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Peter Bosz:Verrückter Trainer, guter Mensch

Nun ist ihm auch die Defensive wichtig: Peter Bosz beim Spiel gegen Hoffenheim

(Foto: AP)
  • Der Trainer findet mit seiner offensiven Idee von Fußball bei Bayer Leverkusen guten Anklang.
  • Nach seinem Reinfall bei Samstags-Gegner Dortmund sucht er inzwischen taktische Kompromisse.

Am vorigen Freitag war Peter Bosz an der Seite von Simon Rolfes Zeuge des Länderspiels zwischen Deutschland und Holland. Was der Trainer von Bayer Leverkusen dort in Gesellschaft seines Sportdirektors sah, müsste ihm eigentlich gut gefallen haben. Es war ein Spiel mit hohem Unterhaltungsfaktor, in dem viel passiert ist, und am Ende gewannen seine Landsleute 4:2. Das eine erfüllte seine primären Erwartungen an ein Fußballspiel, das andere kam seinen patriotischen Gefühlen entgegen. Dass das Resultat seinen Expertenstatus in Frage stellte - er hatte einen deutschen Sieg vorhergesagt -, konnte er verkraften. Was Bosz hingegen gar nicht gefallen konnte: dass ein Spieler seines Teams zum Hauptdarsteller avancierte, und zwar in der undankbarsten aller Rollen. Verteidiger Jonathan Tah, 23, war nach Auffassung vieler Rezensenten der Verlierer des Abends und ein Urheber der deutschen Niederlage. Die Fachpresse schickte ihn mit der Note "Ungenügend" ins Hotelbett.

Ein paar Tage später, wieder zu Hause in Leverkusen, trat Bosz diesen Schuldzuweisungen entgegen: Es sei nicht Tah gewesen, der das 2:4 verursacht habe, "da waren noch zehn andere", sagte er, "wie alle auf Jona draufgehauen haben, das war nicht in Ordnung". Doch dass Tah in Hamburg ein schlechtes Spiel gemacht hatte, das hat der Trainer beim gerechten Ärger über die ungerechte Behandlung auch nicht unterlassen zu erwähnen. Was schon typisch ist für Bosz: Fürsorge ist das eine, aber Beschönigung liegt ihm nicht.

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Bosz verwendet vor großem Publikum schon mal den Begriff "Scheißspiel", wenn ihm ein Spiel nicht gefallen hat. Auch diese erfrischende Klarheit in der Wortwahl ist Teil seiner Lehre, die in Leverkusen intensiven Anklang findet, seitdem er sein Engagement im Januar angetreten hat. Die jüngeren wie die älteren Spieler gingen "total mit", stellt Sportchef Rudi Völler fest, "sein Stil, aber auch seine persönliche Art kommen in der Mannschaft sehr gut an". Bosz wird in Leverkusen nicht nur wegen seiner offensiven Idee von Fußball geschätzt, wegen der ansehnlichen Spiele und ihrer vorwiegend guten Resultate, sondern auch, weil zu seiner Arbeitsweise eine menschliche Komponente kommt, die zu seinem Wesen und Selbstverständnis gehört.

"Ich finde, er ist ein sensationeller Trainer"

Bayer-Profi Sven Bender erzählte den Ruhr Nachrichten dazu jetzt eine Episode: Als Bosz vor zwei Jahren als Trainer nach Dortmund kam, befand sich Bender schon auf dem Sprung nach Leverkusen. Bosz und er hatten nur eine Woche miteinander zu tun, bevor der Wechsel vollzogen wurde. Trotzdem habe ihn Bosz später noch mal angerufen und mitgeteilt, dass er gern mit ihm zusammengearbeitet hätte, berichtete Bender: "Das fand ich cool." Nun bilden die beiden seit acht Monaten eine Arbeitsgemeinschaft - und Bender sieht seinen Eindruck bestätigt: "Ich finde, er ist ein sensationeller Trainer."

Völler hat mit dem 55 Jahre alten Holländer etwas Ähnliches erlebt - mit dem Ergebnis, dass sich wieder eine seiner Lebensweisheiten bewahrheitete: Im Fußballgeschäft sehe man sich eben immer zweimal.