Im buchfüllenden Trainerleben von Bob Brett - in dem er gute Spieler zu Champions formte, Athleten zu Persönlichkeiten reifen ließ und einen in der Branche derart von Respekt gezeichneten Ruf erlangte, dass er noch im vergangenen November von der ATP-Tour für seine fast 50-jährige Schaffenskraft ausgezeichnet wurde - war der 27. Januar 1991 ein besonderer Tag.
Boris Becker hatte seinen fünften Grand-Slam-Titel errungen, nachdem er den Tschechoslowaken Ivan Lendl im Finale der Australian Open abgefertigt hatte. Selten war Beckers Karriere vollkommener als in jenen Tagen nach dem Finale in Melbourne. Becker war zur Nummer eins der Weltrangliste aufgestiegen. Brett, ein kleiner, schmächtiger Australier, der selten mit großen Worten auffiel, hatte ihn dorthin geführt. Und ließ ihn just in diesem Moment wieder los.
Die beiden trennten sich, Brett wusste: "Er war technisch, mental und taktisch auf dem Höhepunkt." So steht es im Buch "Advantage Becker" des Autors Robert Lübenoff. "Ich fühlte, dass Boris keinen Betreuer mehr rund um die Uhr nötig hatte. Ich wusste, dass er mich nicht mehr brauchte. Es galt, einen wunderbaren Abschnitt und eine sehr harmonische Beziehung zu beenden." Es war eine Erklärung, die viel erzählte über Brett.
Es ging ihm nicht um Ämter, Geld, Eitelkeiten - Tennis war seine Passion, und es war ihm schlicht ein Anliegen, die Entwicklung seiner Schützlinge ganzheitlich zu voranzubringen. Wobei Brett klar betonte, etwa bei Becker: "Was er außerhalb des Platzes macht, interessiert mich nicht." Aber auf dem Platz, da verlangte er viel; "Bereitschaft, Disziplin, Willenskraft, Pünktlichkeit", wie sich Becker in einer seiner Biografien erinnerte.
Drei Stunden Training am Morgen, drei am Nachmittag waren normal bei Brett, "es war eine reine Geschäftsbeziehung", befand Becker, "Bob behandelte mich wie einen Erwachsenen." Ein Lob. Als Becker Ende 1987 Brett anheuerte, hatte der Leimener zwar bereits zweimal Wimbledon gewonnen. Aber er war auch stets der Spieler seines Jugendcoaches Günther Bosch und die Cashcow seines Managers Ion Tiriac. Becker wollte sich als selbständige Person freischwimmen. Brett war es, der ihn dazu anleitete. Er habe ihm gelehrt, wie viel "harte Arbeit" Tennis ist.
Das eigene Talent des Australiers hatte nicht zur einer Profikarriere gereicht (sein Vater hatte ihn überdies gebremst), aber Tennis war Bretts Berufung, die ihn schon als Kind nicht losließ. Als Balljunge kam er in die Nähe von Größen wie Arthur Ashe oder dem australischen Spieler Harry Hopman, den er bewunderte und dessen Trainingsphilosophie er übernahm. Als junger Mann arbeitete er als Postbote, doch eines Tages fasste sich Brett ein Herz und schrieb Hopman, der auf Long Island in den USA eine Akademie leitete, einen Brief. So begann sein Weg als Coach. Mit einem Touristenvisum und 200 Dollar Wochensalär, wie die ATP-Tour in einer Würdigung schilderte.
Über Hopmans Kontakte rutschte Brett auf die Tour, er war dabei nie ein schillernder Selbstverkäufer wie Nick Bollettieri seinerzeit oder Serena Williams' Trainer Patrick Mouratoglou heute, eher war er der Tennisflüsterer, dem die Profis vertrauten. Weil er nur sie und ihre Erfolge in den Vordergrund stellte. Wären ihm nicht hin und wieder sehr bekannte Profis um den Hals gefallen, wäre Brett fast übersehen worden. Welche Verdienste er hatte, wurde nun, da er mit 67 Jahren einem Krebsleiden erlag, sichtbar.
Die Liste derjenigen, die er trainierte (u.a. Johan Kriek, Harold Salomon, Tim Mayotte, Mats Wilander, Guy Forget, Andrej Medwedew, Marin Cilic) und die kondolierten, liest sich wie ein Auszug aus der Ruhmeshalle. "Es war eine Ehre, mit ihm ein Jahr lang arbeiten zu dürfen", schrieb Chris Evert auf Twitter. "Ich habe von niemandem mehr gelernt", hob Goran Ivanisevic hervor. "Er hatte einen sechsten Sinn dafür, wie er einen Spieler besser machen kann", sagte Bollettieri, 89, voller Bewunderung. Nicolas Kiefer, unter Brett zur Nummer vier der Welt aufstiegen, verriet, dass sie noch vor Weihnachten telefoniert und sich an ihre schöne Zeit erinnert hätten, "uns kamen sogar die Tränen, vor Freude".
Es war bereits ein sanftes Abschiednehmen, die Krankheit war zu weit fortgeschritten. Im Tennis wird Bob Bett unvergessen bleiben. "Ich bin ein sehr empfindsames Tier, und er fand die richtige Worte für mich", so würdigte Becker Bretts empathische Art einmal. Die einstige Doppelgröße Paul McNamee, auch von Brett geprägt, huldigte in der Herald Sun: "Er ist einer der unbesungenen Helden des australischen Tennis, wegen seines Einflusses, den er auf der ganzen Welt hatte."



