Boxen Damals im Ring mit Tiger, Rocky und Maske

Einer der Schluss-Schläge einer großen deutschen Box-Ära. Ausgeführt von Dariusz "Tiger" Michalczewski gegen den kürzlich verstorbenen Graciano "Rocky" Rocchigiani.

(Foto: dpa)
  • Niemand anders prägte in den 1990er-Jahren so sehr die deutsche Boxszene wie Dariusz Michalczewski, Graciano Rocchigiani und Henry Maske.
  • Maske war der Mann für die breite Masse, doch die Box-Experten schauten lieber Rocchigiani und Michalczewski zu.
  • Sie hinterließen ihren Nachfolgern in dem Sport ein großes Erbe. Wohl zu groß, denn nie wurde das Profi-Boxen in Deutschland wieder so groß wie damals.
Von David Pfeifer

Beim Boxen geht es immer um Geschichten. Es kann schon kurzweilig sein, zwei Männern dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig kompetent verhauen. Aber wirklich berührt werden die Zuschauer nur, wenn es um mehr geht als um Sieg oder Niederlage. Wenn im Boxring Lebensentwürfe, Ideologie oder gar Schicksal verhandelt werden. Am besten alles zusammen.

Am 10. August 1996 trafen in Hamburg die beiden Profiboxer Dariusz Michalczewski und Graciano Rocchigiani aufeinander, wegen der vielen komplizierten c und z in den Namen wurden sie in den Boxkellern und der Bild-Zeitung der Einfachheit halber als "Rocky" und "Tiger" bezeichnet. Unsichtbar mit im Ring stand Henry Maske, weil dieser dem Tiger aus dem Weg ging und Rocchigiani geschlagen hatte. Es war rückblickend betrachtet der Höhepunkt des Profiboxens in Deutschland, wenn man von den 1930er-Jahren einmal absieht, in denen es noch keine Fernsehübertragungen gab.

Graciano Rocchigian Schlag auf Schlag
Zum Tod von Graciano "Rocky" Rocchigiani

Schlag auf Schlag

Der Boxer Graciano Rocchigiani war Weltmeister, Hartz-IV-Empfänger und saß im Knast. Ein Nachruf auf einen, der zuschlug und berührte.

Henry Maske, als "Gentleman" und Symbol der Einheit vermarktet, verhalf dem jungen Privatsender RTL in den 1990er-Jahren zu fantastischen Quoten. Maske wurde zum Zugpferd, weil er dem breiten Publikum eine familienfreundliche Variante von Boxen präsentierte: die ungefährliche.

Margarethe Schreinemakers und Veronica Ferres waren Fans und gaben Jubelkommentare am Ring für die Kameras ab. Maske war in der DDR perfekt ausgebildet worden, er kämpfte variabel und sauber, technisch besser als Rocchigiani und Michalczewski, aber er blieb im Verlauf seiner Profi-karriere ein Boxer für Menschen, die sich nicht für Boxen interessieren. Den Fachleuten hingegen, die schon mal von Roy Jones Jr. gehört hatten, erschien er als Langweiler.

Die ostdeutschen Jugendlichen fieberten für Rocchigiani, nicht für Maske

Maske verteidigte seinen Weltmeistergürtel der IBF nur in Deutschland, und es fehlten bald Gegner, für die es gelohnt hätte, den Fernseher einzuschalten. Also kam den Veranstaltern ein besiegbar scheinender Haudegen wie Graciano Rocchigiani gerade recht. Rocchigiani war nach Max Schmeling und Eckhard Dagge erst der dritte Deutsche gewesen, der Weltmeister werden konnte, das war bereits 1988, noch weit vor dem Box-Boom, den Maske und RTL in Deutschland auslösten. Rocky hatte danach die Gewichtsklasse gewechselt, er verlor, er trudelte herum im Boxgeschäft - ein Ex-Weltmeister, der als alt und ausgebrannt galt, was er auch war, was ihn aber nicht daran hinderte, aus einer soliden Doppeldeckung heraus klug und gefährlich zu boxen und Henry Maske an den Rand einer Niederlage zu treiben. Das war am 27. Mai 1995 in der Westfalenhalle, diese Größenordnungen füllte man damals mit deutsch-deutschen Begegnungen. Maske musste tatsächlich kämpfen, gegen Rocky, er prügelte sich zum Ende sogar, was er sonst nie tat, und steigerte auf diese Weise immerhin seinen Respekt bei den Experten.

Denn seltsamerweise war Henry Maske nicht mal bei den harten Jungs aus dem Osten besonders beliebt, wie Clemens Meyer in seinem Roman "Als wir träumten" beschreibt: Meyer montiert die Konflikte seiner jugendlichen Protagonisten in Leipzig zusammen mit der Übertragung des Kampfes von Henry Maske gegen Graciano Rocchigiani. Bei diesem Kampf drücken die ostdeutschen Jugendlichen einem Westdeutschen die Daumen - und lehnen Maske ab, als ehemaligen Kader-boxer und Leutnant der Volksarmee.

Rocky galt als der Wilde, obwohl er ebenfalls sehr kontrolliert boxte. Doch außerhalb des Rings war er ein Berserker, soff, fing Schlägereien an, ging in den Puff und brachte Sprüche, die sich sonst niemand zu sagen traute ("Wat braucht der Mensch außer Glotze gucken, 'n bisschen bumsen, 'n bisschen Anerkennung ...?"). Maske hingegen schien vor einem Mikro immer so ergriffen zu sein von sich selber, dass es ihm schwerfiel, normal zu sprechen. Den Rückkampf gegen Rocky, noch im gleichen Jahr in der Münchner Olympiahalle, gewann Maske souverän, natürlich nach Punkten.

Eine ganz andere Schule vertrat der Tiger, Dariusz Michalczewski. Fragte man dessen Trainer, Fritz Sdunek, warum der Tiger erst ab Runde drei zugeschlagen habe, nachdem er schon zwei dicke Veilchen hatte, bekam man zur Antwort: "So ist der Dariusz, der muss erst warmgehauen werden." Michalczewski hatte zwar die deutsche Nationalität angenommen, um besser vermarktbar zu sein, sprach aber mit einem deutlich hörbaren polnischen Akzent.

Unfall auf Sizilien

Letzte Reise nach Süden

Auf Sizilien, wo Graciano Rocchigiani bei einem Verkehrsunfall starb, hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen.   Von Benedikt Warmbrunn

Sein Management hatte ihm den Kampfnamen "Tiger" verpasst, damit die Box-Fans sich nicht mit der Aussprache mühen mussten. Seine meist spektakulären Kämpfe wurden vom frühen Pay-TV-Sender Premiere übertragen, was Michalczewskis Bekanntheit nicht half. Also wollte Michalczewski dringend das deutsche Idol, Henry Maske, vor die Fäuste bekommen. Doch dieser wich ihm aus, einerseits aus Angst vor der Führhand des Tigers, die mit der Wucht einer Schlaghand einschlug (die meisten seiner Kämpfe gewann Michalczewski durch K. o.). Andererseits mit dem nicht ganz von der Hand zu weisenden Argument, der Tiger würde sich eigentlich nur für die Minuten des Wiegens in das erforderliche Limit für das Halbschwergewicht hungern, in Wahrheit sei er ein Cruisergewicht. Michalczewski wiederum versuchte, seinen Rivalen mit einem Quervergleich an der Ehre zu packen, indem er ebenfalls gegen Rocchigiani kämpfte, der nach seinen Begegnungen mit Maske noch etwas älter und vernarbter aussah.