Aus im Viertelfinale:Brasiliens WM versinkt in Tränen

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Aus im Viertelfinale: Neymar und Thiago Silva nach dem Spiel.

Neymar und Thiago Silva nach dem Spiel.

(Foto: Lee Smith/Reuters)

Der Topfavorit ist raus. Trotz einer 1:0-Führung unterliegt Brasilien Kroatien. Neymar erzielt erst das vermeintliche Tor des Tages, kommt im Elfmeterschießen nicht mehr an die Reihe - und wird danach von seinen Gefühlen überwältigt.

Von Sebastian Fischer, al-Rayyan

Neymar glitzerte. Sechs Ohrringe trug Brasiliens bekanntester Fußballer zum Aufwärmen, oder besser: zu jenem Anlass, den andere zur Vorbereitung auf den Anstoß nutzen, er dagegen eher als ersten Auftritt auf einer Bühne begreift. Als ihn die Stadionkamera in der "Education City" genannten Arena in al-Rayyan in Nahaufnahme einfing, konnte man den Schmuck zählen: zwei Ringe und ein Stecker rechts, ein herzförmiger Stecker, ein weiterer Ring und ein baumelndes Kreuz am linken Ohr.

Neymar, 30, hatte auch im Spiel, dem Viertelfinale gegen Kroatien am Freitagabend, seinen einen glitzernden Moment. Er schoss nach einem Dribbling ein schönes Tor in der Verlängerung, das wie das entscheidende aussah, er ließ sich feiern. Aber wenige Minuten später sah er dabei zu, wie Brasiliens Verteidiger Marquinhos den Ball an den Pfosten setzte, was Brasiliens Aus besiegelte: 2:4 im Elfmeterschießen, nach 1:1 in der Verlängerung.

Als die Kroaten jubelten, ihren zweiten Sieg hintereinander im Elfmeterschießen in diesem Turnier feierten, wieder mit einer Parade ihres starken Torhüters Dominik Livakovic, hatte sich Neymar immer noch nicht aus dem Mittelkreis bewegt. Er zog sich sein Trikot über den Kopf, bevor er sich weinend, schluchzend, zu den brasilianischen Fans schleppte. Der Fußballer, den die katarischen Eigner von Paris Saint-Germain 2017 für 222 Millionen Euro verpflichteten, er macht jetzt bei der WM in Katar nicht mehr mit.

Brasilien gegen Kroatien, das war das Duell zweier Teams, die bislang im Turnier geradezu gegensätzlich aufgetreten waren. Die Brasilianer hatten ein Offensivspektakel ans nächste gereiht und sich gegen bornierte Kritik dafür verteidigen müssen, nach ihren Toren ausgiebig zu tanzen. Brasiliens Fußballer standen also für: Spaß.

Die Kroaten verstehen es, dem Turnierfavoriten Brasilien ihr eher gemächliches Tempo aufzuzwingen

Kroatien dagegen hatte es insbesondere im Achtelfinale verstanden, den bis dahin wie mit Flügeln spielenden Japanern ihren Spaß zu rauben. Was nicht despektierlich zu verstehen ist: Das Mittelfeld um Luka Modric versteht es auf geradezu meisterhafte, technisch wie taktisch anspruchsvolle Weise, einem Spiel ihr eigenes, eher gemächliches Tempo aufzuzwingen.

So sehr es die Brasilianer waren, die als einer der Turnierfavoriten im Fokus standen, so sehr gebührte Kroatiens berühmtesten Spieler mindestens eine höchstprominente Nebenrolle. Auch wenn Modric, 37, über seine Zukunft in Katar nicht sprechen will, schwebt über jedem Spiel die Möglichkeit, dass es das letzte im kroatischen Nationaltrikot sein könnte für einen der prägenden Fußballer seiner Zeit. Doch für die Kroaten geht es in Katar weiter. Wie schon 2018, als sie WM-Zweiter wurden, gewannen sie nach dem Achtelfinale auch das Viertelfinale im Elfmeterschießen. Modric hatte großen Anteil daran, war 120 Minuten lang anspielbar und verwandelte seinen Elfmeter.

Aus im Viertelfinale: Der am Ende entscheidende Moment: Marquinhos trifft nur den Pfosten.

Der am Ende entscheidende Moment: Marquinhos trifft nur den Pfosten.

(Foto: Pool/Getty Images)

Die erste Halbzeit verlief bereits nach der Vorstellung der Kroaten. Denn es ging zwar oft ein Raunen durchs Stadion, ein erwartungsvolles Einatmen, wenn Neymar, Vinícius Júnior oder Richarlison zu ihren Läufen Richtung Tor ansetzten. Doch entweder gerieten die Abschlüsse zu harmlos, oder die Kroaten versperrten den Weg. Schlussendlich mit gewünschtem Erfolg: "Wir sind ein kleines Land mit sehr großen Fußballern", sagte der langjährige Bundesligaprofi Ivica Olic nach dem Triumph, heute Co-Trainer der Kroaten, "ich bin sehr stolz. Wir stehen zum zweiten Mal in Folge im Halbfinale, vielleicht reicht es dieses Mal bis zum Ende."

Die Ballbesitzstatistik war ausgeglichen, mehr Zweikämpfe gewann der Außenseiter. Und echte Torchancen gab es erst kurz nach der Pause: Zunächst leitete Kroatiens Verteidiger Josko Gvardiol den Ball nach Vorlage von Raphinha gefährlich in Richtung des eigenen Torwarts, dann stand zweimal Neymar im Mittelpunkt: Zunächst, weil er im Strafraum einen Schuss samt Drehung um die eigene Achse versuchte, anstatt abzuspielen; dann, weil er mit Platz zum Abschluss an Keeper Dominik Livakovic scheiterte.

Im Elfmeterschießen hält Kroatiens Keeper Livakovic gleich den ersten Versuch von Rodrygo, die Kroaten treffen fehlerfrei

Es blieb eine zähe Angelegenheit für die Brasilianer, die zuvor acht Tore in vier Spielen erzielt hatten. Nach einer Stunde griffen sie mit neuen Flügelspielern an, Antony für Raphinha, Rodrygo für Vinícius Júnior. Die besten Chancen hatte weiter Neymar, eine Viertelstunde vor Schluss die beste, nach Vorlage von Richarlison war er am Fünfmeterraum frei. Doch das bessere Spiel machten, gemessen an ihren Möglichkeiten, die verteidigenden Kroaten, mit Torhüter Livakovic als verlässliche Absicherung. Er hielt Neymars Schuss, das Spiel ging in die Verlängerung.

Nun war auch Richarlison draußen, ausgewechselt für einen weiteren Stürmer, Pedro von Flamengo Rio de Janeiro. Die Brasilianer zauberten gelegentlich, Antony rollte Borna Sosa vom VfB Stuttgart, der nach einer Erkrankung wieder mitspielte, den Ball mit der Sohle durch die Beine. Und in der 105. Minute kam dann Neymars Moment: Er riss den Ball an sich, spielte zwei Doppelpässe, war im Strafraum, dribbelte Kroatiens Torhüter Dominik Livakovic aus und traf.

Alle Brasilianer sprangen von der Bank auf, trafen sich an der Eckfahne, bildeten einen großen Kreis. Neymar zupfte sich, mit Blick auf die Menschen auf der Tribüne, die ihm zujubelten, an den Schultern am Trikot. Als wollte er sagen: Ich war's. Aber das war's noch nicht.

Die Kroaten mussten mutiger werden, begannen die zweite Halbzeit der Verlängerung offensiver und kamen zurück: Ein scheinbar einfacher Angriff über links, der eingewechselte Mislav Orsic spielte den Ball in den Rückraum zum eingewechselten Stürmer Bruno Petkovic, das 1:1. "Wir hätten konzentrierter spielen können, wir haben einen Konter nicht gut verteidigt. Das ist wahnsinnig schwer jetzt", sagte Abwehrchef Thiago Silva hinterher untröstlich zu der Szene. Tite kündigte an, wie geplant sein Amt als Nationaltrainer niederzulegen.

Im Elfmeterschießen hielt Livakovic dann gleich den ersten Versuch von Rodrygo, die Kroaten verwandelten alle sicher. Und Neymar, der wahrscheinlich den letzten Elfmeter hätte schießen sollen, kam gar nicht mehr dran.

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