Süddeutsche Zeitung

Borussia Mönchengladbach:Wie spät nachts auf einer rauschenden Party

  • Borussia Mönchengladbach überrascht als Tabellenzweiter in der Bundesliga.
  • Der Erfolg des Klubs liegt auch am Systemwechsel von Trainer Dieter Hecking.
  • Von dem profitiert auch Mittelfeldspieler Jonas Hofmann, dem erstaunlichsten Aufstieger dieser noch jungen Saison.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Jonas Hofmann mag in der vergangenen Saison manchmal noch gegrübelt haben, ob er sich zurecht gegen Handball und Golf entschieden hat. In beiden Sportarten zeigte der gebürtige Heidelberger als Jugendlicher großes Talent, und um ein Haar hätte sich der heute 26-Jährige einst für Handball entschieden. Dann aber war er im Alter von zwölf Jahren in die Jugendabteilung des damaligen Fußball-Regionalligisten TSG Hoffenheim gewechselt. Allerdings kam Hofmann über den Status des Talents lange nie so richtig hinaus.

Mit 18 Jahren wechselte er zu Borussia Dortmund, mit 23 zu Borussia Mönchengladbach. Dort hat er nun am Sonntagabend beim 4:0 gegen Mainz seine Bundesligatore acht, neun und zehn geschossen, innerhalb von nur 42 Minuten. Nachher wollte Gladbachs Trainer Dieter Hecking für sein Sorgenkind der Vorsaison nicht mal mehr ausschließen, dass Bundestrainer Löw Interesse entwickeln könnte. Hecking sagte: "Jonas Hofmann ist gerade eine DER positiven Erscheinungen der Bundesliga."

52 Bundesligaspiele hatte Hofmann in den vergangenen zweieinhalb Spielzeiten für Gladbach gemacht, ohne ein einziges Tor zu schießen. Wie bei seinen vorangegangenen Klubs hatte er meist auf der Außenbahn gespielt - mit mäßigem Erfolg. Hofmann war unzufrieden, Hecking war unzufrieden. Dann kam im Sommer der große Systemwechsel bei Gladbach: zu einem 4-3-3 mit zwei Mittelfeldspielern auf den Halbpositionen.

Und statt Denis Zakaria oder Christoph Kramer dort zu positionieren, bot Hecking Hofmann auf. Jetzt ist der frühere Junioren-Nationalspieler einer der lauf- und sprintstärksten Akteure der Liga, erobert viele Bälle und weiß damit allerhand anzufangen. Beim 2:0-Sieg zum Saisonauftakt gegen Leverkusen erzielte er sein erstes Bundesligator für Mönchengladbach, gegen Mainz ließ er die Treffer zwei, drei und vier folgen.

Früher galt es als Feiertag, wenn der unverzichtbare Raffael nach einer Verletzung zurückkam

Außerdem hat Hofmann drei weitere der bisher 19 Gladbacher Bundesligatore vorbereitet. "Jonas blüht gerade richtig auf", sagt Hecking. Und weil Hofmann dies mit Kollegen wie Thorgan Hazard, Alassane Plea oder Florian Neuhaus gemeinsam hat, schauen langjährige Stammkräfte der Borussia derzeit in die Röhre.

Es gab Zeiten in Mönchengladbach, da wurde die Trainingsrückkehr des Virtuosen Raffael nach Verletzungspausen als Feiertag zelebriert. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten dann am Borussia-Park Karussells und Losbuden aufgebaut und den Brasilianer auf einer Sänfte auf den Trainingsplatz getragen, einfach deshalb, weil im Gladbacher Spiel ohne den zentralen offensiven Mittelfeldspieler nicht viel gegangen ist. Gladbach war jahrelang abhängig von Raffael. Diese Zeiten sind vorbei.

An diesem Dienstag kehrt Raffael, 33, mal wieder ins Training zurück. Er hat fast zwei Monate pausieren müssen wegen Wadenproblemen, war nur in den ersten beiden Spielen zum Einsatz gekommen. Doch in diesen beiden Monaten ohne ihn haben die Gladbacher 16 Tore erzielt und von sechs Spielen vier gewonnen, zuletzt 3:0 in München, jetzt 4:0 gegen Mainz. Die Borussia ist erstmals seit vier Jahren Tabellenzweiter. Gladbachs Fußball fluppt - und der Kader platzt aus allen Nähten. Raffael war der letzte Verletzte, jetzt stehen alle Spieler wieder zur Verfügung. Der Brasilianer wird sich fühlen, als käme er spät nachts auf eine rauschende Party. Da muss man erst mal Anschluss finden.

Jetzt hat Hecking ein Problem, das er früher gerne gehabt hätte: die Qual der Wahl, aus dem Vollen schöpfen zu können, aber damit sieben Feldspielern vor dem nächsten Spiel erklären zu müssen, warum sie nicht zum Kader gehören und mindestens weitere drei nicht einwechseln zu können: "Das wird eine Herausforderung", sagt Hecking.

Vor dem Spiel gegen Mainz musste er Kramer begründen, warum er ihn trotz einer Topleistung beim 3:0 in München im zentral-defensiven Mittelfeld durch Tobias Strobl ersetzte. Kramer habe nicht gejubelt, berichtete Hecking, aber er habe es akzeptiert. Überhaupt sei die Stimmung in der Mannschaft auch unter jenen Spielern gut, die weniger oder gar nicht mitspielen; "Alle haben verstanden, um was es geht", sagt Hecking.

Drei Spielzeiten nacheinander (2013 bis 2016) war Raffael Gladbachs bester Torschütze. Danach war es Lars Stindl, dann Thorgan Hazard. Wer es in dieser Saison wird, wäre Stoff für ein Ratespiel, denn dafür kommen viele in Frage: der neue Stürmer Alassane Plea, der schon fünfmal getroffen hat, Hazard mit vier Treffern - oder wird es sogar Hofmann? Daran glauben sie bei der Borussia irgendwie nicht so richtig: "Es war sein erster Dreierpack - und bestimmt auch sein letzter", witzelte der grinsende Hazard am Sonntagabend so staubtrocken, dass man für den neuen schwarzen Teppich im Kabinengang dankbar war.

Diesen Gag hatte der Belgier allerdings nicht exklusiv: "So schnell wird mir das wohl nicht mehr gelingen", scherzte sogar Hofmann selbst - allerdings wohlwissend, dass er mit 26 Jahren seinen Durchbruch endlich geschafft hat und nun als Kandidat für die Nationalmannschaft gehandelt wird. Am nächsten Freitag gastiert Gladbach in Freiburg. Vielleicht schaut Jogi Löw dann ja schon genauer hin.

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Quelle:
SZ vom 23.10.2018/jbe
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