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Boxen:Eine Mütze voll Erinnerungen

Ebby Thust Thomas Puetz Axel Schulz Dariusz Michalczewski Ulli Wegner Alexander Petkovic Verans

Legendentreffen (von links): Der frühere Promoter Ebby Thust, BDB-Präsident Thomas Pütz, Axel Schulz, Dariusz Michalczewski und der stets heisere Trainer Ulli Wegner feiern „70 Jahre Bund Deutscher Berufsboxer“.

(Foto: Spöttel/imago)

Die Boxprominenz vergangener Tage trifft sich in Unterschleißheim - die Gegenwart ihrer Sportart ist eine Nummer kleiner.

Von Max Ferstl

Es ist kurz vor halb zwölf, als Serge Michel der entscheidende Schlag trifft. Jede Spannung weicht aus seinem Körper, wie bei einer Marionette, der die Fäden durchtrennt wurden. Michel sinkt zu Boden. Liegt auf dem Rücken. Versucht noch, den Kopf zu heben, zwei Mal, drei Mal. Gibt auf.

Es hätte sein Abend sein sollen. Acht Kämpfe hatte der 30-jährige Boxer bisher bestritten, acht Siege, sechs davon durch Knockout. Dieser neunte Kampf gegen den Kanadier Ryan Ford, der vier seiner vergangenen fünf Duelle verloren hatte, sollte ein Zwischenschritt sein. Wenn Michel gewinne, heißt es im Programmheft, dann rücke "ein Kampf um die Weltmeisterschaft in greifbare Nähe". Sein Promoter Alexander Petkovic spricht von einem "großen WM-Fight" in Deutschland.

In der ersten Reihe vor dem Ring sitzen: Axel Schulz, Dariusz Michalczewski, Arthur Abraham. Die alten Helden sehen, wie die Betreuer herbeieilen und Michel in die Seitenlage drehen. Während sie ihn auf einen Stuhl hieven, steht Schulz auf und geht mit etwas steifen Schritten Richtung Ausgang. Im Vorbeigehen ist ein Wort klar zu verstehen: "Scheiße". Der große WM-Kampf - erst einmal außer Reichweite.

Samstagabend, das Ballhausforum in Unterschleißheim. Das deutsche Boxen feiert sich selbst: 70 Jahre Bund Deutscher Berufsboxer (BDB). Wie es gerade um eine Sportart steht, zeigt sich auch immer auch daran, in welchem Rahmen sie sich inszeniert. Wie groß die Hallen sind, und wie gut gefüllt. Früher füllten die deutschen Boxer große Stadien. Die Gegenwart ist eine Nummer kleiner. Das 70-Jahre-Jubiläum wird in einer größeren Turnhalle begangen. Gut 4000 Leute haben hier Platz. Verkauft habe er 3000 Karten, sagt Petkovic, der Promoter. "Ich habe gedacht, dass mehr Leute kommen." Es dauert lange, bis die Kartenbesitzer ihre Plätze einnehmen.

19.30 Uhr, noch viele freie Stühle: Der Hallensprecher kündigt den "Mann mit der Mütze" an. "Axel, Axel, Axel", rufen einige Zuschauer auf der Tribüne. Schulz, schwarze Kappe, dunkelblauer Anzug, hebt die Hand, lächelt. Als Schulz in den 1990er-Jahren kämpfte, sahen vor dem Fernseher Millionen zu. Zwar verlor er viele wichtige Kämpfe, trotzdem mögen ihn die Leute - oder gerade deswegen.

Schulz, 50, hat in den vergangenen Jahren immer mal wieder Kritik geäußert, hat dem Nachwuchs mangelnden Einsatz oder zu wenig Geduld vorgehalten. Deshalb würden Boxer fehlen, die Leute binden können. "Wir haben schon ein paar Nachwuchstalente", sagt er nun, aber: "Wir sollten sie nicht drängen, irgendwelche Titelkämpfe zu machen." Das sei in der Vergangenheit immer wieder ein Problem gewesen. Dass manche zu schnell zu viel gewollt hätten. Zu viele große Versprechen, die nicht eingelöst wurden.

Vielleicht, sagt Schulz, sei das deutsche Publikum auch ein bisschen verwöhnt gewesen. Überall Weltmeister, überall Kämpfe, die bei den großen Fernsehsendern liefen. "Das waren Highlights, wo sich die Leute getroffen haben und sich drauf gefreut haben", sagt Schulz. Der Boxabend in Unterschleißheim läuft nur im Internet. 21.25 Uhr: Dariusz Michalczewski wird angekündigt, Kampfname: der Tiger, zwölf Jahre ungeschlagen. 21.35 Uhr: Applaus für Arthur Abraham, dessen Karriere vermutlich gerade austrudelt, und für Ulli Wegner, 76, den erfolgreichen Trainer.

Irgendwann versammeln sich die Boxgrößen im Ring. Es werden zahlreiche Preise und Ehrungen überreicht, Hände geschüttelt, Fotos gemacht. Thomas Pütz, der Präsident des BDB, ehrt Schulz für sein Lebenswerk. Schulz erhält außerdem einen Ehrengürtel des Weltverbandes IBF, nachträglich für seine ungerechtfertigte Niederlage gegen George Foreman. Pütz wiederum bekommt von Pektovic Boxhandschuhe überreicht: weil er den BDB "aus schwierigen Zeiten geführt" habe. Es folgt eine Schweigeminute für die Verstorbenen, für Markus Beyer, Karl Mildenberger und Graciano Rocchigiani, der im vergangenen Herbst bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Ein Gedanke lässt sich kaum vermeiden: dass die Lücke, die sie hinterließen, noch keiner geschlossen hat.

22.50 Uhr, Serge Michel läuft ein, Kampfname: "Bavarian Sniper". Was als sportlicher Höhepunkt des Abends gedacht war, entwickelt sich zu einer Enttäuschung. Michel boxt unkonzentriert, immer wieder vernachlässigt er seine Deckung, lässt sich provozieren. In der dritten Runde schlägt er seinem Gegner unter der Gürtellinie. In der achten fällt er schwer getroffen zu Boden.

Gegen Mitternacht steht Pütz, der BDB-Präsident, an einem Stehtisch im Innenhof. "Es gab sicher schon glanzvollere Zeiten", sagt er. "Aber es gab auch deutlich schlechtere Zeiten." Den heutigen Abend verbucht er als Erfolg - trotz Michels K.o. "Eine absolut tolle Veranstaltung", findet er. Kämpfe auf Augenhöhe, das wolle das Publikum. In der Vergangenheit habe ja oft schon vorher festgestanden, wer am Ende gewinnt - der Kämpfer des Veranstalters. Heißt: Nicht alles war früher besser.

Dann verschwindet Pütz zur Party. Unter einem Vordach sitzt Axel Schulz und raucht eine Zigarre. In der Halle wird derweil der Ring abgebaut. Die Banner mit den Sponsoren werden in Kartons verstaut. Die Polster und die Seile sind schon verschwunden. Vom Ring ist nur noch das Gerippe übrig.

© SZ vom 08.04.2019
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