Süddeutsche Zeitung

Bremer Remis gegen Freiburg:Niveauvolle Langeweile

Wie in einem Achtsamkeitsseminar kümmern sich Werder Bremen und der SC Freiburg darum, dem Gegner keine Räume zu lassen. Das Ergebnis folgt einer gewissen Logik - 0:0.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Normalerweise würde, wer bei vier Grad unter Null bewegungslos an einem abgelegenen, weitgehend menschenleeren Ort wie einem Fußballstadion verharrt, von der Polizei in eine beheizte Unterkunft gebracht, von der Heilsarmee mit heißer Suppe versorgt oder von der Feuerwehr wenigstens in so eine goldene Wärmefolie gewickelt. An so einem eisigen Winternachmittag fehlen sie ja noch mehr, die 40 000 Heißdüsen auf den Rängen, die ihre Liebe für den einen oder anderen Verein in Wärme umwandeln können, welche einen die Kälte vergessen lässt. So aber saßen auch diesmal nur die für den Sonderspielbetrieb Bundesliga zugelassen Vertreterinnen und Vertreter der Medien im inzwischen permagefrosteten Beton des Bremer Weserstadions, blöderweise auf der schattigen Seite, sahen, wie auf der Nordseite die Sonne die über die leeren Schalensitze gezogenen Werbeteppiche aufheizte und wie die Fußballer von Werder Bremen und dem SC Freiburg ein Spiel von niveauvoller Langeweile aufzogen. Dass es 0:0 endete, folgte einer gewissen Logik.

Freiburg und Werder bilden das obere und das untere Ende eines einigermaßen gesicherten Mittelfelds in der Bundesliga. Die Badener könnten, würde ihnen alles gelingen, vielleicht doch irgendwann noch mal über die Europacup-Plätze reden; die Bremer sollten für den Fall, dass sie ihre neue Stabilität wieder einbüßen würden, Platz 16 im Auge behalten. Für solch extreme Entwicklung aber bot das direkte Aufeinandertreffen zweier sehr gefestigter, fleißiger aber auch ein bisschen biederer Mannschaften keine Hinweise.

In den letzten 15 Minuten bekam man zumindest eine Ahnung davon, warum die Freiburger tabellarisch eher Dortmund und Gladbach im Nacken sitzen, als sich mit Augsburg oder Hertha herumschlagen zu müssen, da entwickelten sie noch einmal eine Druckphase, die Torwart Jiri Pavlenka zu Paraden gegen Nicolas Höfler und Jonathan Schmid zwang (77./83.Minute) und Nils Petersen in der ersten dieser Szenen eine Nachschuss-Chance eröffnete, die er nicht nutzte. "Da haben wir richtig gut gespielt, da können wir es auch gewinnen", sagte Freiburgs Trainer Christian Streich. Dass seine Elf dazu "keinen einzigen Konter zugelassen" habe, nannte Streich "reif".

Weniger Gegentore als Bremen hat kein Team der Liga im Jahr 2021 kassiert

Werder Bremen aber verliert, anders als noch in der grauenhaften vergangenen Saison, solche Spiele nicht mehr. Die Mannschaft hat sich von einer der defensivschwächsten zur aktuell stabilsten der Bundesliga verwandelt, weniger Gegentore als die Bremer hat kein Team der Liga im Kalenderjahr 2021 kassiert. Das liegt zum einen daran, dass Trainer Florian Kohfeldt eine Abwehrformation gefunden hat, die sich einspielen konnte, weil keine neue Verletzungsserie sie daran hinderte. Ömer Toprak und Marco Friedl, ein alter Hase und ein junger Hüpfer, bilden eines der derzeit zuverlässigsten Innenverteidiger-Paare überhaupt, Theodor Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson sind sehr solide Außenverteidiger. Zum anderen haben die Bremer ihren Stil radikal verändert und gelernt, dass man das Spiel auch auf sich zukommen lassen kann, statt es in jeder Phase selbst machen zu wollen. Das sieht nicht immer schön aus, aber Menschen mit Ordnungssinn können auch dieser gut aufgeräumten Spielart etwas abgewinnen.

Gegen Freiburg, das ähnlich diszipliniert auftrat, erlaubten sich die Bremer allerdings keine solchen Phasen wie zuletzt gegen Augsburg oder Schalke, als sie in ihrer Ordnung erstarrten und jeder Fußball zum Erliegen kam. Sie wären an diesem Samstag in Bremen sonst allerdings auch einfach erfroren. Kohfeldt verändert die Mannschaft sukzessive wieder in eine, die auch selbst die Initiative ergreifen kann, baute Milot Rashica und Romano Schmid in die Startelf ein und signalisierte so einen gewissen Offensivgeist.

In der strategisch anspruchsvollen Partie, in der beide Mannschaften enge Netze im Mittelfeld für den Gegner auslegten, können solche brummkreiseligen Spieler den Unterschied machen, und so hatte Werder in der ersten Halbzeit auch Ansätze von Angriffslust, die aber nicht zu mehr als einer Großchance durch Milos Veljkovic im Anschluss an einen Eckball führten (36.). "Ein Tausendprozenter", fand Trainer Kohfeldt.

Rashica, den Werder nach vergeblichen Versuchen im Sommer auch im Winter nicht verkaufen konnte, um die von der Pandemie geplünderte Vereinskasse aufzufüllen, arbeitete mit zwei, drei guten Sprints an seinem Markwert - bleibt aber nach vielen Verletzungen weit entfernt von früherer Klasse. "Ein paar mehr Tempoaktionen" hätte Kohfeldt von seiner Mannschaft gerne gesehen. Er registrierte aber wohlwollend doch erste Schritte zurück zum Kombinationsfußball, der irgendwann wieder das Ziel sein soll.

Ansonsten kümmerten sich beide Teams wie die Teilnehmer eines Achtsamkeitsseminars darum, dem Gegner keinen Raum anzubieten. Das gelang beiden Mannschaften so gut, dass sie jedes Spektakel geschickt vermieden, aber eben auch so gut, dass das Spiel eine gewisse Qualität hatte, eine niveauvolle Langweiligkeit, die man bei 20, 25 Grad mehr Außentemperatur ganz gut hätte aushalten können. "Es war", sagte Werders Trainer, "ein absolut okayes Spiel." Oder so halt.

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