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British Open im Golf:Fußballstimmung in Portrush

Früh gescheiterte Favoriten, Regen wie Nadelstiche, und dennoch begeisterte Zuschauer: Der Ire Shane Lowry setzt sich früh vom Feld ab und gewinnt erstmals die British Open im Golf.

An der 17. Bahn legte er dann jede Zurückhaltung ab und zeigte eine Geste, wie man sie im Fußball kennt: Shane Lowry riss die Arme hoch. Dabei lief die 148. Open Championship noch, die British Open im Golf, das älteste Golfturnier der Welt, erstmals 1860 ausgetragen. Sechs Schläge Vorsprung hatte der Ire, nur ein Erdbeben hätte ihn von seinem ersten Sieg bei einem Major abhalten können, das wusste er, das wussten die Zehntausende von Zuschauern und Fans, die ihn mit Gesängen begleiteten auf den letzten Metern. Vier Tage haben sich die Top-Golfer im Royal Portrush Golf Club im Norden Nordirlands gemessen, schon ab Mitte der dritten Runde am Samstag setzte sich Lowry ab. Würde er als Mann der zweiten Reihe dem Druck standhalten? Mit vier Schlägen Vorsprung war er am Sonntag gestartet, und tatsächlich bot er am Ende eine souveräne Vorstellung. Mit 15 Schlägen unter Par (Platzstandard) lag Lowry sechs Schläge vor dem Engländer Tommy Fleetwood. 1,93 Millionen Dollar sind der Lohn, aber natürlich ist im Golf die Claret Jug, die Weinkaraffe, das begehrteste Gut, nach dem die Profis streben.

Lowry hatten die Experten stets einiges zugetraut, er kann die Bälle weit schlagen und niedrige Rundenergebnisse erzielen. Viermal gewann er auf der European Tour. Aber bei den großen Events, den vier Majors, fehlte ihm die Konstanz auf den im Idealfall vier Runden. Diesmal nicht. Diesmal steigerte sich Lowry sogar mit dem Verlauf des Turniers. Ihm machte der Druck, den er als Ire im Nachbarland verspürte, nichts aus. Er beflügelte ihn, nicht so wie bei dem Nordiren Rory McIlroy, der als Favorit eine fürchterliche erste Runde ertragen musste und am Cut scheiterte. Am Samstag legte Lowry eine 63er Runde hin, das war eine Ansage vor dem Finaltag. Doch Golf ist kompliziert. Zwei schlechte Schläge hier, zwei exzellente dort, schon wird das Leaderboard, das die Namen der Profis zeigt, durcheinandergewirbelt. Und beinahe hätte Lowry wirklich mit dem Worst-Case angefangen, Fleetwood hatte einen machbaren Birdie-Putt (eins unter Par), er selbst einen unangenehm langen zum Bogey (eins über Par). Hätte er vorbeigeschoben und Fleetwood eingelocht, wäre Lowrys Vorsprung schlagartig geschmolzen. Aber er traf, Fleetwood schob vorbei, und nun brach erst mal die Zeit des Konsolidierens für die beiden Führenden an.

Dabei gerieten sie, was die Konkurrenz betraf, nicht mal unter Druck, hinter ihnen tat sich lange eine Lücke auf zu den Verfolgern. Lee Westwood, einer der großen europäischen Golfer, der mit 46 seine unglaubliche 25. British Open in Serie bestritt, lag drei Schläge hinter Fleetwood. Erst danach staute sich das Feld, mit namhaften Profis wie Danny Willett, Justin Rose (beide England), Justin Thomas, Brooks Koepka (beide USA). Westwood war der Erste dieser Riege, der aufrückte, nach einem Bogey gelangen ihm drei Birdies. Der Verlierer in dieser Phase war der in der Saison 2019 beste Major-Teilnehmer: der kraftvoll-athletische Koepka. Vier Schlagverluste auf vier Bahnen nahmen ihm alle Chancen, wenngleich er an der sechsten Bahn, einem kurzen Par 4, nach einem Hammerabschlag zum Eagle (zwei unter Par) einlochte. Ebenfalls Enttäuschungen musste JB Holmes verkraften, der an den ersten drei Tagen noch so geglänzt hatte: Er musste drei frühe Bogeys hinnehmen.

Der Gewinner in dieser Phase war wiederum erstens: das schlechte Wetter. Es begann zu regnen, und weil es auch windete, wurden die Tropfen zu fiesen Nadelstichen. Der zweite Gewinner in dieser Phase: Lowry. Der 32-Jährige aus Mullingar, groß und etwas gewichtig gebaut, aber mit einem flüssigen Schwung gesegnet, der sein Talent verdeutlicht, stabilisierte sein Spiel, konterte mit zwei Birdies an den Bahnen vier und fünf - und hatte plötzlich fünf Schläge Vorsprung auf Fleetwood, der gute Puttchancen ausgelassen hatte. Das Lächeln kam prompt zurück in Lowrys freundliches Gesicht. Lowry hatte zwar noch nie ein Major gewonnen, aber seine kumpelhafte Art kommt stets an. Er ist der Typ, mit dem man gerne einmal in eines dieser geselligen irischen Pubs einkehren würde. Genau genommen war es sogar so, dass diese British Open - nachdem keiner der drei Nordiren Rory McIlroy, Darren Clarke (scheiterten am Cut) und Graeme McDowell (57.) um den Titel mitspielen konnte - keinen Sieger mehr verdient gehabt hätte als Lowry. Und so fieberten die Fans in Horden mit. Als einmal eine Gruppe im Fernsehbild war, hüpfte diese fröhlich mit ihren Regenschirmen auf und ab, trotz aller Nadelstiche. Dieser Geist der British-Open-Fans ist einmalig. Nirgends gilt das Publikum als so fachkundig und dabei doch ausgelassen und fröhlich.

Für Lowry ging es am Ende darum, nur die Nerven zu bewahren. Zwei Bogeys trugen nicht zur Beruhigung bei, aber von hinten pirschte auch keiner heran bei einem Wetter, das nun an den Schleudergang einer Waschmaschine erinnerte. Was ihm dafür half: Die anderen patzten auch. Mit seinem Birdie an der 15. Bahn war das Turnier schließlich entschieden, kurz darauf fing ein Herr, wie die TV-Bilder bei Sky zeigten, mit der Gravur des Siegernamens an. Als er die Claret Jug in den Händen hielt, rief Lowry strahlend zu den Fans: "Diese hier ist für euch!"