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Brasiliens Torschützen bei der WM:Gefahr von hinten

World Cup 2014 - Quarter final - Brazil vs Colombia

Die Innenverteidiger Thiago Silva (rechts) und David Luiz sind bislang die einzigen Torschützen für Brasilien in der K.-o.-Runde.

(Foto: dpa)

Wer soll beim WM-Gastgeber nach dem Ausfall von Neymar die Tore schießen? Im Vergleich mit der deutschen Mannschaft zeigen sich erstaunliche Parallelen, was die Ausbeute vor dem Kasten angeht. Die WM-Analyse des Tages.

Von Benjamin Romberg

Um zu begreifen, was Brasilien widerfahren ist, muss man sich vielleicht folgendes Szenario vorstellen: Es ist die 87. Minute im Spiel zwischen Deutschland und Frankreich, die DFB-Elf führt, der Einzug ins Halbfinale ist fast geschafft. Alles ist tiptop. Thomas Müller versucht, einen Ball am eigenen Strafraum zu behaupten - plötzlich rauscht ein Franzose von hinten heran, springt ihm mit dem Knie in den Rücken. Müller weint vor Schmerz, ein Lendenwirbel ist durch, für ihn ist die WM gelaufen. Nichts ist mehr gut.

In der Heimat mischen sich Wut und Trauer, man fragt sich: Wie soll es weitergehen? Und vor allem: Wer soll nun die Tore für Deutschland schießen? Ungefähr so gestaltet sich derzeit die brasilianische Realität - nur dass der Ausfall von Neymar vielleicht noch schwerer wiegt, weil er (anders als Müller) nicht nur der beste Torschütze seines Teams ist. Neymar ist viel mehr: die schillernde Figur in der Seleção, der emotionale Fixpunkt, der Spieler, auf den seine Landsleute alle Hoffnung gesetzt hatten.

Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer in den verbleibenden Partien die Tore für Brasilien machen soll, stößt man nochmal auf erstaunliche Parallelen zwischen der DFB-Elf und Brasiliens Nationalteam. Beide Mannschaften haben bislang zehn Mal getroffen im Turnier.

Die Torschützenliste zeigt: Neymar und Müller sind jeweils für vier Tore verantwortlich. Dann folgt in beiden mannschaftsinternen Ranglisten: ein Innenverteidiger. Bei den Deutschen war Mats Hummels bislang zweimal erfolgreich, der WM-Gastgeber hat in David Luiz einen zweifachen Torschützen aus der Defensive (die Fifa wertete das vermeintliche Eigentor des Chilenen Jara als Treffer für Luiz). Die restlichen Tore verteilen sich jeweils auf einzelne Spieler.

Im Vergleich zum Team von Joachim Löw ist die Abwehrreihe der Mannschaft von Luiz Felipe Scolari offensiv allerdings insgesamt noch aktiver. Die Außenverteidiger Marcelo und Dani Alves (im Viertelfinale gegen Kolumbien ersetzt durch Maicon) schalten sich häufig mit in den Angriff ein. Und Innenverteidiger David Luiz ist überall auf dem Feld zu finden, wie die Heatmap aus dem Spiel gegen Kolumbien zeigt. Sogar als Freistoßschütze tat er sich hervor: Das 2:0 war der bisher sehenswerteste Versuch in diesem Turnier.

Auffällig ist auch: In der K.-o.-Runde waren bislang ausschließlich Innenverteidiger für den Gastgeber erfolgreich. Im Achtelfinale gegen Chile traf Luiz (in besagter Szene mit Jara). Im Viertelfinale jubelte abermals der umtriebige Lockenkopf, diesmal mit dem erwähnten Freistoß-Kunstwerk. Sein Kollege Thiago Silva erzielte nach einer Ecke das andere Tor. Umso bitterer für die Brasilianer, dass der Kapitän nun im Halbfinale gegen Deutschland gesperrt ist.

Was noch auffällt: Die vier Verteidiger der WM-Gastgeber haben auch die meisten Pässe im Team gespielt. In der deutschen Elf liegen hier mit Philipp Lahm und Toni Kroos zwei Mittelfeldspieler vorne - und dann kommt erstmal lange nichts.

Überhaupt hat Löws Team deutlich mehr Pässe gespielt als die Seleção, um genau zu sein: beinahe doppelt so viele. Und das auch noch mit mehr Präzision. Hier zeigt sich, wie das Spiel der DFB-Elf auf Kontrolle ausgelegt ist, auf Ballbesitz im Mittelfeld. Auf der anderen Seite sind die Brasilianer zweikampfstärker: Sie haben deutlich mehr Duelle geführt als die Deutschen und das mit einer höheren Erfolgsquote.

Der größte Unterschied zwischen beiden Mannschaften ist am Ende aber vielleicht doch ein ganz banaler: Thomas Müller hat noch alle Lendenwirbel beisammen.

© SZ.de/jbe/rus
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