Süddeutsche Zeitung

100. Geburtstag von Boxer Sugar Ray Robinson:Mit Schweiß und Blut erkaufte Leichtigkeit

Sugar Ray Robinson gilt als bester Boxer der Geschichte, da sind sich Experten ausnahmsweise einig. Zu seiner Tragik gehört, dass ausgerechnet der Athlet, der das Kämpfen so spielerisch aussehen ließ, damit leben musste, einen Gegner getötet zu haben.

Von David Pfeifer, Bangkok

Wer gut boxen kann, kann meist auch gut tanzen, diese uralte Gym-Weisheit gilt nicht für alle Boxer, und umgekehrt schon gar nicht für alle Tänzer. Aber im besten Fall kommt beides zusammen. Und Sugar Ray Robinson tanzte im Ring wie kein Zweiter, lange bevor der Ali-Shuffle erfunden war. Dabei schlug er seine Gegner mit einer Härte, die sogar die Effizienz von Joe Louis übertraf. Und meistens ließ Robinson dieses Ballett der Zerstörung auch noch elegant und leicht wirken. Doch natürlich war diese Leichtigkeit mit Schweiß und Blut im Training erkauft.

Geboren wurde Robinson als Walker Smith jr., am 3. Mai 1921 in Ailey, Georgia. Mit 15 Jahren bestritt er illegal erste Kämpfe, den Namen Ray Robinson dachte er sich aus, um nicht unter seinem echten Namen gesperrt zu werden. Seine Amateurbilanz wird häufig mit 85 Siegen und null Niederlagen angegeben. Doch in einer Dokumentation aus den 1970er-Jahren erinnerte sich der ältere Robinson, dem bereits ein kleines Bäuchlein unter dem Seidenhemd spannte, lachend: Nach 77 Kämpfen musste er eigentlich doch zum ersten Mal eine Niederlage einstecken, verbucht vermutlich unter seinem bürgerlichen Namen.

Doch da war Walker Smith jr. bereits hinter der Strahlkraft von Ray Robinson verschwunden. Ein Journalist, der den jungen Profi bei einem frühen Kampf sah, bezeichnete seinen Stil als "sweet" - im Sinne von: nicht schlecht! Aus dem "süß" wurde Sugar. Und aus Walker Smith jr. wurde der beste Boxer aller Zeiten und Klassen, bis heute.

Der Beste aller Zeiten und Klassen? Die meisten Menschen denken dabei an Muhammad Ali oder vielleicht noch Joe Louis, die aus der Geschichte herausragen, nicht zuletzt wegen ihrer Wirkung außerhalb des Boxrings.

Dass Robinsons Strahlkraft nicht ähnlich hell überdauerte, liegt einerseits wohl daran, dass er keine politische Figur war. Andererseits daran, dass er Weltmeister im Welter- und Mittelgewicht wurde, der Kampfklasse, in der zwar traditionell die höchste Leistungsdichte herrscht, in der man als Zuschauer aber schon etwas verstehen muss von der Sache, um sich für die Kämpfer und Kämpfe zu begeistern. Es wird viel und schnell geschlagen, man braucht ein geschultes Auge, um der Sache folgen zu können. Doch für die echten Box-Aficionados rangiert Sugar Ray Robinson in den ewigen "Pound-for-Pound"-Vergleichen - also den Gewichtsklassen übergreifenden Bestenlisten - seiner Profession ganz oben.

"Ich fühle mich, als hätten mich zehn Männer verprügelt", sagte er nach einer 15-Runden-Schlacht

Das Ring-Magazin, das sich zu Recht als "Bible of boxing" bezeichnet, führt ihn auf Platz eins, Joe Louis auf Platz vier, Muhammad Ali auf Platz fünf. Auch der US-Sportsender ESPN listet Robinson auf eins, Ali auf Platz zwei, Louis auf Platz vier. Nur zum Vergleich: Sugar Ray Leonard, ein Ausnahmeboxer der 1980er-Jahre, der sich seinen Kampfnamen von Robinson borgte, taucht erst auf Platz zwölf auf.

Der heute noch halbwegs aktive Floyd Mayweather jr. rangiert auf Platz 48. Eine romantische Fußnote für die Aficionados ist in diesem Zusammenhang, dass diese "Pound-for-Pound"-Listen, die Vergleiche über die Klassen und Zeiten hinweg, erst zu seiner Zeit und auch wegen Robinson von Boxjournalisten erfunden wurden, um dem ewigen "Was wäre, wenn?"-Gerede im Boxen eine semiwissenschaftliche Grundlage zu geben.

200 Kämpfe machte Sugar Ray Robinson in seiner Profikarriere, die von 1940 bis 1965 dauerte. 173 davon gewann er, 109 durch Knockout. Sein einziger technischer K.o. ging auf die Hitze zurück, die er im WM-Kampf gegen den Halbschwergewichtler Joey Maxim nicht vertrug - den er bis zur 14. Runde dominiert hatte. Robinson konnte offensiv und defensiv boxen, sogar im Rückwärtsgang gelangen ihm vernichtende Schläge, manchmal knickten seine Gegner weg, als habe jemand die Sicherung gezogen, wenn sie der fünfte oder sechste Schlag einer endlosen Kombination traf. Häufig aber genügte ein kurzer linker Aufwärtshaken.

So präzise waren seine Kombinationen, dass nur diejenigen Gegner eine Chance hatten, die seinen Rhythmus stören konnten. Das waren nicht viele, und mit den wenigen lieferte er sich Ringschlachten, denn hart im Nehmen war er auch noch. Nach einem dieser 15-Runden-Kämpfe antwortete er am nächsten Morgen auf die Frage, ob er Schmerzen habe: "Jeder Knochen in meinem Körper tut weh, über hundert davon. Ich fühle mich, als hätten mich letzte Nacht zehn Männer verprügelt."

Dabei lächelte er fein, elegant im Pullunder und mit schicker Krawatte, nur leichte Blessuren im Gesicht. Seine Haare waren stets mit Pomade zu einer Tolle nach hinten gekämmt, nur in den späten Box-Runden standen ihm manchmal einzelne Strähnen vom Kopf ab. Er lebte als König in New Yorks Schwarzenviertel Harlem, war stets gut gekleidet, fuhr große Cadillacs und ging in den legendären "Cotton Club", wo er eine seiner drei Ehefrauen kennenlernte. Zwischendurch klagten uneheliche Kinder auf Unterhalt.

Von vielen seiner Kämpfe existieren keine Aufnahmen, einige sind nur in Schnipseln aus den Kino-Wochenschauen erhalten, schwarz-weiß, überblendet von Scheinwerfern. Von späteren Begegnungen gibt es Farbaufnahmen, gute Zeitlupen. Wer sie studiert, sieht einen Tänzer boxen, nicht umgekehrt. Als Muhammad Ali später gegen Sonny Liston Weltmeister wurde, war es Robinson, der Ali im Trainingscamp half, seinen leichtfüßigen Stil zu perfektionieren. "I'm here with Sugar Ray!", rief Ali, noch als Cassius Clay und frisch gekürter Weltmeister, den Journalisten zu. Doch Ali entwickelte trotz des höheren Kampfgewichts nie die Schlagkraft Robinsons.

Vor dem Kampf gegen Jimmy Doyle träumte er, er würde den Gegner totschlagen. So kam es

75 Mal musste Robinson kämpfen, bevor er an einen Weltmeistertitel kam, angeblich weil er sich weigerte, mit der Mafia zusammenzuarbeiten, die das US-Box-Geschäft damals fest im Griff hatte. Er gewann den Weltergewichtstitel am 20. Dezember 1946, in 15 Runden knapp nach Punkten. In keiner Biografie Robinsons fehlt allerdings die Titelverteidigung gegen Jimmy Doyle, am 25. Juni 1947.

Sugar Ray Robinson wollte die Begegnung absagen, weil er in der Nacht zuvor geträumt hatte, er würde Doyle totschlagen. Natürlich fand die Veranstaltung trotzdem statt, Robinson wurde von seinem Manager, dem Promoter und sogar einem Priester dazu überredet, in den Ring zu steigen. Robinson schlug Doyle in der achten Runde schwer k.o. Noch in derselben Nacht starb Doyle an den Folgen des Knockout. Es ist eine besondere Tragik, dass Robinson, der seinen Beruf so elegant, fast spielerisch aussehen lassen konnte, mit der härtesten Strafe leben musste, die man als Boxer bekommen kann: einen Gegner im Ring umgebracht zu haben. Die Börsen seiner vier folgenden Kämpfe überwies Robinson an Doyles Mutter.

Robinson boxte weiter, stieg ins Mittelgewicht auf, wurde auch dort Weltmeister. Insgesamt fünf Mal in dieser Gewichtsklasse. Am 14. Februar 1951 kämpfte er zum sechsten und letzten Mal gegen Jake LaMotta (die Nummer 28 im ewigen ESPN-Pound-for-Pound-Rating), der Kampf ging als "Massaker am Valentinstag" in die Geschichte ein, so übel wurde LaMotta von Robinson verprügelt. "Ich habe so oft gegen Sugar Ray geboxt, ich müsste schon Diabetes haben", sagte LaMotta später über ihre jahrelange Rivalität.

Das Duell gab genug Stoff her für Hollywood, genau genommen für einen der besten Filme, die über Boxen gedreht wurden: "Wie ein wilder Stier". Nur interessierte sich der italoamerikanische Regisseur Martin Scorsese vor allem für den italoamerikanischen Ausnahmecharakter Jake LaMotta, auch wenn der von den sechs Begegnungen mit Robinson fünf verlor, und den einen Sieg seiner Härte, seinen Nehmerfähigkeiten und seiner Sturheit zu verdanken hatte. Boxerisch war Sugar Ray Robinson in einer anderen Klasse. Allerdings nicht nur in einer anderen Klasse als LaMotta, sondern als die allermeisten Boxer.

Es wurde Robinson zwischenzeitlich sogar zu langweilig, sich elegant zu bewegen und dabei auch noch zuzuschlagen. Er wurde Steptänzer, trat in Varietés auf. "Ich habe immer getanzt, und ich wollte ins Showbusiness. Also habe ich getanzt, in Paris im Lido, überall in Europa. Und eines Tages hatte ich wieder Lust zu kämpfen." So begründete Sugar Ray Robinson sein Comeback im Jahr 1955.

Im Training war er quasi geblieben, doch er war bereits Mitte 30, die Reflexe ließen nach. Robinson war nun schon eine Celebrity an sich, ein Star, der außerhalb seines Berufes so bekannt war, dass er ihn nur noch wie einen Nebenjob ausübte. Das geht im Boxen selten lange gut. Ab 1960 machte er lange Tourneen, gegen die Topleute seiner Gewichtsklasse verlor er, schwächere Gegner konnte er noch ausmanövrieren.

"Ich war der größte Schwergewichtler aller Zeiten. Aber Sugar Ray war der Größte aller Zeiten." - Muhammad Ali

Am 10. Dezember 1965 gab er seinen Abschied im Madison Square Garden, er verbeugte sich wie ein Künstler nach dem Auftritt vor seinem Publikum, 25 000 Zuschauer waren anwesend. "Ich bin ein gesegneter Mann, weil ich so lange boxen konnte", sagte er nach 25 Jahren als Profi. Was folgte, waren Gastauftritte in Shows und TV-Sendungen, unter anderem mit Frank Sinatra und Dean Martin.

Wenige Jahre nach seinem Rücktritt war Robinson pleite. Er bekam Diabetes, was man bei seinem Namen vielleicht als bittere Ironie begreifen kann, und später Alzheimer. Seinen Platz in der "Boxing Hall of Fame" hatte er sich da lange gesichert. "Der Mann war einfach schön, Timing, Schnelligkeit, Reflexe, Rhythmus, sein Körper - alles war schön!", sagte Muhammad Ali viele Jahre nach ihrer Zusammenarbeit in einem TV-Portrt über Robinson, "ich war der größte Schwergewichtler aller Zeiten ­- aber Pound for Pound war Sugar Ray der Größte aller Zeiten."

Walker Smith jr., am Montag vor hundert Jahren geboren, starb am 12. April 1989 in Los Angeles, er wurde 67 Jahre alt. Sugar Ray Robinson aber führt weiter die Bestenliste des Boxens an, vielleicht bis in alle Ewigkeit.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5280092
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/sjo/bek/pps
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.