Boxen:Von wegen Neuanfang

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Boxen: Umar Kremljow, 38, war zuletzt Generalsekretär des russischen Box-Verbands. Seit dem Wochenende ist er neuer Präsident des Box-Weltverbands.

Umar Kremljow, 38, war zuletzt Generalsekretär des russischen Box-Verbands. Seit dem Wochenende ist er neuer Präsident des Box-Weltverbands.

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

Die Situation im Box-Weltverband ist desaströs. Dass nun Umar Kremljow das Präsidentenamt übernimmt, ist entlarvend für den Sportzirkus und seinen Umgang mit Russlands Staatsdopingsystem.

Von Johannes Aumüller

Die offizielle Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) fiel eher nüchtern aus, als am Wochenende der Russe Umar Kremljow, 38, zum neuen Präsidenten des Box-Weltverbands Aiba aufstieg. Man nehme die Wahl zur Kenntnis, hieß es. Aber wenn man dem neuen globalen Box-Boss glauben darf, hat es seitdem noch ein paar andere Reaktionen aus den obersten Zirkeln der olympischen Bewegung gegeben. Diverse Unterstützungsschreiben habe er bekommen, sagte Kremljow am Dienstag der Agentur Tass, darunter von "vielen Mitgliedern" des 15-köpfigen Exekutivkomitees um den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach.

Man darf die sportpolitischen Realitäten getrost so einschätzen, dass in der jetzigen Lage im Boxsport niemand gegen das Veto der mächtigsten Olympier zum Präsidenten des Verbands aufsteigen kann. Aber umso entlarvender für den Sportzirkus ist es, dass ein Mann wie Kremljow diesen Posten nun ausüben darf.

Schon seit Jahren ist die Lage in der Aiba ein Desaster: Korruption, Misswirtschaft, skandalöse Kampfrichterurteile, solche Dinge prägten die Zeit unter den skandalumwitterten Präsidenten Anwar Chowdhry, Ching-Kuo Wu und Gafur Rachimow. Das IOC ließ es lange geschehen und griff erst im Vorjahr ein. Das olympische Boxturnier findet nun unter der Aufsicht der Ringe-Organisation selbst statt, die Aiba ist suspendiert und die Zahlungen eingefroren - bis sich die Zustände im Verband bessern.

Aber Kremljow erscheint denkbar ungeeignet, wirklich einen Neuanfang zu bewirken - auch wenn er sich am Wochenende mit der kühnen These bewarb, er sei der "sauberste Kandidat". Der bisherige Generalsekretär des russischen Box-Verbands ist trotz seines vergleichsweise jungen Alters ein Vertreter der alten Garde. Er saß schon zuletzt im Exekutivkomitee, es gab gegen ihn ein (eingestelltes) Disziplinarverfahren, und allzu offensichtlich lockte er mit der Aussicht auf russische Sponsorengelder, um die schwierige finanzielle Situation des Verbands zu mildern.

Aber es geht nicht nur um Kremljow persönlich. Sondern er steht zugleich für den irritierenden Umgang des Weltsports mit Russland. Seit Jahren schwebt der große Staatsdopingskandal über allem, das ewige Leugnen und das Manipulieren von Daten; und längst ist belegt, dass staatliche Stellen diesen gigantischen Betrug orchestrierten. Dieser Tage verhandelt der Internationale Sportgerichtshof (Cas), ob es bei einer Vier-Jahres-Sperre gegen Russlands Sport bleibt. Die wäre de facto zwar längst nicht so streng wie sie zunächst klingt, aber immerhin eine kleine Sanktion - und ausgerechnet in dem Moment wird jemand zum Box-Chef gekürt, der beispielhaft für Russlands Sportsystem steht.

In Russland sind Politik und Sport traditionell sehr eng verwoben, und im Boxsport zeigt sich das besonders gut. Zu den Mitgliedern des Kontrollgremiums im russischen Box-Verband gehört zum Beispiel Igor Setschin, der Vorstandsvorsitzende des Ölkonzerns Rosneft und einer der ältesten Vertrauten des Staatspräsidenten Wladimir Putin. Den Vorsitz dieser Runde hat Alexej Rubeschnoj inne, der Chef des Sicherheitsdienstes für den Präsidenten, also so etwas wie Putins oberster Leibwächter.

Russland hat den globalen Sport und dessen Funktionärskaste in den vergangenen Jahren auf vielen Ebenen tief durchdrungen. Wer Kremljow wählt und unterstützt, sagt damit auch, dass das trotz des großen Staatsdopingskandals so weitergehen kann.

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