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Borussia Mönchengladbach:Nachspielzeit, heilige Zeit

Mönchengladbach, 07.11.2019 Schlussjubel: Marcus Thuram (BMG) mit Eckfahne Borussia Mönchengladbach - AS Rom *** Mönchen

Führt stolz die Gladbacher Eckfahne spazieren: Stürmer Marcus Thuram, Siegtorschütze zum 2:1 gegen die Roma.

(Foto: Moritz Müller / imago)

Schon wieder ein wichtiges Tor in letzter Sekunde, schon wieder Thuram als Machtwinner: Gladbach setzt gegen AS Rom seinen Siegeszug fort.

Wer klug plant, besorgt schon jetzt entspannt seine Weihnachtsgeschenke, aber so wie Marcus Thuram einzuschätzen ist, hetzt der Fußballer wohl erst am letzten Tag los. Es gibt Menschen, die alles ausreizen bis ultimo, und die Spieler von Borussia Mönchengladbach gehören in dieser Herbstrunde der Europa League definitiv dazu. Bei Basaksehir in Istanbul hatte Patrick Herrmann den 1:1-Endstand ebenso erst in der Nachspielzeit erzielt wie Lars Stindl zuletzt das 1:1 per Elfmeter bei AS Rom. Als es am Donnerstagabend im Rückspiel gegen Rom nach 90 Minuten 1:1 stand, schalteten die damit zufriedenen Römer bei jeder Spielunterbrechung in den Superzeitlupenmodus, während auf den Tribünen des Borussia-Parks seltsame Hektik aufkam. "Wenn du schon ein paar Spiele durch späte Tore gewonnen hast, dann glaubst du auch daran, dass du das immer wieder schaffen kannst", erklärte Gladbachs Trainer Marco Rose im Anschluss. Nachspielzeit, heilige Zeit - in Sachen Bescherung sind die Gladbacher dieses Jahr früh dran.

Denn in der fünften Minute der Nachspielzeit machten die drei derzeit besten Borussen tatsächlich den ersten Sieg dieser Europapokal-Saison perfekt: Denis Zakaria schlenzte den Ball in den Strafraum, Alassane Pléa legte ihn vom hinteren Pfosten per Kopf zurück ins Zentrum - und dort drückte ihn Marcus Thuram mit der Stirn ins Tor: 2:1 auf den letzten Drücker!

Danach riss der Franzose Thuram eine Eckfahne aus dem Rasen, stülpte sein Trikot darüber und schwenkte die Fahne lachend und tanzend vor den Fans. Das ist inzwischen sein Running Gag geworden, allerdings: Wenn ein anderer das Siegtor geschossen hat, dann leiht sich Thuram für seine Zeremonie auch gerne dessen Trikot. Die Gladbacher Siegtor-Statistik jedoch führt Thuram deutlich an.

Fünf Pflichtspiele hat die Borussia in dieser Saison mit einem Tor Vorsprung gewonnen - vier dieser Siegtore hat der 22- jährige Sohn des französischen Weltmeisterverteidigers Lilian Thuram erzielt: das 1:0 im Pokal in Sandhausen, das 2:1 gegen Düsseldorf, vorigen Samstag das 2:1 in Leverkusen und nun das 2:1 gegen Rom. "Ich habe mir die Stimmbänder rausgeschrien", sagte später der berauschte Torwart Yann Sommer über seinen Jubelbeitrag. Aber niemand muss sich um den Schweizer sorgen. Sommer wird am Sonntag zum Ligaspiel gegen Bremen intakte Stimmbänder mitbringen.

Von etlichen Fans wird man das hingegen nicht behaupten können. Wenn Überschwang der Stimme schadet, dann müssten Hustenbonbons in Mönchengladbach mittlerweile ausverkauft sein. Seit vier Wochen sind die Borussen Tabellenführer der Bundesliga, ihre zwischenzeitlichen Wachstumsschmerzen unter dem neuen Erziehungsberechtigten Rose hatten sie bisher separat in die Europa League entsorgt: Beim 0:4 gegen den österreichischen Underdog Wolfsberg erlitten sie einen Systemabsturz und bei den 1:1 in Istanbul und Rom kamen sie jeweils mit einem blauen Auge davon. Im Heimspiel gegen Rom drohte daher das vorzeitige Aus, aber mit Geduld, Spucke und dem bulligen Stehaufmännchen Thuram rangen sie die Italiener gerade noch nieder. "Man hat doch 95 Minuten Zeit, warum sollte man schon vorher mit dem Fußballspielen aufhören?", witzelte Torwart Sommer. In Zeiten ausufernder Bonusminuten soll nie wieder einer behaupten, ein Spiel dauere 90 Minuten.

Thurams Quote ist imposant: Wenn er in Pflichtspielen traf, konnte Gladbach sechs von sieben Spielen gewinnen. In den ersten Ligapartien hatte sich der für knapp zehn Millionen Euro vom französischen Erstligisten Guingamp gekommene Angreifer noch schwergetan, er war die Außenlinie rauf und runter galoppiert wie ein Stier in Pamplona und ließ technische Präzision vermissen. Zwar bewegt sich der 1,92 Meter große und fast 90 Kilo schwere Thuram auch jetzt nicht gerade wie ein Tänzer, aber er setzt seine Masse immer effektiver ein, um den Ball entweder im Fünfmeterraum ins Tor zu drücken oder wahlweise von der Grundlinie als flache Vorlage ins Zentrum zu jagen. Mit solch einer Vorlage hat er gegen Rom auch das 1:0 (35.) provoziert, dem Verteidiger Federico Fazio unterlief ein Eigentor.

Während die Gladbacher in der Bundesliga schon 21 Tore geschossen haben, sind ihnen in vier Europa-League-Spielen nur vier Tore gelungen, darunter ein Eigentor und ein unberechtigter Elfmeter. Dass die beiden anderen Treffer erst in der Nachspielzeit gelangen, kann ihnen aber niemand vorwerfen. Dass nach 90 Minuten alle vier Europacup-Spiele ohne selbsterzieltes Tor geendet hätten, irritiert den Trainer Rose überhaupt nicht - er hatte in seinen ersten vier Monaten in Mönchengladbach gar nicht mit einem solch durchschlagenden Erfolg gerechnet.

Nun fragen sich die heiseren Fans am Niederrhein, wie ihre Helden mit der Favoritenrolle weiter zurechtkommen und wie sie am Sonntag, 13.30 Uhr, gegen Werder auftreten. Der Torwart Sommer hat "nach intensiven Monaten mit großen Emotionen" ein ebenso simples wie vielversprechendes Erfolgsrezept: "Wir machen einfach so weiter." Die Bremer sollten also aufmerksam sein - je nach Spielstand besonders zwischen 15.15 und 15.25 Uhr.