Süddeutsche Zeitung

Boykott gegen Bremen:DFB foult seine Fans

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Politisch sein? Davon hält der DFB nichts. Doch wenn der Fußballverband nun dem Land Bremen ein Länderspiel wegnimmt, dann ist das: ein politisches Druckmittel. Und ein Revanchefoul.

Ein Kommentar von Ralf Wiegand

Bisher hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) stets eine klare Haltung zum Thema Boykott. Der weltgrößte Sportverband hielt nichts davon, politische Konflikte durch sportliches Nichterscheinen beeinflussen zu wollen. Schon 1978, als sich das Regime in Argentinien mit einer Fußball-Weltmeisterschaft schmückte, reisten die Deutschen gerne an. Der Start bei der zu Teilen in der Ukraine ausgetragenen EM 2012, den Menschenrechtler zum Pfand für die Freilassung der damals noch inhaftierten Julia Timoschenko machen wollten, stand nie zur Debatte.

Und auch die WM-Gastgeber Russland (2018) und Katar (2022) werden aller Voraussicht nach auf die Zurückhaltung des DFB bauen dürfen, wenn es irgendwann um ihre Tauglichkeit als Ausrichter des Sportfests geht. Sport ist Sport, Politik ist Politik - das ist für deutsche Verbände ein ehernes Gesetz, und das ist auch gut so.

In eigener Sache ist der DFB nicht so zimperlich. Kaum einen Tag hat das Präsidium gebraucht, um im politischen Streit mit dem Bundesland Bremen einen schneidigen Sportboykott zu beschließen und das EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar am 14. November von Bremen nach Nürnberg zu verlegen. Auch künftig soll es keine Länderspiele in der Hansestadt geben - so lange, wie die Bremer Politik fordert, dass sich der Profifußball an besonders teuren Polizeieinsätzen bei brisanten Bundesligaspielen beteiligt.

"Boykott"-Beispiel fürs Lexikon

Man könnte diesen Fall als Beispiel für "Boykott" ins Lexikon schreiben. Der DFB will von diesem Begriff freilich nichts wissen, man wolle nur nicht jemanden "belohnen", der einem "in den Rücken fällt". So sieht es DFB-Vize Reinhard Rauball.

Schon diese Haltung, die Austragung von Länderspielen sei eine "Belohnung" für was auch immer, erreicht die Grenze des erträglichen Selbstbewusstseins von König Fußball. Es ist verblüffend, dass der DFB die Nationalmannschaft als Druckmittel einsetzt für einen Streit, den die Deutsche Fußball-Liga (DFL) über die Bundesliga führt. Man könnte ja auch von der Pflicht des DFB sprechen, den zahlenden Mitgliedern und engagierten Ehrenamtlichen seines riesigen Vereinsimperiums ab und zu mal die Elite des Fußballsports hautnah vorzustellen, indem man Länderspiele fair über die Republik verteilt.

Es bleibt daher ein erstaunlich rabiater Akt, gleich am Anfang eines Verfahrens zu solchen Mitteln zu greifen. Bisher hat lediglich der Bremer Senat den Vorschlag gemacht, den Fußballklubs künftig die Rechnung für besonders große Polizeieinsätze zu schicken. Darüber muss noch das Parlament diskutieren und abstimmen. Dann können DFB und DFL ihre Ansicht, das alles sei verfassungswidrig, vor Gericht prüfen lassen. Es ist ein langer Weg - aber ein demokratischer, der dem Recht folgt.

Man kann beim DFB zu Recht der Meinung sein, die Bremer spielten Foul, weil sie als Einzige aus einer mit allen Ländern getroffenen Vereinbarung aussteigen wollen. Den Fans in Bremen alle Länderspiele wegzunehmen, ist dann aber ein Revanchefoul. Das verdient die Rote Karte.

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Quelle:
SZ vom 28.07.2014
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