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Bundesliga:Alles schlecht - sogar das Gewissen

STOEGER Kevin Team Mainz 05 erzielt das 2 : 2 mit Torwart LOMB Niklas beim 2 : 2 Fussball Bundesliga Saison 2020-2021 S

Die Leverkusener am Boden, die Mainzer obenauf: Kevin Stöger (rechts) und seine Kollegen feiern den 2:2-Ausgleich in Nachspielzeit.

(Foto: Laci Perenyi/imago)

Zwei Welten nach einem 2:2: Leverkusens Trainer Bosz kritisiert sein Team hart - Mainz feiert sein Comeback in der Schlussphase und im Abstiegskampf.

Von Philipp Selldorf, Leverkusen

Kein Trainer der Bundesliga spricht so oft schlecht über seine Mannschaft wie Peter Bosz - nicht, weil er ein mieser Kerl oder brutaler Drilloffizier ist, sondern, weil er die Dinge gern ehrlich benennt. Und wenn Bosz sagt, dass Bayer Leverkusen schlecht gespielt hat, dann meint er das nicht nur so, dann klingt es auch so. Hinter dem Wort "schlecht" steht dann jedes Mal mindestens ein Ausrufezeichen. Am Samstag, nach dem 2:2 gegen Mainz 05, gab es davon so viele wie nie zuvor, seit Bosz vor zweieinhalb Jahren an den Rhein gekommen ist. Der Coach hatte den Eindruck, ein beispielloses Spiel gesehen zu haben. Im Widerspruch zum Kollegen Bo Svensson, der Bayer eine überlegene Leistung während der ersten Hälfte zuerkannt hatte, bestand Bosz darauf, sein Team habe in beiden Halbzeiten genau gleich gespielt - "gleich schlecht: schlecht im Ballbesitz! Schlecht im Positionsspiel! Schlecht in der Verteidigung!". Nicht zu vergessen das Kombinationsspiel: "Soooo langsam", klagte Bosz. Dazu Pässe in den Rücken, Pässe ins Nichts, Hoppel-Pässe, Fehlpässe. Alles schlecht!

Bo Svensson saß lächelnd daneben. Wäre der Mainzer Trainer ein eitler Typ, wäre er vermutlich beleidigt gewesen. Dass der Bayer-Kollege nur über seine eigenen Elf redete, nicht aber die sehr beachtliche Leistung der Mainzer würdigte, nahm Svensson jedoch nicht persönlich. Er wusste die Betroffenheit von Bosz einzuschätzen. Mit der gleichen angenehmen Gelassenheit parierte der 41 Jahre alte Däne Svensson die vielen Komplimente, die ihm die lokalen Reporter nach dem unverhofften Punktgewinn unterjubelten. In Rede stand zweierlei: Dass Svensson eine vor Wochen noch tote Mainzer Mannschaft zum Leben erweckt habe - und dass er über einen magischen Handgriff verfüge. Svensson hatte spät, aber genau rechtzeitig beide Torschützen eingewechselt: Mittelstürmer Robert Glatzel, vor zwei Wochen noch auf die letzte Sekunde bei Cardiff City ausgeliehen, und der clevere Österreicher Kevin Stöger nahmen Bayer in den letzten Atemzügen der Partie eine 2:0-Führung ab.

Minute 88 war bereits angebrochen, Bayer lag komfortabel vorn, aber Bosz bekam wieder einen Wutanfall. Linksverteidiger Wendell hatte ohne Zauberei einen Ballgewinn in einen Ballverlust verwandelt, und sein Coach hatte eine klare Vorstellung von dem, was da noch kommen könnte: "Ich war auch nach dem 2:0 nie ruhig. Wenn man so spielt, dann kann man das erwarten", sagte er später im Ton eines leidgeprüften Mannes. Die böse Ahnung hatte den niederländischen Trainer nicht getrogen. Aus Wendells Fahrlässigkeit entwickelte sich ein Mainzer Angriff, der über Umwege den eingewechselten Glatzel in bemerkenswert ungestörte Schussposition beförderte (1:2). Vier Minuten später lagen sich die Mainzer erneut in den Armen, Stögers Ausgleichstreffer nach Sven Benders unfreiwilliger Vorlage mobilisierte die gesamte FSV-Belegschaft. Spieler, Reservisten, Betreuer warfen sich auf den Schützen, selbst Torwart Robin Zentner eilte aus seiner Ecke herbei, um mit den Kameraden zu feiern.

So glücklich der Zeitpunkt der Mainzer Tore war, so hochverdient war die Rendite insgesamt

Dieses 2:2 des Tabellenvorletzten Mainz beim Spitzenteam Leverkusen mag durch seine späte Wendung glücklich zustande gekommen sein, aber kein Augenzeuge würde behaupten, dass es ein lediglich glücklicher Punktgewinn war. Der Abstiegskandidat hatte den Champions-League-Anwärter in der zweiten Halbzeit in allen Belangen beherrscht und genügend Chancen erwirtschaftet, um schon viel früher zum Ausgleich zu kommen. Die späte Ernte war eine hochverdiente Rendite. Das schlechte Gewissen war den Leverkusenern nach dem Schlusspfiff anzusehen. Sie eilten vom Feld, als wollten sie ihrer eigenen Schande entfliehen. Die Mainzer hingegen feierten ebenso überschwänglich wie ausgiebig ihr Comeback ins Spiel und in den Kampf um den Klassenverbleib.

Dabei hatte Svensson nach 83 Minuten die Partie mehr oder weniger aufgegeben. Mitten hinein in die ständigen Angriffe seines Teams kam Patrick Schick mit dem 2:0 geplatzt, der einzige gelungene Angriff der Leverkusener im zweiten Durchgang schien das Spiel entschieden zu haben. "Wenn du so viele Chancen nicht reinmachst und kriegst dann das 0:2", dann sei eine Rückkehr in die Ertragszone nicht mehr wahrscheinlich, erläuterte Svensson später, aber der Chef hatte die Rechnung ohne sein Team gemacht: "Der Trainer hat vielleicht gezweifelt, aber die Jungs haben weitergemacht."

Svensson scheint verloren geglaubte Mainzer Traditionen freizulegen. Die Mannschaft tritt dem Gegner jetzt wieder aggressiv und lückenlos geschlossen entgegen wie in besten Zeiten. Von Anfang an machten die 05er die Spielräume eng, unentwegt verstrickten sie Bayer in mühsame Zweikämpfe, Leverkusen kam nicht ins gewohnte Passspiel. Auch das relativ frühe 1:0 durch Lucas Alario (11.) verschaffte keinen Luftgewinn. Nach der Pause blies Svensson notgedrungen zum Angriff: Dass Mainz die Verteidigung in die Angriffshälfte verlagerte, hätte eine Einladung an die konterstarken Leverkusener sein können. "Normalerweise ist das super für uns", sagte Bosz. Diesmal aber kam Bayer vor lauter blindwütigen Befreiungsschlägen gar nicht zum Kontern. Ja, das war wirklich schlecht.

© SZ/mok/moe
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