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Bundesliga:Ausgerechnet Naldo ist überfordert

Schalkes Naldo ist aus der Bundesliga kaum wegzudenken - und doch unterlaufen ihm gerade die größten Patzer. Der Tabellenletzte braucht dringend Punkte, für Naldo könnte es eng werden.

Wenn sich Ronaldo Aparecido Rodrigues, genannt Naldo, in den vergangenen elf Jahren an den Strafräumen der Bundesliga aufgebaut hatte, dann war das folgende Duell meist schon entschieden. Das lief so: Naldo schnappte sich die Kugel vom Angreifer und schlug sie entweder weg oder begann ruhig den Spielaufbau.

Am Mittwochabend baute sich der 1,98-Meter riesige Innenverteidiger bei der Niederlage gegen Köln (1:3) am rechten Strafraumeck wieder einmal auf, er eröffnete damit ein ungleiches Duell: Vor dem 302-maligen Bundesligaspieler, schon allein ob dieser Zahlen mit einer Erfahrung ausgestattet wie ein alter Weiser, dribbelte der wuselige 18 Jahre alte Salih Özcan, knapp 20 Zentimeter kleiner als Naldo. Und Özcans Erfahrung beschränkte sich zu diesem Zeitpunkt auf eine Bundesliga-Minute, er war kurz zuvor eingewechselt worden, also eher der Typ Zauberschüler.

Doch Naldo unterlag: Beide stolperten im Zweikampf, der junge Mann rappelte sich schneller auf als der alte, zog davon Richtung Tor. Und noch ehe Naldo ganz aufgestanden war, lag der Ball schon im Netz. In der Zeit, in der sich der inzwischen 34 Jahre alte Brasilianer aufrichtete, konnte Salih Özcan Richtung Fünfmeterraum laufen, den Ball vors Tor spielen und Kollege Simon Zoller den Ball ins Tor befördern.

Am Ende ist es diese eine Szene aus der 82. Minute, die Naldos bisherige Auftritte im Schalker Dress am eindrucksvollsten zu beschreiben vermag. Naldo, der alte Kämpfer, tut viel in der Schalker Hintermannschaft, er fightet für die anderen, sogar rechts draußen, wo eigentlich der Rechtsverteidiger Sascha Riether die Sicherheitsschleusen schließen müsste. Doch durch die viele Arbeit in Schalkes Hintermannschaft scheitert er nun öfter als früher. Bereits beim 1:2 sah er schlecht aus. "Die individuellen Fehler sind nicht förderlich", klagt sein Trainer Markus Weinzierl.

Sitzt Naldo gegen Hoffenheim nur auf der Bank?

Naldo, der aus der Bundesliga inzwischen so wenig wegzudenken ist wie die alten Zechen aus dem Ruhrgebiet, stößt langsam an seine Grenzen. "Drei Spiele, null Punkte - das ist doch nicht Schalke", sagte der Brasilianer bereits vor dem Spiel. Nach der vierten Niederlage und dem schwächsten Schalker Saisonstart der Vereinsgeschichte dürfte er noch ratloser sein. Genauso wie seine Gegner: "Das ist doch nicht Naldo", dachte sich vermutlich Özcan, als er sich aufrappelte und davon flitzte.

Weinzierl, so vermutet die "Bild"-Zeitung, könnte seinen 34-jährigen Abwehrchef beim Auswärtsauftritt am Samstag bei der TSG Hoffenheim (15.30 Uhr im SZ-Liveticker) nun sogar aus der Startelf nehmen. Der Trainer sagt zwar: "Ich bin definitiv nicht ratlos, sondern voller Zuversicht." Die Maßnahme, Naldo aus dem Viererverbund zu nehmen, würde jedoch eine Prise Ratlosigkeit offenbaren. Denn die etwas wacklige Verteidigung (acht Gegentore in vier Spielen) dürfte er so nicht unbedingt standfester machen.

Bisher hat der Trainer viel ausprobiert, sein Team dadurch allerdings eher verunsichert: Gegen Köln standen auf den sechs defensiven Positionen zeitweise vier Sommer-Zugänge auf dem Platz: Naldo, Abdul Rahman Baba, Nabil Bentaleb und Benjamin Stambouli. Zudem spielte in Sascha Riether ein oftmaliger Ersatzmann als Rechtsverteidiger. Eingespielt können sie also gar nicht sein - zumindest bis auf Kapitän Benedikt Höwedes und Torhüter Ralf Fährmann. Stambouli, Bentaleb, Naldo und Riether waren in dieser Saison bereits Hauptschuldige an Schalker Gegentreffern.

"Ich weiß, wie die Tabelle aussieht", sagte der Trainer jüngst: "Ich schaue nicht stündlich drauf." Auf dem letzten Tabellenplatz stehen die Schalker gerade, und der Schlüssel zu einer Veränderung der Situation wird die Lösung seines Abwehrproblems sein. Erst eine sichere Hintermannschaft ermöglicht schließlich Punktgewinne, das Pärchen Naldo/Höwedes muss also erst fußballerisch anbandeln - und dafür sollte es viel gemeinsame Zeit auf dem Fußballplatz verbringen. Auch wenn es sich in dieser Zeit noch von ein paar Zauberschülern austanzen lässt.

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SZ vom 25.09.2016/tbr
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