bedeckt München

Borussia Mönchengladbach:"Wir sind da! Wir sind dran!"

-

Schock in der Nachspielzeit: Reals Casemiro (Mitte, in Weiß) platziert den Ball zum 2:2 im Mönchengladbacher Netz.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Obwohl sie eine 2:0-Führung gegen Real Madrid verschwenden, beschwören die Gladbacher nach dem 2:2 ihre Chance aufs Weiterkommen.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Glück ist ein flüchtiges Gefühl. Darüber könnten die Fußballer von Borussia Mönchengladbach mittlerweile in Seminaren referieren. Vielleicht bringt der Verein nach der Saison auch mal ein Fußballbuch der anderen Art heraus, einen psychologischen Ratgeber. Acht Pflichtspiele haben die Gladbacher in dieser Saison bislang absolviert, in vieren davon haben sie in den letzten Minuten, kurz vor dem Abpfiff, den Sieg verspielt. Gegen Union Berlin kassierten sie den Ausgleich in der 80. Minute, gegen den VfL Wolfsburg in der 85., bei Inter Mailand in der 90. - und am Dienstagabend gegen Real Madrid in der dritten Minute der Nachspielzeit; bis zur 87. Minute hatte man 2:0 geführt. Gladbach zeigt in dramatischer Chronologie Tendenzen zum immer späteren Unglück. Da muss man gespannt sein, wie die nächsten beiden Partien am Samstag gegen RB Leipzig und kommenden Dienstag bei Schachtjor Donzek laufen. Spätestens, wenn der vierte Offizielle die Nachspielzeit anzeigt, wird's interessant.

Nach dem unglücklichen 1:1 gegen Wolfsburg hatte Trainer Marco Rose noch genörgelt. "Selbst wenn man wie wir einen spielerischen Ansatz hat", sagte er, "muss man in der Schlussphase auch mal humorlos klären, da muss man sich am Ende noch mal pushen." Vier Tage später bekamen sie in Mailand das späte 2:2 und weitere sechs Tage später gegen Real das späte 1:2 sowie das noch viel spätere 2:2. Dienstagnacht hat Rose aber nicht über Humorlosigkeit und übers Pushen geredet, weil er wusste, dass er auf die Leistung seiner Mannschaft in beiden Spielen gegen solche europäischen Topteams nicht allzu viel kommen lassen durfte.

In Mailand zeigten die Borussen in der zweiten Halbzeit ein erstaunlich abgeklärtes, diszipliniertes und vorne hocheffektives Spiel, gegen Real Madrid haben sie ihre Qualität sogar noch mal gesteigert. Einem von Alassane Plea in der 33. Minute fabelhaft vorbereiteten 1:0-Führungstor durch Marcus Thuram folgte in der 58. Minute ein Thuram-Abstauber zum 2:0 nach einem Torschuss von Plea. Die beiden Franzosen im Gladbacher Team ärgerten Reals französischen Trainer Zinedine Zidane. Mit Thurams Vater Lilian als Kollege in der Nationalmannschaft war Zidane 1998 Weltmeister geworden. Im Jahr zuvor wurde Marcus geboren.

Erst ganz am Ende mussten die Gladbacher der hohen Qualität ihrer Kontrahenten jeweils Tribut zollen. Folglich haben nach dem wiederholten Glücksverlust in der Schlussphase alle dasselbe gesagt, einen Satz, der momentan auch so etwas wie ihr Saisonmotto sein könnte: "Jetzt sind wir erst mal enttäuscht." Die Enttäuschung war beide Male gravierend. Linderung versprach jedoch der Einschub "erst mal", weil sich in ihm die tiefere Erkenntnis verbarg, dass man auf diese Ergebnisse gegen Inter und Real durchaus auch stolz sein konnte. Sollten die Gladbacher (zwei Punkte) nun auswärts gegen Donezk (vier Punkte) gewinnen und Real (ein Punkt) daheim gegen Inter (zwei Punkte), dann stünden die Borussen zum Ende der Hinrunde in ihrer Vierergruppe glatt auf Platz eins.

Spitzenreiter in der Hammergruppe - dieses Glücksgefühl dürfte dann sogar drei Wochen anhalten, denn so lange dauert es, bis die Spiele in der Champions League wieder aufgenommen werden.

Letztmals qualifizierte sich Gladbach 1978 fürs Achtelfinale

Und so war es mit ein bisschen Abstand nicht das Gegentor zum 1:2 durch Karim Benzema (87.) und auch nicht jenes zum 2:2 durch Casemiro (90.+3), das den Trainer Rose beschäftigte. Er lobte vielmehr seine "tollen Jungs mit ihrem guten Charakter - und das gute Teamgefüge". Man hatte nicht unbedingt erwarten dürfen, dass die international noch nicht allzu erfahrenen Gladbacher mit diesen teils viermaligen Champions-League-Sieger-Fußballern (Toni Kroos, Sergio Ramos, Karim Benzema, Casemiro) würden mithalten können. Weil sie dazu eineinhalb Stunden lang ein enormes Laufpensum absolvieren mussten, war es nicht allzu verwunderlich, dass die Konzentration zum Ende hin ein wenig nachließ. "Wenn man schon ein bisschen kaputt ist, dann fällt es schwerer, die eigenen Angriffe sauber zu Ende zu spielen", sagte der Mittelfeldmann Christoph Kramer und erklärte damit auch, warum relevante Bälle allzu schnell verloren gingen und die stoischen Madrilenen in den letzten zehn Minuten "Flanke um Flanke" aufs Gladbacher Tor schlagen und letztlich davon profitieren konnten.

Immerhin blieben für die Borussen aus beiden Spielen zusammen zwei Punkte übrig. Die Gruppe, in der Real und Inter nach wie vor als Favoriten anzusehen sind, ist bislang unerwartet ausgeglichen. "Wir sind da! Wir sind dran!", sagt Rose über die Rolle seiner niederrheinischen Underdogs im Konzert der Weltklubs und verspricht: "Wir wollen versuchen, die Gruppe weiterhin spannend zu halten und unsere Chancen zu suchen." 1978 hat sich Borussia Mönchengladbach letztmals für ein Achtelfinale in der europäischen Königsklasse qualifiziert. Der große Gewinn zweier nicht gewonnener Spiele ist jetzt, dass die Hoffnung lebt, sich erstmals seit 42 Jahren wieder für die K.-o.-Runde dieses hochkarätigen Wettbewerbs qualifizieren zu können. Das wäre dann ein Glück, das nicht so schnell verginge.

© SZ vom 29.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema