Boxen:Wie der Nüchterne in der Kneipe

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Boxing: Canelo Alvarez v Caleb Plant

Canelo Alvarez (rechts) ist gegen den US-Amerikaner Caleb Plant der bessere Boxer.

(Foto: Patrick T. Fallon/AFP)

Saul Alvarez, genannt Canelo, bestätigt in Las Vegas seinen Status als über die Gewichtsklassen hinweg bester Boxer der Welt. Gegen Caleb Plant zeigt er, dass ein Kampf nicht immer Niederschläge und Blutlachen braucht, um hochklassig zu sein.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

"Yeah." Das war die Antwort von Caleb Plant auf die Frage von Ringrichter Russell Mora in der elften Runde, ob er denn weiterboxen wolle nach diesem heftigen Niederschlag. Plant sah Mora an, als wolle er ihm mitteilen: "Bist du bescheuert? Soll ich etwa antworten: Och nö, lassen wir das mal lieber?" Der Kampf ging also weiter, und die wahre Antwort auf diese Frage sahen die Zuschauer in dem Moment, als Mora beide Boxer zum Weitermachen einlud. Niemand, der noch kämpfen will, sieht seinen Gegner so an, wie es Plant jetzt mit Saul Alvarez tat. So blickt noch nicht einmal einer, der weiß, dass er verlieren wird - so blickt einer, der weiß, dass er verloren hat und alles, was jetzt noch kommt, Bestrafung ist.

So kam es dann auch: Alvarez trieb Plant ein paar Sekunden lang vor sich her, und dann bestrafte er ihn: linker Haken, rechter Haken, rechter Haken, mehrere Schläge zum Kopf. Plant fiel erneut, und diesmal fragte Mora nicht, er zählte noch nicht einmal. Er beendete diesen Kampf, bei dem geklärt werden sollte, wer der unbestrittene Champion im Supermittelgewicht ist. Nicht nur wegen der beiden Niederschläge, sondern auch wegen der elf Runden davor ist die unbestrittene Antwort: Saul Alvarez, den alle wegen seiner zimtfarbenen Haare nur Canelo nennen.

Undisputed, also "unbestritten", das ist ein verhältnismäßig junger Begriff im Boxen. Als die Disziplin Massensport war, es ist eine gefühlte Ewigkeit her, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, die Rechtmäßigkeit von Gürtelträgern wie Rocky Marciano, Sugar Ray Robinson oder Archie Moore zu bezweifeln; man wäre geteert und gefedert aus der Halle gejagt worden. Mittlerweile gibt es aber nur beim Schaumschläger-Spektakel Wrestling mehr Gürtel als beim Boxen, und das führt dazu, dass fast immer einer mit seiner Trophäe wedelt und eine gut bezahlte Titel-Vereinigung fordert.

Der Kampf war ein Leckerbissen für Kenner des Boxens

So war es, wenn man mal ehrlich ist, auch bei der Hinführung zu diesem Kampf. Gewiss, Plant ist ein sehr guter Boxer, vor dem Gefecht mit Alvarez in 21 Kämpfen unbesiegt; beweglich, technisch sauber, taktisch diszipliniert, und einer mit, wie man beim Boxen sagt: Cojones. Einer, der auf eine Frage des Ringrichters, ob er weiterboxen will, immer mit "Yeah" antworten wird, weil er entgegen aller Wahrscheinlichkeiten daran glaubt, doch noch gewinnen zu können. Je näher der Kampf rückte, desto mehr hieß es (so ist das nun mal in der Pay-per-View-Nischendisziplin Boxen), dass Plant zwar nur eine kleine Chance habe; dass er die aber nutzen könne, genau das habe er doch in seiner Karriere schon häufiger getan.

Es war keine Schlacht, wie sie die Schwergewichtler Tyson Fury und Deontay Wilder kürzlich geliefert hatten. Es war vielmehr ein Leckerbissen für alle, die sich für die technischen und taktischen Nuancen dieser Sportart begeistern können. Den anderen häufiger und/oder schwerer treffen, als man selbst getroffen wird, das ist die so einfach klingende Aufgabe beim Boxen, die so unfassbar kompliziert wird, wenn sich zwei Kontrahenten begegnen, die einander immer wieder die Denksportaufgabe vorsetzen: Und wie willst du das tun, ohne selbst getroffen zu werden? Dieses Gefecht war ein schönes Beispiel dafür, dass ein Kampf nicht unbedingt Niederschläge und Blutlachen braucht, um hochklassig zu sein.

Canelo Alvarez v Caleb Plant

Canelo Alvarez feiert mit der mexikanischen Flagge - seine Kämpfe sind Feiertage im Land.

(Foto: David Becker/AFP)

Plant wusste, dass Alvarez über einen fulminanten linken Haken verfügt, sowohl zum Kopf als auch zum Körper, und dass er mit der rechten Faust gerne den Körper des Gegners bearbeitet. Plant drehte sich deshalb nach rechts, mit beiden Armen schützte er seinen Körper und teilte Alvarez mit: Wenn du mich treffen willst, dann mit rechts an den Kopf. Das klingt riskant, hat aber den Vorteil, dass Alvarez seine Deckung öffnen musste für einen Schlag mit der rechten Faust; in diese offene Stelle wollte Plant die gefürchtete Gerade anbringen, durch den gedrehten Oberkörper ohnehin in kürzerer Distanz.

Das gelang ihm in den ersten Runden immer wieder. Alvarez wirkte genervt wie der Nüchterne bei der Kneipenschlägerei, dem der Angetrunkene mehr Probleme macht. Plant pendelte, steckte tapfer ein, traf immer wieder. Alvarez verzichtete oft auf Deckung, in den Pausen setzte er sich noch nicht mal hin, sondern wartete darauf, endlich weitermachen zu dürfen. Eines war nämlich auch klar: Eine oder zwei Runden gegen Alvarez zu gewinnen ist in etwa so, als würde man in einem Fünf-Satz-Match mal ein Break gegen Roger Federer schaffen.

Nur gegen Floyd Mayweather junior verlor Alvarez - das war 2013

Das Problem für Plant: Alvarez ist Profi, seit er 15 ist; er hat fast so viele WM-Fights (19) im Lebenslauf wie Plant Profikämpfe. Und er ist ein Meister darin, die Taktik seiner Gegner zu dechiffrieren und sie langsam zu zermürben. Er ist ein unlösbares Rätsel, seitdem er 2013 zum ersten und bislang einzigen Mal in seiner Karriere verloren hat, gegen Floyd Mayweather junior. In den Pausen redete Trainer Chepo Reynoso über taktische Feinheiten; er musste Alvarez nicht anfeuern, sondern sanft steuern.

Alvarez öffnete die Deckung von Plant geduldig und mit variablen Angriffen, zum Beispiel mit rechten Aufwärtshaken und Doppel-Haken zum Kopf; er dominierte den Kampf immer mehr, nach der zehnten Runde lautete die Denksportaufgabe an Plant: Und wie willst du das noch gewinnen? Alvarez wirkte nun wie der Nüchterne in der Kneipe, der wusste, dass er den anderen hatte; dass nicht der eine Schlag den anderen in den Ringstaub schicken wird, sondern die vielen Treffer davor. Plant wirkte benommen, doch machte er freilich weiter.

Canelo Alvarez v Caleb Plant

Caleb Plant hängt sprichwörtlich und wortwörtlich in den Seilen.

(Foto: Al Bello/AFP)

Und dann setzte Alvarez sich in der Rundenpause auf den Hocker, und zum ersten Mal in diesem Kampf sprach Reynoso nicht über Taktik; er sagte: "Zeit, Geschichte zu schreiben." Eine Minute später war der Kampf vorbei.

Alvarez ist nun unbestrittener Champion im Supermittelgewicht, er gilt zudem weiterhin als der über sämtliche Gewichtsklassen hinweg beste Boxer der Welt. Seine Kämpfe sind Nationalfeiertage in Mexiko, er tritt gerne an Tagen an, die für dieses Land prägend sind. Diesmal war es das Wochenende nach Dia de los Muertos, Tag der Toten. Seine Kämpfe gegen Gennadi Golowkin 2017 und 2018 fanden um den mexikanischen Unabhängigkeitstag herum statt.

Alvarez will erst im kommenden Jahr wieder in den Ring steigen, am Samstag nach dem Feiertag Cinco de Mayo (5. Mai), und nun wird es interessant: Viele wünschen sich zwar ein drittes Gefecht gegen Golowkin, Trainer Reynoso will indes den unbesiegten David Benavidez, den die Box-Bibel The Ring noch im Juli zum besten Supermittelgewichtler erklärt hatte - ja, im Boxen vergeben selbst Magazine Gürtel. Ach ja: Plant teilte Alvarez noch im Ring mit, dass er trotz des zweiten Niederschlags gerne weitergeboxt hätte und sich eine Fortsetzung wünsche. Die lehnte Alvarez mit der schlimmstmöglichen Demütigung für einen Boxer ab: "Ich habe ihm gesagt, dass es keine Schande ist, gegen mich zu verlieren."

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