Breel Embolo:Ab sofort eine Granate

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Der Angreifer aus Mönchengladbach erzielt gegen den FC Bayern zwei Tore, und bereitet zwei vor. Schon oft wurde ihm von der Fachwelt eine große Karriere prophezeit - gegen die Münchner gelingt ihm sein wahrscheinlich bestes Spiel.

Von Philipp Selldorf

In der Fußballsprache beschreibt der Begriff Granate kein Mordwerkzeug, sondern ein Kompliment für hervorragende Eigenschaften. Fußballer können sowohl "menschlich eine Granate" sein, wie es neulich ein Kollege dem Schalker Stürmer Simon Terodde bescheinigte, als auch sportlich in den Rang eines Sprengkörpers gehoben werden, wie es am Mittwochabend Borussia Mönchengladbachs Trainer Adi Hütter bei der Würdigung des Angreifers Breel Embolo tat. "Mit seiner Wucht und Schnelligkeit und Kraft ist er natürlich eine absolute Granate", lobte der österreichische Coach den schweizerischen Stürmer, der beim schon jetzt sagenhaften 5:0-Pokal-Sieg gegen den FC Bayern zwei Tore schoss und zwei weitere Tore vorbereitete. Eine absolute Granate ist nah dran am Maximum, das der Branchenjargon zu bieten hat: dem Prädikatssiegel "Vollgranate". Letzteres lässt keinen Zweifel mehr an der Spitzenklasse des Spielers.

Bei Embolo, 24, weiß die Fachwelt noch nicht so recht, wie sie ihn einzuordnen hat, das Vermögen für eine große Karriere ist ihm schon oft nachgesagt worden, aber eingelöst hat er die Erwartungen immer nur momentweise. Sein verblüffend perfekter Auftritt gegen die Bayern zeigte an, dass er ein Mann für die besonders hohen Ansprüche sein könnte, es war wahrscheinlich seine beste Vorstellung, seitdem er vor fünf Jahren für mehr als nur eine Handvoll Franken aus Basel nach Deutschland kam. Schalke 04 ging damals im internationalen Bieterwettbewerb am weitesten und verhob sich heftig. Drei Jahre später mussten die Schalker Embolo für nicht mal die Hälfte des Preises an die Gladbacher Borussia abgeben. Wobei das finanzielle Minus ihnen womöglich mehr wehtat als der sportliche Verlust.

All die Jahre blieb er ein Ja-aber-Spieler

Mit den physischen Vorzügen, die sein Trainer jetzt erwähnte, hat Embolo immer schon Eindruck gemacht. Fußballerisch löste er hingegen öfter unliebsames Staunen aus, wenn ihm wieder mal die simple Ballannahme missglückte oder der Pass bis zur Unkenntlichkeit verrutschte. Embolo blieb trotz Steigerungen und starker Phasen all die Jahre ein Ja-aber-Spieler: Ja, dies hat er großartig gemacht, aber dieses leider gar nicht ... Am Mittwochabend erlebten ihn die Zuschauer endlich als kompletten Spieler, der Physis und Technik vereint und den Lauf der Partie zu lesen versteht.

Mit der Bundesliga ist Breel Embolo, geboren in Jaunde in Kamerun, sechsjährig nach Basel gekommen, seit Kinderzeiten vertraut. Das Nachbarland wurde für ihn zum fußballerischen Sehnsuchtsland, die höchste deutsche Spielklasse sei "ein bisschen der große Bruder der Schweizer Liga", so erklärte er einmal, warum er sich für ein Engagement in Deutschland statt in England oder Spanien entschieden hatte. Schon als kleiner Junge hatte er sich dem FC Basel angeschlossen. Als er 13, 14 Jahre alt war, begann er, an die Profikarriere zu glauben. Er beschreibt sich als Glückskind: "Ich war immer einer von den fitten Spielern, die nie verletzt waren. Ich habe mir keinen großen Druck gemacht und hatte auch keinen Druck von meiner Familie. Ich durfte rausgehen, meine Freunde treffen, Sachen erleben, ich musste nicht auf meine Jugend verzichten."

Die Sache mit der Party in Essen

Dass das Leben als prominenter Profi leider etwas komplizierter ist, musste Embolo während des Lockdown erfahren, als er im Januar im Umfeld einer unerlaubten Party in Essen von der Polizei erwischt wurde. "Umfeld" bedeutet: Man hat ihn nicht am Tatort angetroffen, einem Café-Lokal, dafür aber in der benachbarten Einliegerwohnung, wo er angeblich gerade noch rechtzeitig mit einer Kletterpartie übers Dach Zuflucht gefunden hatte. Bei der gutbürgerlichen Borussia schätzt man Skandale eigentlich gar nicht, aber Embolo kam mit einer (dicken) Geldstrafe und einem Tadel davon. Was auch mit seinem Charme und seinem gewinnenden Wesen zu tun hat. Fußballerisch muss er sich noch steigern, aber menschlich ist er womöglich jetzt schon eine Granate.

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