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Bremen:Zu sauer für Gassenhauer

Werder Bremen - Hertha BSC

Gesprächsbedarf: Werders Trainer Florian Kohfeldt (re.) mit Kollege Ante Covic von Hertha BSC.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

"Müssen solche Spiele gewinnen": Werder hadert mit 1:1 gegen Hertha.

Einmal hat die komplette Mannschaft von Werder Bremen sogar öffentlich gesungen beim Freimarkt, einer Art Bremer Oktoberfest. 2005 war das in einem bayrischen Bierzelt, als man die Hymne "Lebenslang Grün-Weiß" anstimmte. Am Freitag wurde das große Volksfest zum 984. Mal eröffnet, doch nach dem 1:1 gegen Hertha BSC waren die Profis froh, nicht auftreten zu müssen, sondern erst in kleiner Gruppe am kommenden Mittwoch im Werder-Festzelt - und das vermutlich ohne Gassenhauer. Zu "sauer" waren sie nach dem Spiel über zwei verlorene Punkte, wie es nicht nur Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein ausdrückte. Er fügte noch hinzu: "Wenn wir unsere Saisonziele erreichen wollen, dann müssen wir so ein Spiel gewinnen." Tatsächlich sind die Hanseaten nur drei Zähler entfernt vom Relegationsplatz, während das Feld der Europa-Anwärter, zu dem sich Werder rechnen möchte, schon fünf Punkte entfernt ist.

Trainer Florian Kohfeldt, für den sich das Unentschieden gewiss als Niederlage anfühlte, gab später trotzdem den Mutmacher. Er habe seine Mathe-Leistungskurs-Kenntnisse bemüht, sagte er, scherzhaft bezogen auf den achten Spieltag: "34 minus 8 sind 26 - dementsprechend ist noch sehr, sehr viel Zeit zum Punkte sammeln." Wenn man im April auf Tuchfühlung nach oben sei, "ist Crunchtime. Jetzt ist alles nur Warm-up".

Tatsächlich war die Partie auch nach Publikumsmeinung eher der Kategorie obere Tabellenhälfte zuzuordnen. Laut Kohfeldt war es aus Werder-Sicht sogar "das beste Spiel der letzten Wochen", obwohl man zuletzt je einen Punkt beim Titelanwärter Borussia Dortmund und bei Eintracht Frankfurt holte. "Der Pavel hat nur einen einzigen Ball in der Hand gehabt", sagte Kohfeldt über seinen Torhüter Jiri Pavlenka. Alles Weitere wurde dem Keeper von seiner Defensivabteilung abgenommen, obwohl die weiter ohne die verletzten Oberhäupter Niklas Moisander und Ömer Toprak auskommen muss. Auch Hertha-Trainer Ante Covic gab zu, dass Werder mehrmals "den Matchball auf dem Fuß" hatte. Allein Flügelstürmer Milot Rashica hatte zwischen der 52. und 64. Minute drei riesige Chancen, wobei zweimal Hertha-Keeper Rune Jarstein seinen Job exzellent erledigte. So kam es, dass der eingewechselte Hertha-Stürmer Dodi Lukebakio, laut Kohfeldt ein "sehr flinker Kollege", Theodor Gebre Selassi zweimal stehen ließ und den Ball gegen den Innenpfosten schlenzte, zum 1:1.

Damit hatte er Werders Torschütze Joshua Sargent ein wenig die Show gestohlen. Der 19-jährige US-Amerikaner, gerade von einer Länderspielreise gegen Kuba und Kanada zurückgekehrt, erzielte in der 7. Minute das 1:0, wenn auch mit Hilfe des Verteidigers Dedryck Boyata, der den Schuss abgefälscht hatte. Es war Sargents zweiter Liga-Treffer in dieser Saison - und das, obwohl er drei Spiele in einer Woche in verschiedenen Zeitzonen absolviert hatte. Der junge Mann profitierte offenbar vom "Schlafmanagement", das ihm Kohfeldt verordnet hatte. Der Jetlag wurde bekämpft, indem er kurze Schlafphasen einstreute. "Ab der 60. Minute war er tot, das geht in die Beine", bilanzierte der Coach. Erfahrene Leute wie Claudio Pizarro dagegen seien das gewohnt, "die merken irgendwann gar nicht mehr, ob sie im Flieger schlafen oder woanders". Gleichwohl habe Sargent zuletzt angedeutet, was für ein guter Stürmer er werden könne.

Ein guter Stürmer ist auch noch immer Hertha-Profi Vedad Ibisevic, 35, und ein kreativer dazu. Als Schiedsrichter Felix Brych ihm in der 11. Minuten einen Elfmeter verweigerte, weil er nach einem Duell mit Werder-Keeper Pavlenka zu Boden gegangen war, forderte Ibisevic für sich selbst eine gelbe Karte. "Ich habe gesagt, wenn das kein Elfmeter ist, dann ist es eine Schwalbe. Es gibt keine dritte Option", sagte Ibisevic. Aber er habe weder Gelb bekommen und auch keinen Elfmeter, also verstehe er die Welt nicht mehr. Trotzdem war er, wie sein Trainer Covic, mit dem "erspielten" 1:1 deutlich zufriedener als die frustrierten Gastgeber.