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Spannung im Fußball:Dem HSV ist zu danken

Hamburg's Luca Waldschmidt celebrates scoring their second goal

Bescherte einen der glücklichsten HSV-Momente der jüngeren Vergangenheit: Luca Waldschmidt.

(Foto: REUTERS)

Immer wieder macht sich der Klub um die Spannung im Fußball-Land verdient. In Abwesenheit des Titelkampfs ist die Abstiegs- und Aufstiegsfrage ein ergreifendes Ersatzprogramm.

Kommentar von Philipp Selldorf

Es mögen nicht allzu viele Spiele aus den vergangenen Jahren sein, an die sich die Anhänger des Hamburger SV gern erinnern, aber jenes Spiel vom 20. Mai 2017 gegen den VfL Wolfsburg werden sie wohl immer in dankbarem Gedenken bewahren. Mit Robin Knoches Führungstreffer für den VfL hatte es begonnen, dann folgte ein wenig Erleichterung durch Filip Kostic' Ausgleichstor und schließlich ein banges Hoffen, das von Minute zu Minute abnahm. Bis Kostic eine Flanke schlug und Luca Waldschmidt das 2:1 glückte. So tauschten die Klubs in der 88. Minute des letzten Saisonspiels die Plätze, statt des HSV musste Wolfsburg in die Relegation. In Hamburg wiederholte sich damit die Geschichte des Vorjahres, als Werder Bremen gegen Frankfurt ebenfalls in einem Endspiel um Platz 16 stand. Auch dort gab es in der 88. Minute das rettende Tor.

Während die Frage nach dem deutschen Meister der jüngeren Vergangenheit in Günter Jauchs "Wer wird Millionär?" allenfalls als Einstiegsfrage taugt (vergleichbar mit: Wie hieß Konrad Adenauer mit Vornamen?), ist die neuere Geschichte des Abstiegskampfs eine Abfolge dramatischer Geschehnisse und ein Fall für Kenner. Im Mai 2018 etwa standen sich am drittletzten Spieltag erneut ein marodes Wolfsburg und ein spät erwachter HSV zum bestimmenden Match gegenüber, die Hamburger gewannen 3:1 und glaubten plötzlich daran, den vorletzten Platz noch loszuwerden, aber am finalen Spieltag schafften die Wolfsburger ein 4:1 gegen den schon abgestiegenen 1. FC Köln. Der HSV musste - endlich, wie weite Teile des Landes meinten - in die zweite Liga, wo es ihm nun offenbar so gut gefällt, dass er einiges unternimmt, um noch eine Weile dort zu bleiben.

Dem HSV ist unbedingt dafür zu danken, dass er sich Jahr für Jahr um die Spannung im Fußball-Land verdient macht, während weite Teile des Liga-Betriebs das Gröbste längst hinter sich haben und es, wie just die Dortmunder Borussen, schon mal ein bisschen gemütlicher angehen. Auch diesmal sind die Hamburger dabei, wenn sich am Wochenende im Kampf um die Plätze in der ersten Klasse die Dinge zuspitzen: in Mainz, wo Werder Bremen zu einer Art Endspiel antritt; in Düsseldorf, wo die Fortuna den nur noch gering bedrohten FC Augsburg zum anderen Finale empfängt; und in Heidenheim, wo der HSV mit dem Gastgeber um Rang zwei bis vier verhandelt.

In Abwesenheit des Titelwettkampfs ist die Abstiegs- und Aufstiegsfrage ein ergreifendes Ersatzprogramm. Reiner Calmund hat einst gesagt, das deutsche Publikum genieße diese Form von Existenzkampf, weil sie mit dem Leiden der Akteure verbunden sei. Etwas Voyeurismus mag vorhanden sein, doch es geht auch einfach um menschliche Parteinahme und sportliches Abwägen. Auf Werder Bremen möchte man ja eher nicht verzichten, aber Fortuna Düsseldorf mit dem energischen Uwe Rösler hat den Klassenverbleib vielleicht noch mehr verdient; dem leidgeprüften HSV-Volk wäre ein Erfolg zu gönnen, aber dem FC Heidenheim mit seiner Provinzidylle auch. Jede Vorliebe und jede Prognose sind jetzt berechtigt, denn wie es ausgehen wird, das ist die Multimillionenfrage, die nicht mal Günter Jauch zu beantworten weiß.

© SZ vom 19.06.2020/tbr

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