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Brasilien vor Spiel um Platz drei:Autopsie einer Niederlage

World Cup 2014 - Semi final - Brazil vs Germany

Er würde "alles noch einmal so tun", wenn er die Chance hätte: Sagte Brasiliens Trainer Scolari

(Foto: dpa)

Panne, Tsunami, Katastrophe: Die Aufarbeitung nach dem WM-Aus von Brasilien verläuft wüst. Luiz Felipe Scolaris Trainerstab wird wohl bald Geschichte sein - doch davor lauert dummerweise im Spiel um Platz drei eine weitere Tretmine.

Am Tag danach beginnt die Autopsie der Niederlage. In den Straßen von Belo Horizonte bis Rio de Janeiro ist die Partystimmung abgeklungen und die Anzahl der Menschen deutlich reduziert, die sich noch in die inoffizielle WM-Uniform kleiden; Shirts und Trikots mit Brasiliens Fußballemblem. Dass Gelb nicht länger die Farbe der Saison ist, hat auch den Palacio do Planalto alarmiert. Am Regierungssitz in Brasília rief Dilma Rousseff hastig die Leitmedien zu sich und legte sicherheitshalber auch im US-Nachrichtenkanal CNN dar, dass sie so eine 1:7-Klatsche "nicht mal in den schlimmsten Albträumen" erwartet habe.

Einige tausend Kilometer südlich, in den Bergen von Teresopolis, zogen derweil Felipão, die Kickerbranche und die nationale Sportpresse in die letzte Schlacht. Das nun von mehr Journalisten als Fans umlagerte Trainingscamp des Nationalverbandes CBF hat sich in eine Festung verwandelt, und Trainer Luiz Felipe Scolari pflegt eine neue Taktik. Im Angesicht landesweiter, nicht nur fachlich motivierter Anfeindungen ist er auf Blockverteidigung umgestiegen; der Coach erschien mit der gesamten technischen Kommission vor der Presse. "Ich wollte allein kommen, aber der Stab hat mich gebeten, dabei zu sein", erklärte er: "Um ein Signal der Unterstützung zu geben, wir sind ein Team, wir gewinnen und wir verlieren zusammen."

Dann aber saßen die Unterstützer - der Assistenz- und der Torwarttrainer, der Teamarzt und der Delegationschef - nur stumm 50 Minuten da mit Trauermienen, die eher die Begräbnisstimmung förderten. Das Wort führten allein Felipão und Sportdirektor Carlos Alberto Parreira, beide ja schon Weltmeister mit der Seleção (2002 bzw. 1994) und nun darum bemüht, dass ihre einst klingenden Namen nicht als Schandflecken in die Annalen eingehen.

Ihre Strategie erinnerte dabei allerdings stark an das kopflose Angriffskonzept im Halbfinale gegen Deutschland, das binnen 29 Minuten in der totalen Kapitulation gemündet hatte. Noch einmal gab Felipão Kostproben seiner bemerkenswerten Sturheit. Er beharrt darauf, alles richtig gemacht zu haben, er würde "alles noch einmal so tun", wenn er die Chance hätte.

Er zog eine fast hymnische Bilanz seiner eineinhalbjährigen Arbeit mit der Seleção und stützte dies auf statistische Daten: "In elf offiziellen Spielen haben wir acht Siege, zwei Remis und eine Niederlage. Das zeigt, wie gut vorbereitet das Team war. Wir hatten ein Spielsystem - alles ist in Ordnung." Ein fabelhafter Gesamteindruck, den nur diese "sechs Minuten" trübten, in denen sein Team eine "generelle Panne" erlitten habe. Aber da sei halt etwas über sie hereingebrochen, das nicht von dieser Fußballwelt ist: ein deutscher Tsunami.

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Panne, Tsunami, Katastrophe. Rund um solche rein aufs Resultat bezogene Begriffe wand auch Kollege Parreira seine Girlanden. "Bis auf das Deutschland-Spiel lief alles perfekt", erzählte der sonst für nüchterne Analysen bekannte Stratege und versuchte selbst einen der gefühligen Tricks, die bisher ins Repertoire von Felipão fielen, des nun entzauberten " Chefe" der WM-Nation: Parreira zog ein Papier hervor und las der verdutzten Presse die aufmunternde Mail einer älteren Dame vor, der Felipãos Standhaftigkeit im Sturm der landesweiten Empörung imponiert hat.