Havanna:Tanz mit den Besten

Die Boxer des TSV 1860 trainieren mit Kubas Jugendnationalteam. Und lernen, dass der Kapitalismus dort den Wettbewerb antreibt.

Von J. Fischer

Touristen kommen nur selten nach Alamar. Hier, zehn Kilometer östlich des quirligen Stadtzentrums von Havanna, scheint das Leben zwischen Plattenbauten, den rostenden Anzeigentürmen des Stadions "Panamericano" und einem Felsstrand, fast eingeschlafen. Ab und zu hecheln Läufer in Trainingsklamotten durch kniehohes Gras. Ansonsten zwingt die erdrückende Schwüle die Menschen in den Schatten. Aus ein paar länglichen Betonbaracken dringen gebrüllte Kommandos. Es ist das nationale Trainingszentrum für den kubanischen Box-Nachwuchs - und für acht Tage Pilgerziel einer ungewöhnlichen Gruppe. Die jungen Faustkämpfer des TSV 1860 München sind nicht wegen Zigarren, Rum und tropischen Genüssen nach Kuba gereist. Sie wollen sich schlagen und geschlagen werden.

"Die Kubaner haben mir die ersten Tage richtig auf die Fresse gegeben." Magomed Schachidov, der bayerische Amateur-Meister im Weltergewicht, strahlt dennoch: "Hier sparre ich gegen ebenbürtige Gegner. Das hat mir daheim gefehlt. Jetzt muss ich noch mal ganz neu an meinem Distanzgefühl arbeiten." Schachidov tropft der Schweiß von Kinn, Armen und Beinen. Sein Trainer Levan Janjgava hält ihm die Wasserflasche an den Mund. Acht Runden Sparring - bei 30 Grad im Schatten und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit.

"Ich hatte schon in der zweiten Runde das Gefühl, dass mir die Beine wegsacken." Schwergewichtler Rashad Pekpassi hängt schwer atmend an der Reling der Boxhalle. "Wenn man sieht, wie die trainieren, dann wird man selbst motivierter", pflichtet ihm sein Münchner Kollege Emil Breuer bei. Er meint die unermüdliche Beinarbeit der Kubaner. Beweglichkeit und Eleganz begründeten die weltweit erfolgreichste Amateur-Boxschule. Auch die sieben Münchner sind deswegen gekommen: um mitzutanzen.

Havanna: Völkerverständigung bei 30 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit: bayerische und kubanische Boxer nach dem Training.

Völkerverständigung bei 30 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit: bayerische und kubanische Boxer nach dem Training.

(Foto: Jonathan Fischer)

Kubanische Boxer kannten die jungen Münchner bisher nur aus Youtube-Videos

Ein Boxcamp in Kuba - das leistet sich sonst kein Verein im deutschen Amateursport. Dahinter steckt neben dem sportlichen auch ein pädagogisches Anliegen. Ali Cukur, Cheftrainer der Box-Abteilung, sagt, er habe die Anzahl der Nationalitäten unter den 600 Mitgliedern gezählt - und sei auf über dreißig gekommen. Alle redeten über Integration. Bei den Boxern des TSV 1860 werde sie praktiziert. "Unsere Boxer sind zum Großteil Migranten und Flüchtlinge, fast alle kommen aus einfachen bis sozial schwierigen Verhältnissen. Deswegen versuchen wir, ihren Horizont durch Reisen zu erweitern, ihr Bewusstsein für ihre Chancen zu schärfen." Ein Trainingscamp in Ghana machte im Dezember 2015 den Anfang. Das Programm zielte nicht nur auf sportlichen Austausch mit den Boxern aus Jamestown, einem Ghetto der ghanaischen Hauptstadt Accra, das viele afrikanische Champions hervorgebracht hat. Die Münchner lernten auch die Geschichte des westafrikanischen Landes kennen, bekamen Einblick in die Lebensumstände ihrer Sparringpartner. Eine Freundschaft, die bis heute hält.

So stellte sich Cukur auch den Trip nach Havanna vor. Doch die Kubaner spielten nicht so leicht mit. Der kubanische Boxverband beschied den Münchnern am ersten Tag, sie sollten statt in Havanna in einem Boxzentrum im 100 Kilometer entfernten Pinar Del Rio trainieren. Auch ein Besuch bei "Kid Chocolate" enttäuschte. Nicht nur, dass der traditionsreiche Boxklub in Alt-Havanna sich als enges und übel riechendes Kellerloch entpuppte. Man wollte die Deutschen nur als zahlende Gäste. 25 Euro - ein kubanisches Monatsgehalt - pro Boxer und Trainingseinheit. "Hier dreht sich alles ums Geld", hatte der Halb-Kubaner Uwel seine Kollegen gewarnt. "Ob Boxerkollege oder nicht: Sie sehen euch in erster Linie als Devisenquelle." Am Ende retteten Fernandez' familiäre Kontakte das Unterfangen: Gegen eine Spende und ein paar Boxhandschuhe aus Deutschland durften die deutschen Boxer mit der kubanischen Jugend-Elite in Alamar schwitzen.

Kubanische Boxer kannten die jungen Münchner bisher nur aus Youtube-Videos. Teófilo Stevenson, Félix Savón, wer begeisterte sich nicht für die Technik dieser alten kubanischen Helden? Und natürlich hatten sie verfolgt, wie die Faustkämpfer der 18 Millionen Einwohner zählenden Karibikinsel auch bei der Olympiade in Rio wieder die meisten Medaillen kassierten. "Diese Jungs hier trainieren unter Profi-Bedingungen. Sie beschäftigen sich den ganzen Tag nur mit Boxen", sagt Daniel Jaß nicht ohne einen gewissen Neid. In München ein Ding der Unmöglichkeit. Die Miete muss gezahlt werden, der Tag ist gefüllt mit Arbeit, Besorgungen, Behördenterminen. Amateur-Boxen, das bedeutet in Deutschland: jeden zweiten Abend nach der Arbeit zu trainieren - egal wie geschafft man ist. Jaß, amtierender bayerischer Meister im Halbweltergewicht, montiert tagsüber als Heizungsinstallateur schwere Eisenrohre. Sein Kollege Kenan Husovic verdient sich sein Geld als Maurer, Uwel Fernandez arbeitet als Systemtechniker, während Magomed Schachidov und Rashad Pekpassi Sportlehramt studieren. In Alamar aber tauchen sie in eine Welt ein, in der nur die Kämpfe interessieren.

Havanna: Auf der Suche nach der kubanischen Leichtfüßigkeit: Daniel Jaß, bayerischer Meister im Halbweltergewicht, beim Training in Alamar.

Auf der Suche nach der kubanischen Leichtfüßigkeit: Daniel Jaß, bayerischer Meister im Halbweltergewicht, beim Training in Alamar.

(Foto: Jonathan Fischer)

Die türkisgrünen Wände der Boxhalle in Alamar tragen Inschriften: eine Auflistung von drei Jahrzehnten Jugendweltmeisterschaften - und den kubanischen Medaillenträgern. Auch Savón hat hier trainiert. Ein kahler Raum im Erdgeschoss eines Plattenbaus. Der Boden ist nicht wie in deutschen Sporthallen üblich aus Parkett, sondern Beton. Statt Fenster gibt es große Luftschlitze, durch die zum Glück ab und zu eine Brise weht. Die Kubaner sind den Mangel gewohnt. Wie auch eiserne Disziplin: Ohne zu murren, lassen sich die 16- bis 18-jährigen Boxer zur Materialausgabe kommandieren. Wer seine Bandagen am Boden schleifen lässt, den Helm allzu nachlässig in die Ecke wirft, wird vom Trainer rausgeschmissen. Dann stellen sich alle in einer Reihe auf. Brüllen unisono. "Wir begrüßen unsere Gäste. Hoch lebe der Sozialismus! Hoch lebe Kuba!"

Am ersten Tag ist der Unterschied zwischen den Boxschulen sichtbar: Die deutschen Boxer stehend, eher statisch, ihre kubanischen Gegner dagegen ständig in Bewegung. Ausfallschritt links, Ausfallschritt rechts. Den Körper mit wuchtigen Haken rein gedreht. Denn hier liegt das Geheimnis des Boxens: Masse mal Geschwindigkeit. Das funktioniert nur über gute Beintechnik. Auf einen Schritt zurück folgt ein eleganter Sprung in die Schlagdistanz, Schläge schnell wie Nähmaschinennadeln. Brutaler Salsa. Die Münchner brauchen ein paar Runden um sich daran zu gewöhnen. "Die Boxer hier schlagen aus jeder Position heraus", sagt Magomed. Doch schon beim nächsten Training schlagen Sechzigs Boxer gut mit. Rashad etwa, der gegen Osvary Gutierrez sparrt, einen der besten Schwergewichtler der heimischen Junioren, hat sich dem Rhythmus angepasst. Und findet die Lücken. Eine Finte mit der Linken, und ein harter Cross landet am Lederhelm seines Gegners. Auch Emil, Kenan und Daniel springen, kontern und stoppen die aggressiven Kubaner. "Die kochen mit demselben Wasser wie wir", sagt Daniel. "Der Unterschied ist ihr Trainingspensum."

Im Camp herrscht gnadenlose Konkurrenz: Wer nicht besteht, dem bleibt nur Taxifahren

Im Rausgehen klatschen die kubanischen Jungs ihre deutschen Sparringpartner ab. Eine Geste des Respekts. "Cómo estás?" Einer deutet auf Rashads Trinkflasche. Die Wasserhähne in der Sportschule würden morgens abgedreht, erklärt er. Für das Training erhielten sie jeder nur zwei Eiswürfel. Eine von vielen Schikanen des kubanischen Boxer-Alltags. Die aus dem ganzen Land zusammengezogenen, rund fünfzig jugendlichen Talente gehen jeden Nachmittag in die Schule. Davor und danach trainieren sie. Fünfmal die Woche, zweimal am Tag. "Wir beschweren uns nicht", sagt der 17-jährige Raidel auf die Frage, wie das auszuhalten ist. "Hier haben wir die Chance, mit Boxen Geld zu verdienen und unsere Familien zu unterstützen." In Kuba verdienen selbst Ärzte und Lehrer nicht mehr als 40 Euro im Monat. Da sind die staatlichen Gratifikationen einer der größten Anreize für die Amateur-Boxer. Im Camp herrscht gnadenlose Konkurrenz: "Wenn ich heute meine Leistung nicht bringe", erklärt der 16-jährige Elio "gibt es drei bis vier Jungs aus meiner Gewichtsklasse, die meinen Platz einnehmen möchten. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Taxi zu fahren." Die deutschen Boxer kommen darüber immer wieder ins Grübeln: Galt Kuba nicht als letzte Bastion kommunistischer Ideen? Sollte die Revolution den Sport nicht von selbstsüchtigen Motiven befreien? Und wie reimten sich die allgegenwärtigen Brüderlichkeitsparolen auf die Praxis des Boxsports? "Die benehmen sich hier", sagt Ali Cukur, "kapitalistischer als wir selbst."

Die kubanische Härte aber machte durchaus Eindruck auf die Gäste. "Ich spüre ihren unbedingten Willen durchzuhalten." Für Trainer Levan Janjgava hat sich die Reise schon deswegen gelohnt. Seine Schützlinge boxten nur zwei Tage nach der Heimkehr um die bayerischen Meisterschaften - und gewannen drei Titel und die Auszeichnung als bestes Team. Drei von ihnen, Magomed, Rashad und Kenan werden im November auch bei den deutschen Meisterschaften mitboxen. Was haben sie sich von den Kubanern abgeschaut? "Die Beinarbeit war fantastisch", sagt Rashad. "Andererseits haben wir gesehen, dass sie vor allem Ergebnis von viel Übung und Wille ist. Wir trainieren aus Leidenschaft, sie oft nur aus Zwang". Er habe, wirft Magomed ein, die Kubaner als Mythos empfunden. Ihnen unterstellt, dass sie über Geheimwissen verfügen. "Das war alles nur Einbildung." Dennoch habe ihn das Training bei den kubanischen Coaches ganz neu motiviert. "Ich weiß jetzt, dass unsere Trainer genauso gut sind wie sie. Den Rest haben wir selbst in der Hand."

© SZ vom 22.10.2016
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