Bouldern:Autodidaktin an der Spitze

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Roxana Wienand

Die Halle steht im Mittelpunkt: Roxana Wienand aus Aschaffenburg ist Deutsche Meisterin im Leadklettern und war nun die beste Deutsche beim ersten Boulder-Weltcup nach knapp zwei Jahren Pause.

(Foto: Haslital Mountain Festival / OH)

Die Aschaffenburgerin Roxana Wienand gehört zu den besten Kletterinnen Deutschlands. Sie ist eine von drei Kandidatinnen für Olympia 2024 - obwohl sie aus der Trainerlogik des Bundeskaders herausfällt.

Von Nadine Regel

Ihr langes, blondes Haar ist ihr Markenzeichen. Bei Wettkämpfen trägt Roxana Wienand es offen, fast wie einen Vorhang, der sich nur dann auftut, wenn sie sich zum Publikum dreht. Meist lächelt sie dabei, wenn sie als eine der Besten ganz oben angekommen ist. Wienand gehört zu den stärksten Kletterinnen Deutschlands. Als Mitte April nach knapp zwei Jahren Pause mit dem Weltcup im Schweizerischen Meiringen erstmals wieder ein internationaler Boulder-Wettkampf stattfand, schaffte es die Aschaffenburgerin als einzige deutsche Athletin neben Alexander Megos und Yannick Flohé ins Halbfinale. Wienand kam auf den 16. Platz bei 69 Teilnehmerinnen, damit hatte sie eines ihrer großen Ziele erreicht. Dass sie nun zur Spitze im deutschen Klettern gehört, hat sie sich selbst zu verdanken. Wienand ist Autodidaktin.

Im vergangenen Jahr gewann die 20-Jährige die deutsche Meisterschaft im Leadklettern, also dem Klettern am Seil. Ihre selbst erarbeiteten Übungseinheiten funktionieren immer wieder. "Mein Training plane und überlege ich mir selbst", sagt sie. Ihr Studium, Sport und Mathematik auf Lehramt, helfe ihr dabei. Zum Kaderstützpunkt nach München will sie vorerst nicht ziehen, die Trainingslehrgänge seien sehr hilfreich und reichten aktuell aus. Sie fühlt sich in ihrem Umfeld in Darmstadt einfach zu wohl - auch wenn das bedeutet, dass sie damit aus der Trainerlogik des Bundeskaders herausfällt.

Wienand will enge Strukturen in ihrem Leben als Athletin vermeiden

"Ihre mentale Einstellung ist entscheidend für ihren Erfolg", sagt Urs Stöcker, Kletter-Bundestrainer in München. Wienand, die er als eine "extrem talentierte Kletterin" bezeichnet, gehe mit sehr viel Freude an den Sport und sei immer motiviert. "Dieser befreite Zugang zum Klettern, diese Leichtigkeit ist es einfach", sagt er. Gemeinsames Training mit den anderen Athletinnen würde ihrer Entwicklung helfen, sei jedoch grundsätzlich kein Ausschlusskriterium. "Wir haben sie neben Hannah Meul und Lucia Dörffel als eine der drei Kandidatinnen für die Olympischen Spiele in Paris 2024 im Köcher", sagt der gebürtige Schweizer.

Dabei sind es gerade die engen Strukturen, die Wienand in ihrem Leben als Athletin vermeiden will. "Ich stelle es mir stressig vor, wenn man immer mit der Konkurrenz zusammen trainiert, auch wenn man befreundet ist", sagt sie. Klar könne es ein Ansporn sein, aber tendenziell würde ihr das zu viel Druck aufbauen: "Es ist wichtiger, dass man Motivation hat, sein Training durchzuziehen, als das, was man dann tatsächlich macht." Was ihr aber durchaus fehle, seien starke Kletterer in Darmstadt, mit denen sie trainieren könne. Durch die Pandemie seien die Hallen für den Publikumsverkehr geschlossen. Lediglich Kadermitgliedern sei der Zutritt erlaubt - und das sind in Darmstadt dann zu wenige. Also trainiert sie fünf bis sechsmal die Woche drei bis vier Stunden alleine.

Was ihr beim Training hilft, ist ihre zweite Leidenschaft. "Turnen ist ein gutes Ausgleichstraining", sagt Wienand. Es fördere ihre Beweglichkeit, Körperspannung und Armkraft - Aspekte, die ihr beim Klettern zugutekommen. Am Klettern fasziniert sie, sich immer wieder neue Projekte suchen zu können. Im Gegensatz zum Turnen, wo immer wieder bestimmte Elemente geübt würden, hörten die Möglichkeiten beim Klettern nie auf. Dass Wienand heute überhaupt klettert, hat sie einem Lehrer zu verdanken, der ihr Talent erkannte und sie so mit zwölf Jahren vom Ballett zum Klettern brachte. An den Fels hat es sie dabei nie sonderlich gezogen, die Halle steht im Mittelpunkt.

In dieser Saison will Wienand so viel wie möglich bei internationalen Wettkämpfen starten

Ob die Sportlichkeit in der Familie liegt? "Bei uns ist eher die weibliche Seite die aktive in der Familie", sagt Wienand. Leistungsmäßig sei sie jedoch die einzige, auch wenn ihre Mutter 15 Stunden die Woche für Marathons trainiere: "Wir inspirieren uns gegenseitig." So habe ihre Mutter nun auch mit dem Klettern angefangen. Die Unterstützung für ihre sportliche Laufbahn ist Wienand jedenfalls sicher - und um sich hier die Leichtigkeit zu bewahren, kommt es ihr vor allem auf einen Uni-Abschluss an: "Wenn man mal vom Klettern frustriert ist, dann hat man noch ein anderes Standbein und nicht alles hängt von den Wettkämpfen ab".

Die Chancen, ihre Leichtigkeit und ihre Freude beim Klettern unter Beweis zu stellen, gehen jedenfalls nicht aus. Denn bald kann sie das nächste Ziel auf ihrer Liste abhaken: In dieser Saison will Roxana Wienand so oft wie möglich bei internationalen Wettkämpfen starten. Vor ein paar Tagen ist sie für die Teilnahme beim Boulder-Weltcup im US-amerikanischen Salt Lake City Ende Mai nominiert worden. Wenn es nun weiter in Richtung einer Olympia-Teilnahme geht, könne sie sich auch vorstellen, "mal ein oder zwei Urlaubssemester" zu nehmen. Dann würde Wienand alles dem Ziel unterordnen, es auch auf der ganz großen Bühne lächelnd möglichst schnell nach oben zu schaffen.

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