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Brasiliens WM-Debakel:Melange aus Geschrei und Tränen

David Luiz, Thiago Silva

Traumatisiert: David Luiz und Thiago Silva.

(Foto: AP)

Weinende Spieler, geschockte Nation: Im WM-Halbfinale gegen Deutschland wird die brasilianische Nationalmannschaft gedemütigt wie nie. Weil Neymar fehlt und Trainer Scolari die falsche Aufstellung wählt, erlebt der Gastgeber ein kolossales Trauma.

Ob Felipão, der magie-beseelte Coach der Seleção, in der Nacht vorm Spiel noch ein falsches Orakel der Orishas befragt oder seine Aufstellung einfach aus dem Flug der Fledermäuse abgelesen hat, ist nicht bekannt.

Tatsache ist, dass die Journalisten der großen Medien des Landes, vom Fernsehsender Globo bis zu São Paulos Qualitätsblättern, alle mächtig sauer waren auf Felipe Scolari, als sie kurz vor Spielbeginn dessen taktische Rochade fürs Halbfinale erfuhren: Nicht Willian spielte, der gesetzte Ersatzmann für den verletzten Neymar, auch Paulinho schickte der Coach nicht aufs Feld - sondern Bernard. Einen Stürmer, der wie ein Schulbub auf Stress-Situationen reagiert.

Felipão wählte, entgegen seiner Natur, also die offensive Variante. Flucht nach vorne gegen Deutschland, mit den Außenstürmern Bernard und Hulk, die zweierlei zu tun hatten: Den spielstarken Kapitän Philipp Lahm auf der rechten Seite ausschalten, der es nicht mag, wenn ihm ständig einer auf den Füßen steht - und auf der linken Seite die statistische Schwachstelle des Gegners aufbohren, denn über Benedikt Höwedes Seite hatte die DFB-Auswahl zuvor ihre drei WM-Gegentore kassiert.

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Die deutsche Mannschaft spielt im WM-Halbfinale entfesselt auf und gewinnt mit 7:1 gegen Brasilien, den Rekordweltmeister. Kroos, Schürrle, Müller, Khedira und Klose erzielen die Treffer. Erstmals seit 2002 steht die DFB-Elf wieder in einem WM-Endspiel. Die Seleção weint.

Die Aufgaben waren klar verteilt: Hulk markierte Lahm, Bernard lauerte auf der rechten Seite, beide sollten mit langen Bällen aus der Abwehr auf die Reise geschickt werden. Das war zwangsläufig Teil dieser Harakiri-Strategie, in Ermangelung von pass- und ballsicheren Mittelfeldspielern galt es, diesen Bereich möglichst schnell und schlicht zu durchqueren.

Doch es war sofort klar: Hier würde nichts funktionieren. Neymar, den die Zuschauer mit Sprechchören feierten, er fehlte an allen Ecken und Enden. Diese Seleção, von Scolari mit höchstem Risiko als reines Funktionsteam um Ausnahmespieler Neymar herum konzipiert, war ohne den Dreh- und Angelpunkt völlig orientierungslos, und Bernard, der Überraschungsgast in der Stammformation, wirkte wie einer aus der Schülerelf, der ausnahmsweise mal bei den Großen mitspielen durfte.

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Er hatte den Ball noch kaum berührt, als es schon 0:5 stand. Die Fans auf den Rängen, die kleinen wie die großen, weinten hemmungslos, das Desaster auf dem Rasen verfolgten sie trotzdem tapfer weiter: Die Demütigung der WM-Nation, die Horrornacht des brasilianischen Fußballs. Der Tag, der das Trauma von Maracanazo vergessen machte, die 1:2-Niederlage gegen Uruguay bei der WM 1950 im eigenen Land, als der Titel verloren ging.