Britta Steffen und das deutsche Schwimmen:Zwischen Weltfrieden und Zielvereinbarung

Wenn die deutschen Beckenschwimmer, wie es derzeit aussieht, in London ohne Medaille bleiben, muss sich Britta Steffen kaum Vorwürfe machen. Sie hat ihren Beitrag zur sportlichen Volkserheiterung ja längst übererfüllt: vor vier Jahren unter riesigem Druck in Peking. In London will sie nun endlich die Olympischen Spiele genießen.

Claudio Catuogno

Britta Steffen hat früh gelernt, dass es nicht nur um sie geht. Zum Beispiel, wenn sie aus der Schule nach Hause kam. In der 57-Quadratmeter-Wohnung in Schwedt an der Oder, östlichstes Brandenburg, drängten sich außer ihr noch Maiki und Sveni am Esstisch. So nennt Britta Steffen ihre Brüder Maik und Sven. Mit dem Schwimmen begann sie, weil Mutter Ingrid die Kinder nicht den ganzen Tag in der Bude haben wollte. "Morgens ist Schule, nachmittags wird Sport gemacht, den Satz von Mutter höre ich heute noch", hat Britta Steffen kürzlich erzählt. Der Plan, aus der talentierten Tochter mal eine Olympiasiegerin zu machen - den gab es im Hause Steffen nie. "Britta war eine von Dreien", sagt Ingrid Steffen. "So einfach war das."

Olympia 2012: Schwimmen

Die Suche nach Ablenkung am Beckenrand: Das deutsche Schwimm-Paar Britta Steffen und Paul Biedermann.

(Foto: dapd)

Als Britta Steffen vor vier Jahren bei den Spielen in Peking genau das wurde, Olympiasiegerin, zwei Mal sogar, und damit eine der großen Figuren des deutschen Sports, da waren die Steffens gerade umgezogen. Ihr Plattenbau sollte zurückgebaut werden, die jungen Leute hält wenig in Schwedt. Die Steffens mussten in einen anderen Plattenbau umziehen. Kaum einer kannte die neue Familie, der Tabakhändler im Erdgeschoss wunderte sich über den lauten Jubel, der mitten in der Nacht in der zweiten Etage ausbrach, und als am nächsten Morgen die Reporter vor der Tür standen und jede vorbeilaufende Frau fragten, ob sie Mama Steffen sei, da nahm Ingrid Steffen einfach den Hinterausgang.

Bloß kein Aufhebens. Dass Tochter Britta jetzt eine öffentliche Person ist, Werbe-Gesicht, dass sie genug Geld verdient hat, um sich am Stadtrand von Berlin ein Öko-Haus zu bauen, darum geht es Ingrid Steffen bis heute nicht. Worum dann? "Eigentlich war mir immer nur wichtig, dass Britta glücklich ist mit dem, was sie macht."

Das ist die eine Welt der Britta Steffen, 28. Jene, in der sie Tochter sein kann - und in der jetzt niemand so recht etwas anzufangen weiß mit diesen 54,18 Sekunden. Es gibt da aber noch die andere Welt, in der ist Steffen Doppel-Olympiasiegerin, Doppel-Weltrekordhalterin, Vorzeige-Frau des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), und wenn Steffen in dieser Welt 54,18 Sekunden schwimmt über 100 Meter Freistil, dann gibt es da leider ein Problem.

In dieser Welt, das lehrt die Erfahrung, geht es bei Olympischen Spielen immer vor allem um sie.

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