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Brasiliens WM-Debakel:Scolari sieht entgeistert zu

Ja, Maracanazo ist seit gestern Nacht vergessen - dass es durch ein noch viel größeres Trauma ersetzt wurde (anlässlich des Stadionnamens in Belo Horizonte etwa das Mineirazo?), dürfte die Stimmung im WM-Land über die letzten Tage trüben. Scolari, der sonst wie ein Tiger in seinem Trainergeviert kreist und die Seleção in Kommandantenpose durchs Spiel zu steuern pflegte, er sah jetzt mit schlaff hängenden Schultern zu, ein Rentner, der sich an den Spielfeldrand verirrt hatte.

Scolari hatte alles falsch gemacht. Diese Botschaft ging von David Luiz aus, dem neuen Kapitän, der mit dem Gelb-gesperrten Thiago Silva bisher bei der WM ja eine unüberwindbare Innenverteidigung gebildet hatte. Das Stellungsspiel war seine Stärke nie, nun hatte er statt Silva den Kollegen Dante an der Seite, ausgestattet mit null Minuten WM-Erfahrung.

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Und während David Luiz, heillos übermotiviert im Glauben, er müsse hier alle Positionen gleichzeitig spielen, wie ein Derwisch übers Spielfeld flatterte, wird sich der Bayern-Verteidiger hinten wie bei einem Hallen-Kick vorgekommen sein: Allein gegen drei, vier Deutsche, die sich noch am Elfmeterpunkt freistehend den Ball zuschieben konnten. Als Scolaris Kahn absoff, war der Kapitän als Erster über Bord gegangen.

Die Seleção wurde nach der Pause mit Pfiffen empfangen, viele Gesichter spiegelten nackte Angst wider. Doch Scolari hatte sie noch einmal erreichen können, mit Paulinho und Ramires für Hulk und Fernandinho rannten sie los. Oscar, Paulinho und Fred hatten plötzlich beste Chancen, schossen aber sichtlich entnervt immerzu den großartigen Keeper Neuer an.

Nach einer Stunde hatten die Fans genug: "Fred, du Arsch, hau ab!", dröhnte es von den Rängen im Estádio Mineirão, hier, wo Brasiliens unglücklicher Mittelstürmer seine Wurzeln hat. Jeder Ballkontakt Freds wurde fortan ausgebuht. Und als auf der Stadionleinwand Ronaldo auftauchte, das Gesicht des WM-Komitees und der bisherige WM-Schützenkönig, der den Titel hier an Klose verlor, setzte ein Gezeter ein, als habe sich Sepp Blatter in der Loge erhoben.

Die Fans kamen kaum zu Atem. Beim 0:6 winkte Scolari flott Fred vom Platz, vergebens - er erhielt ein Schlusskonzert , das den Frustrierten fast in den Rasen drückte. Dass Willian, der Neue, den alle von Beginn an erwartet hatten, noch ein paar brauchbare Spielzüge inszenierte, wirkte wie letzter Hohn auf Scolaris intuitiv angerichteten Spielersalat. Der vorletzte Hohn: Schürrles 0:7 bejubelten die gelben Fans demonstrativ. Wie beim Stierkampf wurde jede Ballstafette der Gäste beklatscht.

Als es vorbei war, versammelte Scolari seine weinenden Jungs am Mittelkreis, inmitten donnernder Buhrufe. Alles endete in einer Melange aus Geschrei und Tränen. Es ist was passiert, das weit, sehr weit über die Nacht hinausreichen wird. Und ins ganze Land.

© SZ vom 09.07.2014/fued

Quelle: Opta

Diese Statistiken finden Sie auch schon während des Spiels im WM 2014 Live-Ticker.

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