Bochums neuer Trainer Thomas Letsch:Alles mit aller Konsequenz

Lesezeit: 3 min

Bochums neuer Trainer Thomas Letsch: Vergangene Woche noch Trainer bei Vitesse Arnheim, nun Chefcoach beim VfL Bochum: Thomas Letsch.

Vergangene Woche noch Trainer bei Vitesse Arnheim, nun Chefcoach beim VfL Bochum: Thomas Letsch.

(Foto: Pro Shots/Imago)

Vor Kurzem trainierte Thomas Letsch noch das jüngste Team der niederländischen Eredivisie. Nun soll er in Bochum die älteste Bundesliga-Mannschaft vor dem Abstieg retten.

Von Ulrich Hartmann, Bochum

"Es gibt leichtere Aufgaben in der Welt als diese", sagte am Montag der Schwabe Thomas Letsch, 54, und klang wie ein Politiker auf Dienstreise im Krisengebiet. Letsch ist jedoch ein weitgereister Fußballtrainer, der sich mit dem sieglosen Tabellenletzten VfL Bochum für seine erste Bundesliga-Station eine Aufgabe ausgesucht hat, die geradewegs in die zweite Liga führen könnte. Sein Zweijahresvertrag gälte zwar auch dort, mit diesem Szenario wollte er sich an seinem ersten Tag an der Castroper Straße allerdings nicht auseinandersetzen.

Schon sein erstes Spiel gegen Leipzig beschert Letsch ein Wiedersehen mit seiner RB-Vergangenheit

"In dieser Mannschaft steckt die Mentalität, die es braucht, um solch eine schwierige Situation zu meistern", sagte Letsch. Drei Jahre im Nachwuchsbereich bei RB Salzburg und zwei Jahre im RB-Farmteam FC Liefering haben den gebürtigen Esslinger zwischen 2012 und 2017 zu dem gemacht, was man gemeinhin einen "RB-Trainer" nennt, der "RB-Fußball" spielen lässt. Doch in seiner ersten Pressekonferenz in Bochum hat Letsch sogleich darauf hingewiesen, dass er den Begriff "RB-Fußball" gar nicht mag. Der ist ihm zu pauschal. "Erstens habe ich mich seit meiner Zeit in Salzburg weiterentwickelt, und zweitens unterscheiden sich auch Trainer mit RB-Vergangenheit, wie zum Beispiel Marco Rose, Frank Kramer oder Bo Svensson."

Die Gretchenfrage ist auch vielmehr, ob Letschs favorisierter Spielstil mit mutigem, aggressivem Pressing für den leidgeprüften VfL Bochum mit dem ältesten Kader der Bundesliga wirklich das Richtige ist. Der Mittelfeldmann Anthony Losilla ist 36, die Abwehrspieler Cristian Gamboa und Vasilios Lampropoulos sind 32, die Stürmer Simon Zoller und Philipp Hofmann 31 und 29. Dieser Kader mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren, der in den ersten sieben Spielen die viertschwächste Laufleistung der Liga gezeigt hat und nach sechs Niederlagen und einem Unentschieden auch nicht gerade mit dem allergrößten Selbstvertrauen gesegnet ist, soll künftig also laufen, laufen, laufen und dabei pressen, pressen, pressen.

"Wir brauchen eine klare Ordnung, eine Kompaktheit und eine Aggressivität im Spiel gegen den Ball", sagt Letsch. Die Idealvorstellung sei, "den Gegner hoch zu pressen und zu ärgern", meint der studierte Gymnasiallehrer (Sport und Mathe), "wenn ich mir das in diesem stimmungsvollen Stadion mit diesen emotionalen Zuschauern vorstelle, ist es die attraktivste Spielweise." Ein Risiko sieht er darin "nicht zwingend, aber wenn man sagt, man geht hoch drauf, dann muss es von allen mit aller Konsequenz gemacht werden - und wenn man keinen Zugriff bekommt, dann muss man eben hinter den Ball kommen, und dann müssen aber auch alle hinter den Ball."

Beim Zweitligisten Aue musste Letsch nach drei Spielen schon wieder gehen

Sein erstes Spiel am Samstag bei RB Leipzig führt Letsch nicht nur in seine RB-Vergangenheit, sondern auch zu einem Wiedersehen mit dem Trainer Marco Rose, den er als "Sportlicher Leiter Nachwuchs" in Salzburg 2013 als U16-Trainer zu RB geholt hat und der ihn vier Jahre später überholte, als Rose 2017 Cheftrainer bei RB Salzburg wurde und Letsch zum Zweitligisten Erzgebirge Aue wechselte, wo er nach drei Spielen wieder entlassen wurde, weil er seine Vorstellung von Fußball dort offenbar nicht schnell genug verwirklichen konnte.

"Marco und ich hatten in Salzburg vier gemeinsame Jahre, in denen wir sehr eng zusammengearbeitet haben", berichtet Letsch, "wir haben ein freundschaftliches Verhältnis." Aber in Leipzig gebe es noch ein paar Menschen mehr, die er gut kenne. Das passt also zu seinem allerersten Bundesligaspiel.

Bei Vitesse Arnheim hat Letsch die jüngste Mannschaft der niederländischen Ehrendivision trainiert, "jetzt ist es die älteste der Bundesliga", stellt er nüchtern fest, aber Erfolg, findet er, sei keine primäre Frage des Alters, sondern der Struktur und der Mentalität innerhalb des Kaders. "Ich habe viel gesehen in meinem Fußballleben", sagt Letsch nach Stationen in Stuttgart, Heilbronn, Ulm, Aspach, Salzburg, Liefering, Aue, Wien und Arnheim. Seine Erfahrung verrät ihm, dass Bochum den Klassenerhalt gewiss schaffen könne: "Es sind ja erst sieben Spiele gespielt."

Zur SZ-Startseite

VfL Bochum
:Erkaltete Liebe im Ruhrgebiet

Seit 1995 hat Thomas Reis die meiste Zeit beim VfL Bochum verbracht: als Spieler, Scout, Aushilfe in der Buchhaltung und Trainer. Nach sechs Niederlagen in Serie wurde der Aufstiegscoach entlassen.

Lesen Sie mehr zum Thema