Bremen und Polizeikosten Ein widerspenstiges Dorf gegen den mächtigen Fußball

  • Dafür, dass es so klein ist, hat das Bundesland Bremen im Fußball schon viel Wirbel gemacht.
  • Das in dritter Instanz gefällte Urteil zur Beteiligung der Klubs an Sicherheitskosten ist das nächste Kapitel der kernigen Beziehung.
Von Ralf Wiegand, Bremen

Pferde galoppieren im Zustand höchster Erregung über den Radweg an der Weser, ihre Leiber bilden einen Schutzwall gegen den schwarzen Block von Menschen, den sie eskortieren. Mannschaftswagen der Polizei jagen mit Sirene und Blaulicht zwischen Hauptbahnhof und Weserstadion durch abgesperrte Straßen, vor den Eingangstoren der Arena trennen Hunderte behelmter Bereitschaftspolizisten die Fans beider Lager. Im Stadion fliegen gefährliche Feuerwerksraketen aus dem Gästeblock in den Unterrang, Polizei marschiert vor dem Zaun auf. Und nach dem Spiel wird es auch mindestens Mitternacht, ehe die Martinshörner verhallen und die letzte Schlägerei vor den Freiluftkneipen im Viertel geschlichtet ist.

So fühlt sich ein Hochrisikospiel in Bremen an - schön ist anders.

Sieben solcher Partien des ortsansässigen Fußball-Erstligisten Werder Bremen hat es seit 2015 gegeben, vier allein gegen den ewigen Herzensrivalen Hamburger SV (der gerade in Liga zwei pausiert), die anderen gegen Hannover, Frankfurt, Mönchengladbach. Sieben Mal hat die Polizei in der Hansestadt Zusatzschichten fahren müssen, Kollegen aus anderen Bundesländern bestellt, berittene Einheiten angefordert, Überstunden aufgeschrieben. Sieben Mal hat sie für den Schutz der Veranstaltung und für den Schutz derer, die einfach nur mal zum Fußball wollen, viel mehr Aufwand betreiben müssen als bei üblichen Bundesligaspielen, bei denen sich die Animositäten auf ein paar zotige Schlachtgesänge zwischen den Fanblocks beschränken. Sieben Mal Ausnahmezustand, sieben Mal Mehrkosten - und sieben Mal hat das Land Bremen der Deutschen Fußball Liga (DFL) dafür eine Rechnung geschrieben. Die Summen addieren sich inzwischen auf mehr als zwei Millionen Euro.

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Und das, so hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verkündet, ist vom Grundsatz her rechtens. Die Deutsche Fußball Liga (DFL), als Dachverband aller Profiklubs Veranstalter der Bundesliga, hatte gleich gegen die erste dieser Rechnungen (425 718,11 Euro) anlässlich der Partie Werder - HSV vom 19. April 2015 geklagt. Ein erstes Verfahren vor dem Verwaltungsgericht der Hansestadt hatte die DFL gewonnen, in nächster Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht aber verloren. Zwischen Bremen und der DFL stand es 1:1, das Entscheidungsspiel auf neutralem Platz in Leipzig gewann Bremen. Passenderweise wurde erstmals ein solches Finale - eine Urteilsverkündung des Bundesverwaltungsgerichts - live übertragen. Am Freitag im Free-TV.

Nun muss die DFL zwar immer noch nicht bezahlen, weil noch ein paar Posten auf dieser Rechnung erneut vor einem Bremer Gericht geprüft werden müssen, aber der Tenor des Spruchs ist eindeutig. Wolfgang Bier, Vorsitzender des 9. Senats des Bundesverwaltungsgerichts, sagte: "Für den besonderen Polizeiaufwand aus Anlass einer kommerziellen Hochrisiko-Veranstaltung darf grundsätzlich eine Gebühr erhoben werden." Würde die Polizei diese Spiele nicht schützen, erklärte der Richter, würden Ansehen und Gewinn der Veranstalter sinken, die Show womöglich gar ausfallen. Liga-Präsident Reinhard Rauball argumentierte, die Polizei schütze nicht die Veranstaltung, sondern die Allgemeinheit - wie es auch ihr Job ist.

Dafür, dass Bremen so ein winzig kleines Land ist, ja, nicht mal wirklich eine große Stadt, hat es im Fußball schon ganz schön viel Wirbel verursacht. Sportlich zählt Werder zum Urschleim der Bundesliga, nur eine Saison haben die Grün-Weißen wegen eines Abstiegs verpasst, vier Mal Meister sind sie geworden, ewige Pokal-Könner sowieso, und immer wieder schaffen sie es, im rauen Norden mit recht bescheidenen Mitteln herzerwärmenden Fußball zu spielen. Die von Strukturkrisen und Finanznöten gebeutelte Stadt hat in Werder von jeher einen 1-a-Werbeträger. Auch deswegen reagierte der Verein verstimmt, als sich die Stadtregierung gegen die Klubs - und damit gegen den eigenen Verein - stellte. Werder kämpft nicht auf Seiten Bremens, sondern für die DFL in dieser Sache.