Brasiliens Defensive bei der WM:Schnellstraße ins Sorgenland

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Brazil v Chile: Round of 16 - 2014 FIFA World Cup Brazil

Brasiliens Verteidiger Dani Alves ist auf seiner rechten Seite nicht immer Herr der Lage.

(Foto: Getty Images)

WM-Gastgeber Brasilien versammelt eine Reihe großer Namen in der Defensive. Dennoch wackelte die Abwehr der Seleção auch im Achtelfinale gegen Chile gewaltig. Gegen Gegner mit noch mehr Offensivkraft könnte es so schwer werden, wie die WM-Analyse des Tages zeigt.

Von Benjamin Romberg

Schmückt der eigene Name ein Straßenschild in der Heimat, ist das für gewöhnlich eine große Ehre, die Anerkennung für außergewöhnliche Leistungen. Im Fall von Dani Alves ist zwar noch kein konkretes Stück Asphalt auserkoren, doch im WM-Gastgeberland Brasilien spricht man bereits von der "Avenida Dani Alves". Grund dafür sind dessen Leistungen als Rechtsverteidiger in der Seleção - zur Ehre gereicht ihm die Sache mit der Straße allerdings nicht. Mit der Avenida ist Alves' rechte Seite in der brasilianischen Defensive gemeint, eine breite Schnellstraße also. Für den Gegner.

Mit Brasiliens Nationalelf assoziieren die meisten Fußballfans Offensivspektakel, Zauberfüße und Dribblings, bei denen sich der durchschnittliche Mitteleuropäer die Füße brechen würde. Kontrolliertes Ballgeschiebe aus einer stabilen Defensive heraus, das verbindet man eher weniger mit der Seleção. Das war schon immer so und ist auch nicht weiter schlimm. Außer die Brasilianer wollen Weltmeister werden. Und das wollen sie bei dieser WM im eigenen Land.

Dafür haben sie eine Reihe namhafter Defensivkräfte versammelt. Die beiden Innenverteidiger Thiago Silva und David Luiz werden gemeinhin zu den besten ihrer Zunft gezählt. Auf der linken Seite spielt Marcelo vom Champions-League-Sieger Real Madrid, rechts besagter Dani Alves vom FC Barcelona. Alles große Namen, und dennoch dürfte die Defensivleistung seiner Mannschaft Brasiliens Trainer Felipe Scolari auch im Achtelfinale gegen Chile wieder Kopfschmerzen bereitet haben.

Die Chilenen agierten zunächst sehr zurückhaltend, doch wenn sie ihre wenigen Stiche setzten, sah die Hintermannschaft der Brasilianer meist nicht gut aus. So wie vor dem Ausgleich zum 1:1: Hulk verliert den Ball in der eigenen Hälfte und die Chilenen fallen über den rechten Flügel in den Strafraum ein, wo Alexis Sánchez ungestört abschließen kann.

Überhaupt war in der ersten Hälfte die linke Seite der Brasilianer die anfälligere, die Seite von Marcelo. 44,4 Prozent der chilenischen Angriffe liefen über dessen Flügel, wie die Statistik zeigt (Daten von unserem Kooperationsparter Opta). Nach der Pause dann das umgekehrte Bild: In der zweiten Halbzeit wurde Alves' Seite wieder einmal zur Schnellstraße, 44,1 Prozent der chilenischen Angriffe erfolgten über rechts.

Warum die Gegner der Brasilianer auf den Flügeln häufig so viel Platz haben, zeigt die Heatmap mit den Aktionszonen der Spieler: Marcelo und Alves interpretieren ihre Rolle sehr offensiv, sind viel in der gegnerischen Hälfte unterwegs - und fehlen dann oft hinten bei schnellen Gegenangriffen.

Pass- und Zweikampfquoten der brasilianischen Defensive waren gegen verbissen kämpfende Chilenen zwar insgesamt in Ordnung. Doch mit David Luiz offenbarte sich eine Schwachstelle in der Innenverteidigung: Der Lockenkopf, der demnächst von London nach Paris wechselt, gewann nur 45,5 Prozent seiner Duelle.

Die Performance von Luiz und Kollegen reichte gerade so gegen Chile. Einen Gegner, der wenig offensiv ausgerichtet war und zudem noch eine Menge Pech hatte; nicht nur im Elfmeterschießen, sondern auch schon vorher, man denke nur an Stürmer Mauricio Pinilla, der in der letzten Minute der Verlängerung die Latte traf.

Doch die Brasilianer werden, wollen sie wirklich Weltmeister werden, noch auf stärkere Mannschaften treffen. Mannschaften mit noch mehr Qualität in der Offensive. Mannschaften wie Kolumbien mit dem flinken Alleskönner James Rodríguez. Und das schon sehr bald: Kolumbien ist der Viertelfinalgegner der Seleção.

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