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Brasiliens Einzug ins WM-Viertelfinale:Bis beide weinen

Der Chef und sein Lieblingsschüler: Brasiliens Trainer Scolari feiert, während Neymar flennt - vor Glück.

(Foto: AFP)

Glück, Schicksal, Gott - irgendetwas will Brasilien in einem epischen Achtelfinale gegen Chile nicht ausscheiden lassen. Der Gastgeber quält sich im Elfmeterschießen weiter - und merkt, dass die Riesen-Erwartungen einer ganzen Nation gehörig lähmen können. Am Ende sind beide Teams völlig erschöpft.

Welche Kraft dieses Achtelfinale in Belo Horizonte entfaltete, sah die Fußballwelt bereits nach dem Halbzeitpfiff. Neymar bolzte den Ball wütend Richtung Kabinengang, Fred tätschelte Gegenspieler Gary Medel an der Wange, was dieser als tätlichen Angriff missverstand und kräftig zurückschubste. In den Gängen vor der Kabine artete die Rangelei aus, ein Pressesprecher der Brasilianer soll Chiles Stürmer Mauricio Pinilla mit der Faust geschlagen haben.

Später musste der Notarzt eingreifen, vier Zuschauer im Estádio Mineirão erlitten während der Begegnung eine Herzattacke. Nach Meldungen lokaler Medien verlief immerhin kein Vorfall tödlich, Brasiliens Trainer Felipe Scolari hatte für die Menschen sogleich einen seiner wohlfeilen Ratschläge zu bieten: "Die Leute müssen eben vor der WM zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Während der WM nützt das nichts mehr."

Brasilien gegen Chile, es war das erste Drama dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Spiel, das hin und her wogte wie ein Pendel im Sturm. Mit einem (zurecht) nicht gegebenen Tor für die Gastgeber, mit einem Lattenschuss in der letzten Minute der Nachspielzeit für Chile. Mit dem Nervenkampf vom Elfmeterpunkt, dem die Chilenen noch weniger standhielten als die Brasilianer. Fünf Spieler verschossen, am Ende hieß es 4:3 (1:1, 1:1). Eingerahmt wurde das Ganze von einem emotionalen Publikum, das mit seiner Mannschaft litt. Das ganze Land litt an diesem Samstagnachmittag.

Pressestimmen zum Sieg Brasiliens

"Kaiser Júlio César"

Die Nation fühlte sich an wie ein Blasebalg, der sich während dieses Spiels immer mehr aufblähte, die Nähte spannten bald gewaltig und manche gaben leicht nach. Als dann der letzte Chilene Gonzalo Jara seinen Elfmeter nicht traf, entglitt die Luft mit einem riesengroßen Schrei. Der Blasebalg namens Brasilien hat noch einmal gehalten, lag am Abend aber recht erschöpft auf dem Sofa.

"Das ist ein einzigartiger Moment in unserem Leben", schwärmte Kapitän Thiago Silva. Nicht nur die Verlierer aus Chile weinten teilweise hemmungslos, auch die Sieger konnten ihre Tränen nicht halten. Was wäre das für eine Schmach gewesen, wäre diese Mannschaft tatsächlich im Achtelfinale gescheitert, zwei Wochen vor dem Finale in Rio de Janeiro. Die Folgen wären unabsehbar gewesen, die Begeisterung in Brasilien kann schnell ins Gegenteil umschlagen.

Thiago Silva sagte offen, er habe gebetet, dass er und seine Mitspieler für den Fall einer Niederlage den Schutz Gottes erhielten. David Luiz und Neymar knieten auf dem Spielfeld im Gespräch mit ihrem Allmächtigen. Der Druck, den diese Fußballer aushalten müssen, ist enorm.

Dabei hatten sie gut begonnen. Die erste halbe Stunde war das Beste, das die Seleção bei dieser WM zeigte. Die sonst so aggressiven Chilenen schienen von der Wucht des Ereignisses übermannt, Brasilien hätte mehr als das 1:0 durch David Luiz (18.) nach einer Ecke erzielen können. Doch dann werkelte sich der Gegner kraftvoll in die Partie, kam durch Alexis Sánchez zum Ausgleich (32.) und beherrschte weite Teile der zweiten Halbzeit.

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