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Tod von Boxer Marvin Hagler:Glatzkopf aus Stahl

Marvin Hagler ist tot

Sieg gegen die "Fäuste aus Stahl": Marvelous Marvin Hagler schlägt 1983 Roberto Duran.

(Foto: AP/dpa)

Seine große Zeit war auch die große Zeit des Profi-Boxens - und er dominierte in dieser Ära das Mittelgewicht. Nun ist Ex-Weltmeister Marvelous Marvin Hagler mit 66 Jahren gestorben.

Nachruf von David Pfeifer

"Wenn Sie meinen Glatzkopf einmal aufschneiden, werden sie darin einen Boxhandschuh finden" - so erklärte "Marvelous" Marvin Hagler die Leidenschaft für seinen Beruf. Er trainierte, atmete, liebte und dachte Boxen. Hagler war Mittelgewichtsweltmeister von 1980 bis 1987. Und das zu einer Zeit der großen Namen im Mittelgewicht. Neben Hagler kämpften auch Sugar Ray Leonard, Roberto Duran und Thomas Hearns um Titel und Ehre.

Marvin Hagler wurde am 23. Mai 1954 geboren und wuchs in Newark in New Jersey auf. Während der Newark-Rassenunruhen im Sommer des Jahres 1967 ging das Haus, in dem die Haglers lebten, in Flammen auf, und sie zogen nach Brockton um. Nach einer Prügelei lernte Hagler boxen, er machte sich älter, um kämpfen zu dürfen, zuerst als Amateur, dann als Profi. Er musste einige Jahre warten, um einen Titelkampf zu bekommen, als es 1979 schließlich so weit war, verlor er umstritten nach Punkten.

Hagler ließ sich sein "Wunderbar" als Vornamen in den Pass eintragen, aus dem ewigen Gefühl, der Underdog zu sein, nachdem Sportreporter ihn nicht als solchen angekündigt hatten. Sogar als er schon Weltmeister geworden war, fühlte er sich häufig nicht ausreichend respektiert. 1981 konnte er sich den Titel endlich erkämpfen und sollte ihn ewig nicht loslassen. Sieben Jahre, so lange wie kaum ein anderer Champion vor und nach ihm.

Es war auch die Zeit, in der immer neue Weltverbände gegründet wurden, Hagler hielt die Titel von WBA, WBC und der neu gegründeten IBF, als er gegen Roberto Duran antrat. Duran, genannt "Manos de piedra", Fäuste aus Stein, hatte sich über mehrere Gewichtsklassen und Verbände geboxt, er war bereits eine Legende mit 77 Siegen in 81 Kämpfen. Doch die Fäuste aus Stein trafen auf einen Glatzkopf aus Stahl. Hagler besiegte Duran nach Punkten.

Hagler gegen Hearns: ein Duell so schillernd wie Ali gegen Frazier

Wie hart Hagler wirklich nehmen und austeilen konnte, zeigte sich drei Jahre später, 1985, als erneut ein überragender Weltmeister aus dem Welter- und Halbmittelgewicht in seine Gewichtsklasse aufstieg und ihn herausforderte: Thomas "Hitman" Hearns. Hearns hatte seine bis dahin einzige Niederlage gegen Sugar Ray Leonard hingenommen und keine Angst vor Hagler. Hearns war ungewöhnlich hochgewachsen für seine Gewichtsklasse, seinen Kampfnamen verdankte er seinen präzisen und harten Geraden und Haken, mit denen er kleinere Kämpfer wie Hagler auf Distanz halten und für Angriffe regelrecht bestrafen konnte.

Da die beiden Kombattanten aus ihrer Abneigung keinen Hehl gemacht hatten, wurde der Kampf als "The War" promotet. Und es wurde einer der seltenen Fälle, in dem sich der Hype bewahrheitete. Marvelous Marvin Hagler zog gegen Hearns in den Krieg, ab der ersten Sekunde der ersten Runde. Hagler nahm den Schlägen des Gegners manchmal die Spitze, indem er seinen eigenen Handschuh noch vors Kinn brachte, und stellte seinem Gegner unerbittlich nach. Zwanzig Sekunden nach Beginn der ersten Runde war jedem Zuseher im "Caesar's Palace" in Las Vegas klar, dass hier Box-Geschichte geschrieben wurde. Hagler tastete nicht ab oder versuchte Hearns zu lesen, er trieb den größeren Mann vor sich her, und wer den Kampf heute noch einmal auf Youtube ansieht, kann viel über die Bedeutung von Beinarbeit lernen. Hagler geht und steht zu jedem Zeitpunkt dieses Kampfes richtig, er bleibt quasi immer in Schlagdistanz, und zwar in seiner Schlagdistanz, nicht in der des längeren Hearns.

Ein Fight für die Boxgeschichte: Hagler gegen den langen Thomas "Hitman" Hearns (links), 1985 in Las Vegas, wurden zum Intensiverlebnis in acht Minuten.

(Foto: AP)

Hagler holte sich bereits in der ersten Runde einen Cut über dem Auge, "als der Ringrichter sich den ansah, dachte ich, ich muss den Typen zerstören", sagte er hinterher. Hagler setzte also nach, die beiden hauten aufeinander ein, bis Hearns in der dritten Runde zu Boden ging und erst bei "zehn" wieder auf seine Beine taumelte und den Ringrichter ratlos ansah. Vielleicht konnte Hearns selber nicht glauben, dass hier zwölf Runden in weniger als acht Minuten geboxt worden waren. Hagler und Hearns, das klingt für Box-Fans fast so schillernd wie Ali und Frazier.

Wie Marvin Hagler dann seinen Abschied vom Boxsport nahm, erzählt vielleicht noch mehr über das, was in seinem Kopf vor sich ging, als ein Blick unter seine Schädeldecke. Das vierte Groß-Ego dieser goldenen Ära, Sugar Ray Leonard, forderte für ein Comeback schließlich den sieben Jahre ungeschlagenen Hagler heraus. Leonard war überirdisch schnell, beweglich, ein perfekter Konterboxer, berühmt geworden aber auch als riesige Nervensäge. Roberto Duran hat einen Kampf gegen Leonard tatsächlich aufgegeben, weil dieser ihm zu viele Faxen machte ("no mas" - "nicht mehr").

Hagler setzte Sugar Ray Leonard nach, wie er Hearns nachgesetzt hatte. Doch Leonard konnte sich besser entziehen und setzte aus der Distanz Treffer. Allerdings schon so weit von Hagler entfernt, dass er ihn noch berührte, ihm aber nie weh tun konnte. Marvelous Marvin Hagler war der Ansicht, den Kampf gemacht zu haben, wie man in so einem Fall sagt, viele Beobachter sahen es genauso. Aber die Punktrichter sprachen den Sieg nach Punkten knapp Leonard zu.

Marvin Hagler ist gestorben

Der letzte Kampf: Sugar Ray Leonard (rechts) entthront Hagler 1987 äußerst umstritten nach Punkten.

(Foto: Lennox Mclendon/dpa)

Marvin Hagler, der nie etwas anderes im Kopf hatte als Boxen, verließ den Ring und betrat ihn danach nie wieder. Aber es fiel ihm dann doch noch was ein, das er mit seinem Leben anfangen konnte, er war ja erst 33 Jahre alt zu dem Zeitpunkt. Er wurde Filmschauspieler in Italien. Unter anderem drehte er mit Terence Hill einen Cop-Science-Fiction-Buddy-Movie, als dieser bereits ohne Bud Spencer als Zugpferd in eher kostenbewusst hergestellten Filmen im Einsatz war. Im Gegensatz zu seinen Kämpfen hinterließen Haglers filmische Werke keinen bleibenden Eindruck, aber es gab ja nichts mehr zu beweisen, dem Schau- und dem Boxgeschäft hatte Hagler schon genug geliefert, das erinnerungswürdig bleibt. Und wenn es nur die knapp acht Minuten im Ring mit Thomas Hearns sind.

Er wurde natürlich in die Boxing Hall of Fame aufgenommen und gab Autogramme für die Fans der goldenen Ära, wie Hearns und Leonard auch. Haglers zweite Frau, die er im Jahr 2000 geheiratet hat, gab am Wochenende auf seiner Fan-Page bekannt, dass der Ex-Champion tot sei. "Mein Mann, der wunderbare Marvin, ist heute unerwartet gestorben, in seinem Haus in New Hampshire. Unsere Familie bittet darum, die Privatsphäre in dieser schwierigen Zeit zu respektieren. Mit Liebe." Der wunderbare Marvin Hagler wurde 66 Jahre alt.

© SZ/bkl/klef
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