Dazu schlug er nach dem ungefährdeten Auswärtssieg beim 1. FSV Mainz 05 (2:0) den großen schwarz-gelben Bogen: „Unser Ziel nach der Klub-WM war es, uns sofort oben festzusetzen und dranzubleiben, nicht so wie in den vergangenen Jahren, dass wir hinterherlaufen müssen. Das ist bisher auf eindrucksvolle Weise gelungen.“ Wann erklang zuletzt so viel Lob beim BVB?

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Wobei Ricken vorsorglich in Erinnerung rief, wie vergangenen Sommer jeder die Dortmunder als ersten Verfolger der Bayern bezeichnet habe: „Wir haben es auch nicht wirklich verneint. Doch irgendwann waren wir Elfter und sind auf der letzten Rille in die Champions League gekommen.“ Es bedurfte vermutlich keiner großen Absprache, dass Sportdirektor Sebastian Kehl im ZDF-Sportstudio auf dem Mainzer Lerchenberg ähnlich argumentierte: „Wir sind mit der Entwicklung zufrieden. Aber erreicht haben wir bis dato noch nichts.“ Am fünften Spieltag als Bayern-Jäger bezeichnet zu werden, ergebe „keinen Sinn“. Zumal zwei wilde Punkteteilungen zwischendrin – 3:3 beim FC St. Pauli und 4:4 bei Juventus Turin – einen Rückfall in alte Verhaltensmuster andeuteten.
Beide Male fehlte allerdings Nico Schlotterbeck, der sich als Defensivmann im Herbst 2025 die Freiheit gönnt, die Ziele offensiver zu formulieren. „Wir wollen extrem lange oben dabeibleiben“, sagte der 25-Jährige bei Sky. Ihm hat der beste Start seit acht Jahren viel Selbstvertrauen vermittelt: „Ich bin hier, um etwas zu gewinnen.“ Einen Rüffel seiner Vorgesetzten hat Schlotterbeck nicht zu befürchten. „Dass der eine oder andere Spieler ambitionierte Sachen formuliert, finde ich gar nicht schlimm“, erklärte Ricken. „Ich bin total dafür, dass die Jungs ambitioniert sind. Sie sind zu Borussia Dortmund gekommen, um Titel zu holen“, ergänzte Kehl.
Dortmund war an einem fußballerischen Spektakel in Mainz überhaupt nicht interessiert
Nur Trainer Niko Kovac hütete sich weiter davor, eine Ansage in Richtung München zu tätigen: „Wir schauen nur auf uns und wollen bei uns bleiben. Ich weiß, dass Fußball-Deutschland die Erwartungshaltung hat, dass Bayern nicht allein vorweg marschiert. Aber wir müssen erstmal die Konstanz halten.“ Was ihn am meisten freute: „Wir lassen generell wenig zu. Das erhöht bei unserer individuellen Klasse die Wahrscheinlichkeit, Spiele zu gewinnen.“ Der 53-Jährige war nach eigenem Bekunden besonders stolz und froh, wie „diszipliniert organisiert“ seine Mannschaft auftrat, was auch Kehl später noch mal herausstellte: „Niko hat klare Ideen und auch eine klare Kommunikation. Seine Handschrift ist deutlich zu sehen.“ Erst der in Berlin geborene Kroate habe dieser Truppe eingebläut, dass sie auch verteidigen müsse.
Dortmund war an einem fußballerischen Spektakel in Mainz überhaupt nicht interessiert. In der Vergangenheit hatten die Westfalen oft genug in Auswärtsspielen bei den Nullfünfern der Intensität des Gegners nichts entgegenzusetzen. Zwei Niederlagen im Kalenderjahr 2024 (1:3, 0:3) kamen zustande, weil der Widerstandsgeist zu schwach und der Ansatz zu anfällig war. Nun befolgten Torwart Gregor Kobel und Verteidiger Waldemar Anton konsequent den Auftrag, die Bälle bei Bedrängnis einfach weit in die andere Hälfte zu schlagen, um dem gefürchteten Pressing zu entgehen. Torgefahr erzeugten die Mainzer nur einmal, als Paul Nebel den Ball an den Pfosten setzte (26. Minute). Im Gegenzug vollendete Dortmunds Verteidiger Daniel Svensson nach hübscher Ballstafette zum 1:0 (27.). Danach flog dem Gastgeber ein eigener Einwurf wie ein Bumerang um die Ohren: Karim Adeyemi erzielte nach einem Konter das 2:0 (40.) und erzwang später nach einem Kobel-Abschlag die Hinausstellung des Mainzer Keepers Robin Zentner wegen einer Notbremse (67.).
Adeyemi erwies sich erneut als der auffälligste Dortmunder Akteur im gewöhnungsbedürftigen Auswärtslook. Ansonsten stach Julian Brandt als doppelter Vorlagengeber heraus, der nach seinem in der Länderspielpause operierten Kahnbeinbruch in die Startelf rückte, weil Serhou Guirassy nach Oberschenkelproblemen kurzfristig passen musste. „Es ist ein Tag, den ich so oft nicht erlebe“, verriet der Nachrücker Brandt. Gegen den Part als erster Verfolger des FC Bayern könne man sich „tabellarisch nicht wehren“, sagte er grinsend: „Wir sind früher oft schon nach drei, vier Spieltagen der Musik hinterhergelaufen.“
Torjäger Guirassy soll übrigens am Mittwoch in der Champions League gegen Athletic Bilbao wieder mitwirken können. Danach folgt vor der Länderspielpause das mit einem besonderen Reiz versehene Heimspiel gegen RB Leipzig. Bei den Sachsen kassierte der BVB am 15. März die bis dato letzte Niederlage in der Bundesliga.

