bedeckt München

Boxen:Kampfrichter als Kandidat

Ramie Al-Masri, 49.

(Foto: oh)

Ramie Al-Masri aus Kaiserslautern will Weltverbandschef werden.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Bisweilen klingt es bei Ramie Al-Masri so, als sei es eine ganz selbstverständliche Sache, für den Präsidentenposten in einem der schillerndsten Verbände der olympischen Welt zu kandidieren. Al-Masri, 49, ist hauptberuflich Informatiker und IT-Unternehmer aus Kaiserslautern, dazu im Boxsport ein international tätiger Kampfrichter und Kampfrichter-Obmann des deutschen Verbandes. Aber seit ein paar Tagen hat er auch noch eine andere Rolle inne: Er ist einer von sieben Anwärtern auf den Chefposten beim skandaldurchdrungenen und derzeit vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) suspendierten Box-Weltverband (AIBA).

Al-Masri erklärt die Kandidatur damit, dass er sich die Zustände in dem Verband nicht mehr habe ansehen können. "Mein Herz hängt an diesem Sport", sagt er. Zu Schülerzeiten absolvierte er in den Sommerferien ein Box-Camp, das sei der Beginn der Leidenschaft gewesen. Später war er für den 1. FC Kaiserslautern mehrmals Landesmeister im Halbmittelgewicht, schaffte es aber nie in den Nationalkader. Dafür machte er als Kampfrichter Karriere, und in dieser Rolle habe er gut mitbekommen, wie schockiert die Boxwelt über den derzeitigen Zustand sei.

"Dass der Sport international immer weniger Beachtung findet und die AIBA immer weniger Einfluss hat, hat mir wehgetan", sagt Al-Masri. Und weil er zu wissen glaubt, wie man es besser machen kann, habe er seine Bewerbung eingereicht - auch wenn er nach eigener Aussage dafür kaum internationale Unterstützer sammelte. Aber er sei sicher, dass es einen "radikalen Neuanfang" brauche.

Es ist eine ungewöhnliche Bewerbung, die in einen undurchsichtigen Wahlkampf fällt. Die AIBA gehört traditionell zu den besonders schmutzigen Verbänden im Weltsport. Seit fast vier Jahrzehnten führen ihn dubiose Figuren wie der Pakistaner Anwar Chowdhry, der Taiwaner Ching-Kuo Wu und zuletzt der Usbeke Gafur Rachimow - den die USA wegen mutmaßlicher Verstrickung in die organisierte Kriminalität auf eine Sanktionsliste setzten, während Rachimow darauf verweist, nie verurteilt worden zu sein. Missmanagement, Korruption, Manipulationsvorwürfe bei olympischen Wettkämpfen, das alles umgibt den Boxverband. Das IOC schaute dem Treiben lange tatenlos zu. Erst im vergangenen Sommer suspendierte es den Weltverband für das Olympia-Turnier in Tokio und fror die Zuwendungen ein, die für die Föderationen so wichtig sind. Nur bei fundamentalen Veränderungen werde die Suspendierung rückgängig gemacht, hieß es.

Damit machte das IOC unter Führung seines Präsidenten Thomas Bach klar, wer in dieser Frage das Sagen hat - und entsprechend erscheint es auch unvorstellbar, dass sich die Boxwelt einen Funktionär aussucht, welcher der olympischen Zentrale in Lausanne nicht passt. Nur gibt es im Sport viele Beispiele dafür, dass fundamentale Veränderungen ein dehnbares und je nach konkreter Interessenslage einsetzbares Kriterium sind.

Vor der AIBA-Präsidentschaftswahl am 12./13. Dezember sieht es so aus, dass sieben Kandidaten zur Auswahl stehen und fünf davon schon in der Vergangenheit Funktionen im Verband innehatten. Darunter ist der Marokkaner Mohamed Moustahsane, der die AIBA seit Rachimows Rückzug 2019 interimistisch führt und im letzten Moment seine Kandidatur erklärte; auch Umar Kremljow, AIBA-Vorstandsmitglied und Generalsekretär des russischen Box-Verbandes, ist dabei. Im Zuge des Machtkampfes war innerhalb des Weltverbandes sogar schon mal ein Verfahren gegen ihn angestrengt und später verworfen worden. Aber Kremljow stellt viel russisches Geld in Aussicht.

Theoretisch gibt es eine Möglichkeit, dass sich das Bewerberfeld reduziert. Denn alle Kandidaten müssen durch einen Check der neuen Ethikkommission. Das soll bis Ende der kommenden Woche passieren. Nach Interpretation von Al-Masris Unterstützern im deutschen Boxen blieben bei einer strengen Anwendung nur zwei Bewerber übrig: der Niederländer Boris van den Vorst - und eben Al-Masri, der dann gute Chancen hätte, als vierter Deutscher neben Josef Fendt (Rodeln), Klaus Schormann (Moderner Fünfkampf) und Thomas Weikert (Tischtennis) an die Spitze eines olympischen Weltverbandes zu rücken. Aber dass die Ethiker so streng sind, ist sehr unwahrscheinlich.

© SZ vom 08.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema